Von Christina Berndt

Ein Vortrag, ein Zeitungsartikel und heftige Kritik: Göttinger Wissenschaftler werfen einem Kollegen aus Münster Unverschämtheiten vor. Aber wurde der vielleicht falsch zitiert?

Stammzellen aus einer Maus. (Foto: dpa/Uni Bonn)

Göttinger Stammzellforscher sind erzürnt. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mussten sie am Donnerstag lesen, ihr bekannter Kollege Hans Schöler aus Münster zweifle die Ergebnisse ihrer Arbeit an.

Die Göttinger um Gerd Hasenfuß und Wolfgang Engel hatten vor zwei Jahren in den Hoden von Mäusen Zellen gefunden, welche die Fähigkeiten von embryonalen Stammzellen besitzen. Eine moralisch saubere Quelle für die begehrten Zellen schien gefunden zu sein.

Die Göttinger Zellen seien aber gar nicht so wandlungsfähig wie embryonale Stammzellen, zitierte die FAZ nun Hans Schöler, den Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin. Vielmehr sei ihm als erstem das Kunststück gelungen, erwachsene Zellen zu finden, die sich ohne weitere Eingriffe zu embryoartigen Zellen entwickelten.

Das wertet Wolfgang Engel nun als "eine bodenlose Unverschämtheit". Längst sei die Wandlungsfähigkeit der Hodenzellen nach Göttinger Art international bestätigt worden, sagte er der SZ. Schöler diskreditiere die Forschung, "weil er’s selbst nicht hinbringt".

Auch andere Experten in Sachen Stammzellen zeigten sich über Schöler irritiert. Schöler selbst nahm zu den Vorwürfen keine Stellung. Die Pressereferentin seines Instituts, Jeanine Müller-Keuker, erklärte jedoch: "Herr Schöler wollte die Göttinger Wissenschaftler in keiner Weise angreifen."

Er sei falsch zitiert worden. "Ich denke, dass Herr Schöler betrübt ist, vorläufige Daten nicht der Fachwelt vorstellen zu können, ohne dass es falsch aufgegriffen wird." Schöler hatte über seine noch unpublizierten Forschungsergebnisse auf einem Kongress in Dresden berichtet.

Der Streit zeigt, wie heiß die Jagd von Wissenschaftlern nach Embryozellen aus dem erwachsenen Körper ist - und die der Medien nach Nachrichten über solche Zellen. Denn so wie angeblich in jedem Mann noch ein Kind steckt, scheint tatsächlich in jeder Körperzelle das Potential zum Embryo verborgen zu sein.

Bisher mussten Forscher den Körperzellen die Embryo-Eigenschaften allerdings mit reichlich brutalen Methoden entlocken. So verwandelten japanische Wissenschaftler vor zwei Jahren Hautzellen von erwachsenen Mäusen (und später auch von Menschen) tatsächlich in die begehrten embryonalen Stammzellen.

Diese haben die faszinierende Fähigkeit, sich zu allen Geweben des Körpers entwickeln zu können und so womöglich eines Tages Ersatzgewebe für schwerkranke Patienten zu liefern. Embryonen brauchten die Japaner dafür nicht. Sie behandelten einfache Hautzellen mit einer Mischung aus vier Genen, welche die Fachwelt fortan ehrfürchtig nur noch "den Cocktail" nannte.

Allerdings befanden sich auch Krebsgene darunter. Die Therapie von Patienten war damit nicht nähergerückt: Niemand möchte Zellen mit Krebsgenen eingepflanzt bekommen, auch wenn sie vielleicht seine Krankheit heilen könnten.

Hans Schöler ist nun sanfter vorgegangen. In seinem Labor entwickelten sich die embryoartigen Zellen wie von selbst aus einfachen Stammzellen, die er aus den Hoden von Mäusen gewonnen hatte. (Die Göttinger Embryo-Zellen stammten dagegen direkt aus Mäuse-Hoden.)

Doch gleich ob nach Göttinger oder Münsteraner Art: Männer müssten für eine Therapie Hodengewebe entnehmen lassen. Und dass die Erkenntnis auch für leicht verfügbare Zellen wie Hautzellen gilt, ist unwahrscheinlich. Schließlich sind Hodenzellen lange nicht so erwachsen wie andere Körperzellen - aus ihnen müssen bei der Zeugung ja noch echte Embryos und ganze Kinder entstehen.

So geht die Suche nach einem einfachen Zugang zu Embryo-ähnlichen Zellen weiter. Erst jüngst hat Schöler gleich zwei - tatsächlich neue - Ansätze präsentiert: So hat er "den Cocktail" zu einem Longdrink vereinfacht, indem er für die Verwandlung nur noch zwei der vier Gene brauchte.

Allerdings hat er auch dabei keine gewöhnlichen Körperzellen genommen, sondern eine Art Stammzellen aus dem Gehirn, die noch dazu die beiden fehlenden Gene selbst herstellten. Gehirngewebe ist aber noch weniger zugänglich als Hodengewebe.

Praxistauglicher scheint da Schölers andere Entdeckung zu sein: Er zeigte, dass ein kleines Molekül namens Bix eines der Cocktail-Gene ersetzen kann (Cell Stem Cell, 5. Juni). Ob Bix harmloser ist als der Cocktail, muss sich allerdings noch zeigen

(SZ vom 11.07.2008/mcs)

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