16. Juli 2007, 10:11 Fragwürdige Liebe zum Land Die Mär vom guten Patrioten

Mustergültige oder übertriebene Vaterlandsliebe? Patriot oder Nationalist - für Psychologen kein Unterschied, sie gehen Hand in Hand.

Von Nikolas Westerhoff

Schon in der Schule wird auf den Unterschied geachtet: Angeblich gibt es zwei Arten von Vaterlandsliebe. Auf der einen Seite die konstruktiven Patrioten, die ihr Land lieben, ohne andere Nationen abzuwerten. Sie sind politisch aktiv und engagieren sich sozial.

Liebe zur eigenen Gruppe - so definieren Sozialwissenschaftler und Psychologen sowohl Nationalismus als auch Patriotismus. Gruppen wiederum brauchen gemeinsame Erkennungsmerkmale, so wie die Uniformen dieser Soldaten bei einer Parade zum französischen Nationalfeiertag am 14. Juli.

(Foto: REUTERS)

Auf der anderen Seite die Nationalisten, die ihr Land verherrlichen und alles Fremde missachten. Sie sind chauvinistisch und ausländerfeindlich. Nach Auffassung des Soziologen Thomas Blank fühlt sich der deutsche Patriot Grundwerten wie Freiheit und Gleichheit verpflichtet und ist stolz auf die sozialen Sicherungssysteme. Der Nationalist ist demgegenüber an Werten wie Macht, Dominanz und kultureller Homogenität orientiert.

Zweiteilung politisch motiviert

Doch eine solche Zweiteilung der Menschen in Patrioten und Nationalisten ist politisch motiviert - sie dient dazu, Patriotismus als wünschenswerte Eigenschaft propagieren zu können. Eine empirische Basis für den Unterschied zwischen Vorzeige- und Schmuddelbürgern gibt es jedoch nicht, wie neueste Untersuchungen zeigen (Wilhelm Heitmeyer: Deutsche Zustände, Folge 5. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2007).

Nach Erkenntnissen des Psychologen Christopher Cohrs von der Universität Jena lassen sich Menschen nicht in gute Patrioten und böse Nationalisten einteilen. Bürger, die sich stark mit ihrem Land identifizieren, so Cohrs, seien anfällig für intolerantes und ausländerfeindliches Gedankengut: "Menschen mit patriotischen Einstellungen lehnen Nationalismus nicht ab. Vielmehr geht beides oft Hand in Hand."

So zeige sich in Umfragen, dass Patrioten zum Nationalismus neigen. Statistisch betrachtet hängen Patriotismus und Nationalismus eng zusammen. Viele Patrioten sind schlicht und einfach auch Nationalisten.

Zwar behaupten Politiker gerne, dass ein aufgeklärter, selbstbewusster Patriotismus unverzichtbar für die Zukunft des Landes sei, doch Empiriker zeichnen ein anderes Bild vom Patrioten: Je stärker sich jemand mit seinem Land verbunden fühlt, desto eher wertet er andere Nationen oder Minderheitengruppen ab.

Demokraten, nicht Patrioten, sind ideale Bürger

Der Psychologe Daniel Bar-Tal von der Tel Aviv University hält es für die positive Entwicklung eines Landes deshalb für unwichtig, ob die Bürger patriotisch eingestellt sind oder nicht. Wichtig sei lediglich, ob sie sich als überzeugte Demokraten verstehen. Demokratie könne auch der wertschätzen, der zu seinem Vaterland ein nüchternes Verhältnis habe.

"Die Bindung an das eigene Land fördert die Ablehnung von Fremden, die Präferenz für Demokratie vermindert sie hingegen", sagt der Soziologe Wilhelm Heitmeyer vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielfeld. Das heißt: Demokraten sind ideale Bürger, nicht Patrioten.

Misslich nur, dass der weltoffene Demokrat in Deutschland eine aussterbende Spezies ist, wie die seit 2002 laufende und von Heitmeyer geleitetet Langzeitstudie "Deutsche Zustände" zeigt. Bis weit in die gesellschaftliche Mitte hinein geben sich demnach die Deutschen als "menschenfeindlich" zu erkennen, wobei sich ihre Feindlichkeit gegen Ausländer, Muslime, Frauen, Obdachlose oder Hartz-IV-Empfänger richtet.

So glaubten 60 Prozent der befragten Deutschen im Jahr 2006, dass Muslime Sympathien für Terroristen hegen. Zwei von drei Deutschen waren der Meinung, dass zu viele Ausländer im Land leben. Ein kosmopolitisch ausgerichteter Patriotismus lässt sich aus diesen Zahlen nicht herauslesen.

Die Welt zu Gast bei Freunden, oder auch nicht

Auch der vermeintlich harmlose "Partypatriotismus" während der WM 2006 hat die Deutschen nach Ansicht der Psychologin Julia Becker von der Universität Marburg nicht offener und menschenfreundlicher gemacht. Im Gegenteil: Personen, die im Anschluss an die WM befragt wurden, äußerten sich nationalistischer als eine Vergleichsgruppe vor der WM. Während der WM war zwar "die Welt zu Gast bei Freunden", so Becker, aber die Deutschen sind dadurch keineswegs gastfreundlicher geworden.

