25. Februar 2012, 15:55 Panne am Forschungszentrum Cern Von der Freude des Laien, wenn in der Wissenschaft was schiefgeht

Ein schlecht sitzender Stecker, sieh an, ist mir auch schon passiert: In diesem Sinne schönen Dank an die Teilchenforscher am Cern, bei denen ein loses Kabel eine mögliche Physikrevolution in Frage stellt. Es bleibt vorderhand also in der Schwebe, ob die Relativitätstheorie widerlegt ist und die Welt samt Weltall neu definiert werden muss. Die Schadenfreude wird jedenfalls noch eine ganze Weile auf den Physikern lasten.

Ein Kommentar von Hermann Unterstöger

Dass die Relativitätstheorie, bei all ihrer Größe, Schönheit und Wichtigkeit, in den Köpfen der Durchschnittsmenschen angekommen sei, kann man nun wirklich nicht behaupten. Was aber die Beschlageneren unter uns angeht, so könnten sie die komplexe Materie vielleicht sogar erklären, wären da nicht die Laien, die ihnen ständig mit "Jetzt, da schau her" und "Wahnsinn" in die Parade fahren.

Der Laie verhält sich zu wissenschaftlichen Sujets, die ihm, wie er zuverlässig ahnt, auf ewig verborgen bleiben, durchaus ambivalent. Einerseits rächt er sich für seine Unzulänglichkeit dadurch, dass er die Rolle des eigentlichen Kenners usurpiert und von diesem vermeintlich sicheren Port aus das unerreichbar Große beschießt.

Die Wissenschaftsredakteure können ein ebenso langes wie aberwitziges Lied von Leuten singen, die ihnen vor dem Verlag oder bei Symposien auflauern und unter verschwörerischem Getue Dossiers zustecken, in denen, wie sie raunen, endlich die Relativitätstheorie widerlegt wird.

Auf der anderen Seite gibt es die gewissermaßen fidelen Laien, die von ihrem Unwissen sagen, dass sie dazu stünden. Sie richten keinen Schaden an, sieht man einmal davon ab, dass sie öfter als nötig die Frage "Was ist relativ?" stellen und auch gleich selbst mit dem alten Scherz beantworten: "Wenn man mit nacktem Hintern auf der heißen Herdplatte sitzt, ist eine Minute relativ lang."

Ihre Apotheose erlebt diese grundgemütliche Bescheidenheit bei der Schnurre, die auch Harry Rowohlt nur zu gerne vorträgt und die darin besteht, dass Einsteins Frau zu dem Denker an ihrer Seite sagt: "Albert, träum nicht. Iss!"

Ein schlecht sitzender Stecker - sieh an!

So oder so hat der Laie seine Freude, wenn es in der Wissenschaft einmal richtig schiefgeht, und am größten ist diese Freude, wenn er den Fehler erkennt oder zu erkennen glaubt. Das ist ja das Feine an der Panne mit den angeblich schneller als Licht sausenden Neutrinos, dass nun jeder sagen kann: Ein schlecht sitzender Stecker, sieh an, ist mir auch schon passiert, erst vorigen Sommer, als die Bohrmaschine partout nicht anspringen wollte, und ich schon dachte, sie sei kaputt.

Ganz so simpel wird es zwar nicht zugegangen sein, als die Physiker ihre Elementarteilchen 730 Kilometer weit von Genf nach Italien schossen und diese, Einstein und der Relativitätstheorie zum Trotz, 60 Nanosekunden schneller als Licht waren. Das heißt, wer weiß, ob sie die Nase wirklich so weit vorn hatten, da wird man noch nachmessen müssen.

Es ist also vorderhand in der Schwebe, ob die Welt samt Weltall neu definiert werden muss und ob die Krümmung der Raumzeit so bleiben kann, wie sie jetzt ist. Bis das geklärt ist, darf der Vorfall unter der Rubrik "Da lacht der Teilchenphysiker" abgelegt werden. Sie gehört ins Fach "Heitere Wissenschaft", das nicht nur von Pleiten und Pannen weiß, sondern auch von den schönen Zufällen, die dem Geist erst auf die Sprünge halfen. Wobei auch hier nicht sicher ist, ob's stimmt.

So sagt man, dass Isaac Newton eines Tages von einem herabfallenden Apfel getroffen worden sei, woraufhin er das Gravitationsgesetz erfunden habe. Das kann so gewesen sein. Wahrscheinlicher ist, dass Newton längst entsprechende Gedanken wälzte und sich, als er den Apfel fallen sah, höchstens dachte: Auch du, mein Sohn Brutus. Spekulation am Rande: Worauf wäre Newton gekommen, wenn ihm ein schlecht sitzender Stecker auf den Fuß gefallen wäre?

Die Panne von Genf könnte sich übrigens als Vorteil für Einstein erweisen. Das hängt mit der Schadenfreude zusammen, die jetzt eine ganze Weile auf den Physikern des Forschungszentrums Cern sitzenbleiben wird.

Im Gegenzug wird man feststellen, dass dieser Einstein doch mehr konnte als Geige spielen und die Zunge herausstrecken. Man wird vermuten, dass er bei dieser Sache aus dem Jenseits seine Finger im Spiel hatte, und voller Respekt sagen: Albert, der Trick mit dem Stecker war relativ gut.