Von Wolfgang Roth

Der Turmfalke ist ein hochspezialisierter Greif. Sein Ruf: ein scharfes "kikiki". Naturschützer wählten das Tier jetzt zum Vogel des Jahres.

Vogel des Jahres 2007: Der Turmfalke. (Foto: ddp)

Greifvögel aller Art zu bestimmen, ist für den Laien nicht so einfach. Mal ist es eine kleine Abweichung der Körpergröße, mal die Form des Schwanzes, mal sind es feinste Nuancen in der Färbung, die den Unterschied ausmachen. Wer aber in Mitteleuropa einen Greif sieht, der neben der Straße auf einem Begrenzungspfosten sitzt oder sich in einen Acker kauert, der kann kaum fehlgehen, wenn er auf einen Mäusebussard tippt.

Erstens handelt es sich hierzulande um die mit Abstand verbreitetste Art; zweitens hat sich der Mäusejäger mittlerweile auch auf überfahrene Kleintiere spezialisiert und lauert deshalb gerne neben dem Asphalt auf Beute.

Problemlos zu identifizieren ist aber auch ein zweiter, wesentlich kleinerer Greif - der Turmfalke, der vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und dem Landesbund für Vogelschutz in Bayern nun zum Vogel des Jahres 2007 gekürt wurde.

Das liegt nicht an seiner Gestalt, denn es gibt ähnlich zierliche Vertreter der Familie wie den Rötelfalken und den Merlin, welche aber in diesen Breiten wesentlich seltener sind. Nur der Turmfalke aber beherrscht jene ausgeprägte Form des Rüttelflugs, bei dem er mit schnell schwingenden Flügeln und schräg abgesenktem Schwanz quasi in der Luft steht und aus einer Höhe von zehn bis 20 Metern auf die Beute am Boden spechtet.

Etwas Kolibrihaftes

Dies sind in der Regel diverse Mausarten oder größere Insekten. Die schwereren Bussarde schaffen den Rüttelflug nur für kurze Zeit und bei Gegenwind. Kolibris praktizieren diese Technik am perfektesten, aber wer hätte hier schon einmal einen solchen Vogel gesehen!

Etwas Kolibrihaftes schwirrt zwar auch durch heimische Gärten und Balkone und steckt seinen langen Rüssel in die Blütenkelche. Es handelt sich aber um einen Schmetterling, das Taubenschwänzchen, das von Südeuropa aus mittlerweile auch Deutschland erobert hat.

Den Turmfalken aber sieht man häufig über Straßenrändern und Böschungen rütteln. Falco tinnunculus wird 35 Zentimeter groß, die Spannweite der Flügel kann 75 Zentimeter erreichen. Ausgewachsene Männchen haben einen aschgrauen Kopf mit dunklem Bartstreif, eine rotbraune, schwarz gepunktete Oberseite und einen ins Hellblau-Graue spielenden Schwanz mit schwarzer Endbinde. Beim Weibchen sind Kopf, Rücken und Schwanz rostbraun, die Unterseite ist stärker gefleckt.

Den Ruf, ein schnell wiederholtes, scharfes kikiki, stößt der Vogel meist im Flug aus - daher die lateinische Bezeichnung tinnunculus (schellend, klingend).

Nicht gefährdet

Turmfalken sind Kulturfolger der ersten Stunde. Wie Mauersegler, Eulen und Rotschwänze besiedelten sie schon mittelalterliche Städte und schwärmten von dort zur Nahrungssuche ins Umland aus. Anders als der erste Jahresvogel, der 1971 ausgewählte Wanderfalke, ist der Turmfalke keine gefährdete Art in Deutschland; es gibt hier etwa 50 000 Brutpaare.

Er ist damit ähnlich prägend für das Land wie der Rotmilan, der in Sachsen-Anhalt weltweit seine dichteste Verbreitung hat. Die Bestände gehen aber teilweise zurück, am stärksten in Baden-Württemberg. Es fehlt an Einflugöffnungen in Kirchtürmen und anderen hohen Gebäuden, welche bevorzugt als Nistplätze dienen.

Oft liegt es daran, dass Tauben abgehalten werden sollen. Eine Alternative sind spezielle Nistkästen, die auch von Schleiereulen angenommen werden.

Im Umland der Siedlungen wird das Nahrungsangebot des "Rüttelfalken" durch die intensive Landwirtschaft eingeschränkt, weil es an Lebensraum für die als Beute dienenden Kleinsäuger fehlt. Wo es keine einzeln stehenden Bäume und Hecken gibt, hat der Greif keine Ansitzmöglichkeit und muss viel Energie im Spähflug verbrauchen.

In Zeiten magerer Maus-Populationen verlegt er sich nach Art der anderen Falken auch auf die Jagd nach anderen Vögeln. Gut möglich, dass sich das Nahrungsspektrum des Turmfalken noch weiter in dieser Richtung verändert. Gerade in den Siedlungen nämlich nimmt die Vielfalt und die Zahl der Singvögel stark zu.

(SZ vom 14.10.2006)

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