Nationales Zusammengehörigkeitsgefühl und Chauvinismus sind zwei Seiten einer Medaille. Das ist in Deutschland nicht anders als in Japan oder den USA, wie Studien belegen. Nach Auffassung der Sozialpsychologin Amélie Mummendey von der Universität Jena tendieren Menschen dazu, ihren Nationalismus euphemistisch als patriotische Haltung zu beschreiben, während der Patriotismus anderer Nationen schnell als feindselig oder übersteigert wahrgenommen wird. Als aggressiv und nationalistisch würden immer nur die anderen eingeschätzt. Der Patriot täuscht sich gerne über seine nationalistische Gesinnung hinweg.

Die Unterscheidung zwischen Nationalismus und Patriotismus ist zudem ein deutsches Spezifikum. Angelsächsische Psychologen sprechen von in-group-love, Liebe zur eigenen Gruppe. Aus ihrer Sicht ist Patriotismus, respektive Nationalismus eine Emotion, die aus Nationalstolz erwächst. Wie sehr patriotische Haltung durch Gefühle bestimmt wird, konnte der amerikanische Psychologe Seymour Feshbach vor Jahren experimentell nachweisen: Durch patriotische Lieder ließ sich die Vaterlandsliebe von Studenten in den USA steigern.

Aggressive Militärmusik fördert Chauvinismus

Mussten die Studenten aggressiv getönte Militärmusik anhören, während sie einen Fragebogen ausfüllten, zeigten sie chauvinistisch gefärbte Überlegenheitsgefühle. Nationalstolz, so das Fazit Feshbachs, ist leicht entflammbar - wie andere Gefühle auch. Und die Grenze zwischen Patriotismus und Nationalismus ist beliebig verschiebbar - weil sie nicht existiert.

Entwicklungspsychologisch betrachtet liegt der in-group-love eine Abwertung des Fremden zugrunde, wie der Psychologe Adam Rutland von der Universität Kent gezeigt hat (European Journal of Social Psychology, Bd.37, S.171, 2007). In seinen Experimenten mussten 169 britische Schüler im Alter von sieben bis zwölf Jahren Engländer und Deutsche mit Eigenschaftspaaren charakterisieren.

Bereits sechsjährige Kinder hielten Menschen ihres Heimatlandes für freundlicher, sauberer und hilfsbereiter als Deutsche. Sie werteten das eigene Land auf, indem sie ein anderes abwerteten. Kinder unter sieben Jahren zeichneten ein extrem negatives Bild der Deutschen. Kinder, die älter als neun Jahre waren, beschränkten sich hingegen darauf, eigene Landsleute positiver darzustellen als Deutsche.

Rutland vermutet, dass Kinder lernen, dass es nicht akzeptabel ist, Menschen anderer Herkunft offen zu diskriminieren. Diese Norm beherzigen sie spätestens ab dem zwölften Lebensjahr. Rutlands Studie zeigt: Von früh an ist der soziale Vergleich eine Denkfigur des Menschen - auch wenn Kinder Zeit benötigen, sie anzuwenden. Ob Familie oder Vaterland, die Frage lautet stets: Ist meine Gruppe besser oder schlechter, stärker oder schwächer, klüger oder dümmer als eine andere?

"Werden Menschen zu ihrem Land befragt, beurteilen sie es im Vergleich zu einem anderen", sagt Cohrs. Dieser soziale Vergleichsprozess ist nach Erkenntnissen der Psychologin Mummendey die gemeinsame Wurzel von Patriotismus und Nationalismus. Basiert die in-group-love auf einem expliziten Vergleich zwischen Deutschland mit einem anderen Land, geht damit eine intolerante Haltung gegenüber Homosexuellen, Behinderten und Obdachlosen einher. Dieser Zusammenhang ist empirisch belegt.

Politisch unkorrekte Psyche

Unbedenklich ist nur jene Vaterlandsliebe, die auf temporalen oder normativen Vergleichen gründet: Hierbei vergleicht man früher und heute ("Ich bin stolz auf Deutschland, weil es toleranter als in den 50er Jahren ist"), oder bewertet normative Standards ("Ich bin stolz auf die Grundwerte in der Verfassung").

Doch nationales Verbundenheitsgefühl fußt meist nicht auf temporalen oder normbezogenen Vergleichen. Anders als es sich Politiker wünschen, unterwirft sich die menschliche Psyche nicht den Regeln der politischen Korrektheit. Das Credo des Politikwissenschaftlers und "Verfassungspatrioten" Dolf Sternberger ("Das Vaterland ist die Verfassung, die wir lebendig machen") ist in den Denkstrukturen der Normalbürger nicht verankert.