- Zum ersten nehmen an Studien nie alle Menschen teil, die gebeten werden. Besonders von den Kontrollpersonen, die nicht an Krebs erkrankt sind, sagen viele ab; und Menschen mit höherer Bildung und besserer Gesundheit machen eher mit, was das Ergebnis verzerren kann. Bei den skandinavischen und britischen Daten hatte das die absurde Folge, dass regelmäßiger Handy-Gebrauch vor Hirntumoren zu schützen schien. Wenn solche Fehler auftreten, unterschätzen die Forscher das Risiko also.

- Zum zweiten mussten die Interphone-Forscher die Menschen fragen, wie viel sie früher telefoniert haben. Dem Erinnerungsvermögen misstrauen Fachleute jedoch. Deshalb gehört zum Interphone-Projekt eine Studie, bei der das Gedächtnis von Testpersonen mit den Aufzeichnungen der Mobilfunkfirmen über das Telefonverhalten dieser Leute verglichen wird. Alle Befragten neigten demnach im Mittel dazu, die Zahl der geführten Telefongespräche zu unter- und deren Dauer zu überschätzen. Einzelne Teilnehmer machten ohne System große Fehler. Das trägt den Forschern zufolge ebenfalls dazu bei, ein eventuelles Risiko zu unterschätzen.

- Zum dritten könnten vor allem Krebspatienten ihren Handygebrauch überschätzen. Forscher haben stets vermutet, die Kranken könnten ihr Leiden ihrem Handy zuschreiben und deshalb ihren Gebrauch zu hoch angeben. Tatsächlich zeigte sich eine ähnliche Tendenz in einer Interphone-Teilstudie. Die Patienten, aber nicht die Kontrollpersonen schätzten den weiter zurückliegenden Gebrauch ihres Telefons zu hoch ein. Das könnte dazu führen, dass das errechnete Risiko höher ist als das reale.

Das Interphone-Team muss sich also einigen, ob die Fehler ein mögliches Risiko übertreiben oder überdecken. "Das alles spielt aber nur eine Rolle, wenn Mobiltelefone überhaupt einen Effekt auf das Krebsgeschehen haben", sagt Maria Feychting vom Karolinska-Institut in Stockholm, die den schwedischen Arm der Studie leitet. Sie hält das Risiko, wenn es eines gibt, für klein. "Aber gerade dann ist die Gefahr groß, dass Fehler den Nachweis verhindern."

Viele Fachleute mögen nicht mehr auf die Endergebnisse warten und haben Warnungen ausgesprochen. Schlagzeilen bekam eine Gruppe von 23 Forschern, die vor allem aus Frankreich und den USA stammen. Alle Unterzeichner betonen, Mobiltelefone seien nützliche Geräte, und sie selbst würden weiter welche benutzen. Es gebe aber zunehmend Belege, dass es vernünftig sei, die Belastung durch Handystrahlung zu reduzieren.

Kinder besser nicht ans Mobiltelefon lassen

In ihrem Aufruf geben die Unterzeichner zehn Tipps - zum Beispiel Kinder nicht mit Handys telefonieren zu lassen und Freisprecheinrichtungen zu benutzen. "Wir können nicht sagen, Vorbeugung ist nötig. Aber die vorhandenen Daten drängen uns dazu, auf diese klugen und einfachen Vorsichtsmaßnahmen hinzuweisen", heißt es in dem Appell.

Das hat auch bei Interphone-Forschern ein Echo gefunden. Sowohl Elisabeth Cardis als auch Martine Hours stimmen den Verhaltenstipps im Wesentlichen zu. "Die Studien, die die Unschädlichkeit von Handys in Zweifel ziehen, sind zahlreich genug, um Vorsicht zu rechtfertigen", sagt Hours.

Noch weiter gehen ihre israelischen und australischen Kollegen. "Die Zeit ist vorbei, als man noch sagen konnte, die Technik ist harmlos; offenbar schadet sie der Gesundheit", sagte die Leiterin der Interphone-Gruppe in Tel Aviv der Zeitung Haaretz. Bruce Armstrong von der Universität Sydney äußerte sich ähnlich, wenn auch etwas verquast im australischen Fernsehen.

Große Wellen gab es schließlich, als Ronald Herberman, einer der 23 Unterzeichner des Appells und Direktor des Krebsinstituts der University of Pittsburgh, den Aufruf im Juli per E-Mail an alle Angestellten weiterleiten ließ. "Wir sollten nicht auf eine endgültige Studie warten, sondern lieber jetzt auf der sicheren Seite irren als es später bereuen", begründete er seinen Schritt.

Danach sind Medien über ihn hergefallen. "US-Forscher verbreiten Krebsangst", titelte ein deutscher Online-Nachrichtendienst. Die Daten, auf die sich Herberman berufe, seien weder publiziert noch von unabhängigen Experten geprüft. Das ist falsch: Die Gruppe der 23 bezieht sich unter anderem auf die ordentlich publizierten Interphone-Daten mit ihren Hinweisen auf Krebsgefahr bei Langzeitnutzern.

Auch die Tipps haben sich die 23 nicht aus den Fingern gesaugt. Ähnliche Ratschläge geben die Behörden in vielen Ländern, auch in Deutschland. "Es ist doch offensichtlich: Wenn man die Belastung mindern kann, ohne dass der Nutzen des Handys leidet, soll man es tun", sagt der Finne Anssi Auvinen, der nicht im Verdacht steht, hysterisch zu sein.

Ob der langerwartete Interphone-Abschlussbericht die aufgeheizte Stimmung beruhigen kann, ist fraglich. "Wir haben die letzten Fälle 2003 in die Studie aufgenommen, damals gab es noch kaum Langzeitnutzer", sagt Schüz. Das beschränkt die Aussagekraft der Untersuchung. Auch die Frage, ob Zigaretten oder Asbest Krebs auslösen, hätte schließlich niemand allein mit Zehn-Jahres-Daten beantworten können.

Gut möglich also, dass im Interphone-Report wenig Daten auf viel Interpretation treffen. Dann aber ist zweifelhaft, ob der Bericht überhaupt jemanden überzeugen wird, seine bisherige Meinung zu ändern. "Es muss viel passieren", seufzt die Mainzer Forscherin Maria Blettner, "bis Wissenschaft Vorurteile ausräumen kann."

(SZ vom 22.8.2008/beu)

(Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2)

In diesem Artikel:

  1. Seite 1
  2. Sie lesen jetzt Seite 2