25. September 2010, 20:21 Schlafverhalten Die Nacht ist nicht nur zum Schlafen da

Durchschlafen wird überbewertet: Kulturwissenschaftler entdecken die Vielfalt der Schlafkulturen und begründen, wieso wir im Bett auf allzu enge Normen verzichten sollten.

Von Christian Weber

Alle glücklichen Schläfer gleichen einander; jeder unglückliche Schläfer ist auf seine eigene Weise unglücklich. So sehen es bislang die Mediziner, die derzeit knapp 90 unterschiedliche schlafbezogene Störungen definieren: Da gibt es die Insomnien, die Parasomnien und die Hypersomnien, das nächtliche Zähneknirschen, das Restless-Legs-Syndrom, die Schlafapnoe, die Narkolepsie, sonambulische Wanderungen und die gespenstischen REM-Schlafstörungen, bei denen der Betroffene seine Trauminhalte ausagiert, auch wenn sie gar nicht süß sind.

Anders beim glücklichen Schläfer: Einer repräsentativen Erhebung zufolge geht der erwachsene Mensch in Deutschland um durchschnittlich 23:04 Uhr in einem dunklen und ruhigen Raum zu Bett, verliert eine Viertelstunde später sein Bewusstsein und wacht nach sieben Stunden und 14 Minuten wieder auf.

Dabei liegt er von frühester Kindheit an allein im Bett; nach geglückter Partnersuche dann immer zu zweit, bis dass ein Richter oder ein noch tieferer Schlaf sie scheidet. So oder so ähnlich, vielleicht mit 30 bis 40 Minuten mehr Bettzeit, sollte Ratgebern zufolge die Schlafkarriere des Mitteleuropäers aussehen. Tut sie das nicht, bestehe womöglich Therapiebedarf. Vielleicht genügt auch eine neue Matratze - die Schlafindustrie mit ihren Produkten steht bereit. Geht's wirklich nur so?

"Ach was", sagt der Wissenschaftshistoriker Philip Osten von der Universität Heidelberg, der unter anderem zur Geschichte des Schlafes forscht. "Schlaf ist nicht nur Endokrinologie, sondern immer auch kulturelles Produkt - man kann ganze Gesellschaften danach unterscheiden, wie sie schlafen." So sei auch das heutige in Deutschland verbreitete Konzept des Idealschlafes - acht Stunden in einem Block, Schlafbeginn vor Mitternacht - ein Produkt der Industriekultur zwischen 1860 bis 1900, wobei wahrscheinlich noch die diätetischen Ideen des königlich-preußischen Leibarztes Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836) nachgewirkt haben:

Die Arbeiter sollten ausgeruht dem Rhythmus der Fabriken folgen können, ohne zwischendurch ein Nickerchen zu benötigen. In den Wohnungen sah es allerdings noch lange Zeit anders aus als heute: Noch vor hundert Jahren schliefen etwa in Berlin mehr als eine Million Menschen mindestens zu viert in einem Zimmer, berichtet Osten.

Noch skeptischer gegenüber dem westlichen, monophasischen Standardmodell sind Autoren, die sich zeitlich oder kulturell weiter weg bewegen: Der Historiker Roger Ekirch von der Virginia Tech University etwa vermutet in seiner Monographie zum Thema ("In der Stunde der Nacht"), dass die prähistorischen Menschen womöglich erst nach und nach gelernt hätten, die "gefahrvolle Dunkelheit" zu verschlafen.

Gesichert aber sei, dass die meisten Menschen Westeuropas bis zum Ende der frühen Neuzeit in den meisten Nächten in zwei längeren Zeitabschnitten schliefen, die von einer mindestens einstündigen Wachphase meist irgendwann nach Mitternacht unterbrochen war - "um zu rauchen, nach der Zeit zu sehen oder das Feuer zu versorgen". Was heute als schnöde Durchschlafstörung diagnostiziert wird, wäre demnach häufig nur eine Wiederkehr dieses alten Musters. "Der nahtlose Schlaf, den wir heute anstreben, ist eigentlich etwas Unnatürliches, eine Erfindung der modernen Welt", versichert Ekirch.

