Von Philip Wolff

Meteorologen verdächtigen das Militär, Wolken zu erzeugen, die im Radar, nicht aber am Himmel zu sehen sind.

Die seltsamen Ereignisse in der Atmosphäre, die zurzeit als „Geisterwolken“ Karriere in den bunten Nachrichtenspalten machen, geben Wissenschaftlern ein unterhaltsames Rätsel auf. Zum ersten Mal aufgefallen war am 19. Juli vergangenen Jahres ein breites Wolkenband, das sich auf den Radarbildern der Meteorologen von der Nordseeküste bis nach Nordbayern ausdehnte.

Seltsame Wolken: technischer Fehler, militiärisches Manöver oder alles Natur? (Foto: dpa)

Zehn Stunden lang war es zu sehen – allerdings nur im Echo der Radargeräte. Denn Satellitenbilder zeigten: Tatsächlich gab es dort am Himmel keine Regenwolken. „Solche Ereignisse führen dank Abgleich mit Satellitenbildern nicht zu Fehl-Warnungen, sie sind aber in letzter Zeit immer wieder zu beobachten – besonders deutlich zuletzt am 7.April“, berichtet der Meteorologe Jörg Asmus vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach: Wolkenbilder aus dem Nichts.

Der Verdacht der Experten lautet, militärische Übungen zur Irreführung feindlicher Radars mit Hilfe haarfeiner, metallbeschichteter Fäden steckten dahinter. Militärflugzeuge streuten diese so genannten Düppel in der Atmosphäre aus, die ein Echo wie schwere Regenwolken erzeugten.

Weil sich bislang jedoch nur ein privater Wetterdienst in die Irre geleitet sah und verärgert eine mögliche Umweltverschmutzung zur Anzeige gegen Unbekannt brachte, ermittelt jetzt „mit wenig Aussicht auf Erfolg“ die Bonner Staatsanwaltschaft: „Wir bräuchten natürlich Fakten“, sagt Oberstaatsanwalt Friedrich Apostel.

Das Verteidigungsministerium weiß von nichts

Und auch im Verteidigungsministerium, das in dieser Woche eine Anfrage des Hannoveraner Landtagsabgeordneten Ralf Briese (Grüne) beantworten wird, ist man ratlos: „Die Bundeswehr hat damit jedenfalls nichts zu tun“, sagt ein Ministeriumssprecher

So lässt die Rätselhaftigkeit der Wolken die Aufregung höher kochen, als es Fachleuten lieb ist. Denn sie gibt Verschwörungstheoretikern Auftrieb, die geheime Experimente in der Atmosphäre befürchten.

„Dabei ist die einfache Düppel-Theorie sehr wahrscheinlich richtig“, sagt der DWD-Meteorologe Asmus. So seien die Phantom-Echos besonders gut um die Tage des großen Nato-Manövers „Brilliant Mariner“ zwischen dem 24.März und dem 6.April zu beobachten gewesen, zu dem 17 Nationen ihre Verbände in die Nordsee entsandt hatten.

Und über der Nordsee vor der holländischen Küste soll auch die erste Geisterwolke vom 19. Juli 2005 entstanden sein. „Eine andere Erklärung als die Düppel gibt es bislang nicht“, sagt Asmus.

Seit dem Zweiten Weltkrieg, als sie erstmals über Berlin-Düppel eingesetzt wurden, finden die metallbedampften Kunstfasern in aller Welt militärische Verwendung. Auch von amerikanischen Meteorologen ist bekannt, dass sie hin und wieder mit Fehlsignalen zu kämpfen haben, wenn Flugzeuge bei militärischen Übungen Düppel in die Atmosphäre streuen – bereits am 6. Juni 1997 etwa, als der National Weather Service Gewitter über der kalifornischen Edwards Air Force Base aufziehen sah, die es gar nicht gab. Ein Jahr zuvor hatte es falschen Hagel-Alarm in Utah gegeben.

Dennoch war die Verwirrung auch unter deutschen Atmosphären- und Geoforschern zunächst so groß, dass sie sämtliche alternativen Ursachen für die Phantomwolken geprüft haben: Hatten Flugzeuge Kerosin abgelassen, oder gar Industrieanlagen ihre ionisierten Gase?

Mikrowellen, Phantomwolken und Ratlosigkeit

Nein, denn der Treibstoff verdampft in der Atmosphäre so schnell, und ionisierte Gase sammeln so rasch freie Elektronen ein, dass beide nicht über mehrere Stunden von Radars erkannt werden können. Auch Vogelschwärme schieden aus, weil die Geisterwolken keine Eigenbewegung zeigten. Und so starke Sprünge in der Temperatur und Luftfeuchtigkeit, dass sie zu Brechungseffekten der Radarsignale führen, gibt es in der Geisterwolken-Höhe von drei bis sechs Kilometern normalerweise nicht.

All diese Fragen und Antworten hat Asmus mit Hilfe von Experten aus Holland und Deutschland zusammengetragen, darunter auch Atmosphären-Physiker des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Hans Volkert vom DLR resümiert: „Man sollte weiter versuchen, den Verursacher zu ermitteln, und dieser sollte künftig die Wetterdienste in den möglicherweise betroffenen Ländern in Kenntnis setzen, bevor er wieder solche Versuche unternimmt.“

Am 4. August vergangenen Jahres hatten niederländische Meteorologen zuletzt eine Phantomwolke gesichtet. Und seit Ende März tauchten immer wieder solche Gebilde über Deutschland auf. Die Bundeswehr jedoch scheidet nach Angaben des Verteidigungsministeriums als Bösewicht aus, weil sie Düppel „nie in einer solchen Konzentration“ aussetze, sondern nur kleinräumig und nur über Wasser, um fiktive Ziele für radargesteuerte, feindliche Raketen zu erzeugen.

„Wir haben keine Erklärung für das Phänomen“, sagt der Sprecher des Verteidigungsministeriums. Der Bonner Meteorologe Karsten Brandt, der Anzeige erstattet hat, reagiert darauf verwundert: „Wie ist dann zu erklären, dass wir auch für die Jahre 1998 und 2000 Phantomwolken ermitteln konnten, die einmal über dem Pfälzer Wald und einmal nordwestlich des Sauerlandes entstanden sein müssen?“

Hoffnung machen sich die Wetterbeobachter nun darauf, eines Tages mit speziellen Radars selbst nachschauen zu können, woraus geheimnisvolle Wolken-Objekte am Himmel bestehen: Senden die Beobachter polarisierte Mikrowellen aus, die senkrecht schwingen, können sie auch auf die Form der Objekte, ob Regentropfen, Hagelkörner oder Düppel, Rückschlüsse ziehen.

„Allerdings sind die Routine-Netzwerke zur Wetterbeobachtung noch nicht polarimetrisch ausgerüstet“, sagt Volkert vom DLR. „Das ist erst in Planung.“ Noch eine Weile dürften die Geisterwolken ihr Geheimnis also behalten.

(SZ vom 25.4.2006)

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