Von Christian Guht

Wer anders tickt, kann davon etwas haben: Über die Beziehungen zwischen Kreativität und psychischer Störung

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Wolfgang Amadeus Mozart tickte nicht richtig. Bei Hofe war es ihm unmöglich, länger still zu sitzen, er wählte dort außerdem gerne eine unpassende Ausdrucksweise. In Briefen wechselte Amadeus schon mal unvermittelt zu sinnlosen Reimereien und unterzeichnete mit „Herzlichst Ihr Süssmaier Scheißdreck“.

Das exzentrische Gebaren des Komponisten lässt Forscher vermuten, Mozart habe am Tourette-Syndrom gelitten. Einer Krankheit, die durch unkontrollierbare Tics und Zwänge gekennzeichnet ist. Grimassieren und verbale Obszönitäten sind typische Merkmale der Störung.

Zwar sind Mozarts Eigenarten überliefert, doch die Diagnose „Tourette“ ist mehr als 200 Jahre nach seinem Tod hypothetisch. Wahrscheinlich aber ist, dass das bizarre Verhalten eine Kehrseite seiner außerordentlichen Kreativität war.

Tatsächlich mehren sich die Hinweise dafür, dass abweichendes Erleben oft mit besonderer Schaffenskraft einhergeht.

Auf dem Petersberg-Symposium in Königswinter diskutierten Nervenärzte und Kulturwissenschaftler vor kurzem die Zusammenhänge zwischen Kreativität und psychischer Krankheit. „Manche Störungen beinhalten die kreative Fähigkeit, assoziativ und unkonventionell zu denken“, so Wolfgang Maier, Psychiater an der Universität Bonn.

Umgekehrt seien kreativ begabte Menschen anfällig dafür, seelisch zu entgleisen. So treten affektive Störungen – also Gemütskrankheiten wie die Depression – überdurchschnittlich häufig bei Schriftstellern und Künstlern auf.

Besonders die so genannte Cyclothymie befällt sie öfter als andere Menschen. Damit ist eine Form der manisch-depressiven Erkrankung gemeint, bei der die Depression überwiegt und nur selten von Manien durchbrochen wird oder sich mit schwachen manischen Phasen – den Hypomanien – abwechselt.

„In dieser Konstellation kann der Melancholiker am besten von seiner Sensibilität profitieren, da ihm das hypomane Temperament die nötige Energie verleiht“, sagt Wolfgang Maier. Der hypomane Charakter mit seiner Tendenz zur Geschäftigkeit und Selbstüberschätzung stellt aber auch einen Selektionsvorteil für andere Berufe dar. Unter Managern findet sich dieser Wesenszug häufig.

Wechselbad der Gefühle


Erst wenn das gesunde Selbstvertrauen in Größenwahn und sinnlose Aktivität umschlägt, die Hypomanie also in die Manie kippt, kann der Betroffene von seinem Anderssein nicht mehr profitieren.

Aus dem Wechselbad der Gefühle schöpfte auch Robert Schumann Positives. Die für seine Musik typischen überraschenden Wechsel interpretieren Musikwissenschaftler und Psychiater als Ausdruck einer manisch-depressiven Störung. In hypomanen Phasen war Schumann nicht nur „schöner Laune“, sondern auch produktiv.

Die Frühlingssymphonie entstand in einer solchen Zeit; allein 1840 schrieb Schumann 126 Lieder. Wenn er aber über „schwere Anfälle von Melancholie“ klagte, folgten Monate der Untätigkeit. Später glitt er ab und komponierte nicht mehr. Wohl auch beeinträchtigt durch eine Syphilis des Nervensystems starb er geistig umnachtet.

Der Hang zum „Nervenfieber“ war in Schumanns Familie auffällig. Mittlerweile ist belegt, dass die Neigung zur Psychose genetisch bedingt ist. Familienstudien machen aber auch die Nähe von Genie und Wahnsinn deutlich. Eine isländische Untersuchung hat gezeigt, dass sich in Familien von Psychotikern deutlich mehr Schriftsteller, Mathematiker und Wissenschaftler befinden als in „normalen“ Familien.

„Das macht die Anlage zu gemeinsamen Fähigkeiten deutlich“, sagt Hagop Akiskal, Psychiater an der Universität San Diego. So deckten sich kreative Eigenschaften wie Offenheit oder Originalität mit Merkmalen psychotischen Denkens. Die Studie zeige auch, dass diejenigen am kreativsten sind, die zwar die Neigung geerbt haben, aber selbst nicht krank werden. Deshalb könne man nicht davon ausgehen, dass psychisch Kranke immer kreativ seien. „Nach unseren Daten sind acht Prozent der Manisch-Depressiven Künstler, was im Vergleich zur Normalbevölkerung viel ist, aber 92 Prozent sind es eben nicht“, so Akiskal.

Auch unterscheiden sich die Spielarten des Irrsinns in ihrem kreativen Potenzial. Da bei der Schizophrenie oft die Sprache zerfällt, eignet sie sich nich sehr gut zum Dichten. Dafür malen manche der Patienten eindrucksvoll. Von Tourette-Kranken weiß man, dass sie ihre Zwangsimpulse bei automatisierten Handlungen wie dem Musizieren unterdrücken können.

Sollte Mozart daran gelitten haben, war sein Schaffensdrang wohl auch einer intuitiven Selbsttherapie geschuldet.

Diesen hilfreichen Impuls beobachtete Akiskal auch bei Blues-Musikern. Bei ihnen fand er gehäuft cyclothyme Störungen. „Die Musiker fangen ihre emotionalen Schwankungen in der Musik auf. Diesen Krankheitsgewinn darf man nicht wegtherapieren“, sagt Akiskal. Vielmehr sollte man das kreative Potenzial der Psychosen therapeutisch nutzen. Das trage auch dazu bei, die Betroffenen zu entstigmatisieren und den Irrglauben zu entkräften, dass „abwegig“ automatisch mit „krank“ gleichzusetzen sei.

Trotz aller bisherigen Erkenntnisse kann Kreativität noch nicht biologisch erklärt werden. Einerseits seien ihre psychologischen Bausteine wie Tatkraft, Assoziationsreichtum oder Phantasie nur unscharf definiert. Und auch die Methode, geistige Leistung mit der Hirndurchblutung im Kernspintomogramm zu korrelieren, führe nicht weiter. „Jemand der eine standardisierte Aufgabe erfüllt, ist ja nicht kreativ“, sagt Maier.

(SZ vom 25.5.2004)

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