Ein "Hinlegen-und-Sterben-Modell" sei das, spöttelt die Ethnologin Carol Worthman von der Emory University in Atlanta über diese Art der Nachtruhe. Sie hat erstaunlicherweise als eine der ersten Vertreter ihrer Zunft systematisch die Schlafkulturen indigener Völker untersucht, etwa der !Kung in Botswana oder der Efe im Kongo und kam zu ähnlichen Ergebnissen wie Ekirch.

Dort sei der Schlaf viel mehr in das soziale Leben eingebunden bei uns. Schon aus Gründen der Sicherheit - wilde Tiere könnten angreifen, die Seele verloren gehen - schliefe man zumeist in Gruppen; Männer, Frauen, Kinder, Haustiere zusammen. Immer wieder stehe jemand auf, es gibt Wachpausen, Hühnergegacker, kurze Gespräche, Feuergeknister. Allerdings: Auch tagsüber nehmen sich die Menschen dort häufig die Zeit für ein Nickerchen.

Es ist deshalb fraglich, ob solche polyphasischen Schlafstrukturen auf moderne Industriegesellschaften einfach zu übertragen seien, zumal die Menschen von Kindheit an über den biphasischen Schlaf des Kleinkindes (Nacht- und Mittagsschlaf) zum nächtlichen Monoblock in ruhiger Umgebung konditioniert wurden. Das lässt sich nicht einfach ablegen. Die neuen ethnologischen Studien zeigen aber, dass auch Menschen in hiesigen Breiten sich nicht bei jedem unerwünschten Aufwachen als Schlafversager verstehen müssen. Und das ist wichtig, denn auch schulmedizinische Insomnie-Forscher betonen immer wieder, dass gerade die Angst vor Schlaflosigkeit erst zu eben dieser führe.

Die Botschaft lautet nicht: zurück in die Steinzeit, sondern - Gelassenheit. Viele Arrangements sind vorstellbar, auch in deutschen Schlafzimmern. So weiß man seit Jahren aus Studien der österreichischen Schlaf- und Verhaltensforscher Gerhard Klösch und John Dittami, dass viele Paare mit gutem Grund entgegen dem Standardmodell getrennte Betten bevorzugen.

Frauen schlafen im Durchschnitt schlechter, wenn ein Mann im Bett ist, weil sie sich - so die evolutionspsychologische Spekulation - für ihn verantwortlich fühlen: "Schlafen beim Partner bedeutet für Frauen Schlafen an der Arbeitsstelle Familie", sagt Klösch. Männer hingegen würden sich an die Ur-Rotte erinnern und denken: "Schön, da ist jemand, der auf mich aufpasst."

Und wer ungewollt alleine schläft, müsse sich auch nicht schämen, wenn er auf andere beste Freunde zurückgreift. Klösch und Dittami schätzen, dass etwa die Hälfte der Hunde und fast jede Katze das Bett mit Herrchen oder Frauchen teilt, wobei neue Problem entstehen: Gut 20 Prozent der Hunde und zehn Prozent der Katzen schnarchen. Ob der ebenfalls erkannte Trend zum Handy als Schlafgenosse einen Ausweg weist?

Zumindest ist es am Ausgang der durchgetakteten und allgemein synchronisierten industriellen Produktionsweise auch an der Zeit, die europäische Schlafkultur zu flexibilisieren: So fordern Schlafforscher seit langem, entsprechend dem realen Schlafverhalten von Jugendlichen, den Unterrichtsbeginn nach hinten zu verlegen. Vielleicht könnte man von den Japanern lernen, den Nachtschlaf zu reduzieren, und stattdessen viele kleine Schlafpausen in U-Bahn und Büro einzulegen. Was spricht gegen die Siesta an langen Sommertagen? Wieso nur können es so wenige Chefs verknusen, wenn sich ihre Angestellten zum biologischen Tief nach dem Kantinen-Besuch eine halbe Stunde unter dem Schreibtisch zusammenrollen? Alle unglücklichen Schläfer schlafen schlecht, aber gut schlafen kann man auf viele verschiedene Weisen.