23. Januar 2013, 12:20 Klimawandel Erderwärmung mit Pause?

Die globale Erwärmung erlahmt, so scheinen es Temperaturkurven der vergangenen Jahre zu belegen. Doch das stimmt nicht, sagen Klimaforscher, und nennen Gründe für die jüngsten Schwankungen.

Von Christopher Schrader

Es gibt Momente, da macht den Klimaforschern die Klimaforschung keinen Spaß mehr. Die ersten Wochen des neuen Jahres könnten dazu gehören. Da kommen unerwartete neue Daten, die einer Erklärung bedürfen, aber die Wissenschaftler können sich kaum an die Arbeit machen, weil ihnen alle möglichen Leute in den Ohren liegen. Manche werfen den Forschern das versagen bisheriger Theorien vor, ziehen eigene Schlüsse aus Daten, die sie zu dem Zweck zurechtbiegen, und betonen mit einem triumphierenden Ausdruck, sie hätten es ja immer gesagt.

Es geht um die Frage, ob der Klimawandel womöglich eine Pause macht. Und ob an den bisherigen Erklärungen der globalen Veränderung etwas falsch ist. Letzteres, um es gleich zu sagen, lehnen Klimaforscher rundum ab: "Im Hintergrund geht die globale Erwärmung weiter", erklärte James Hansen, Leiter des Goddard-Instituts der Nasa (Giss), mit zwei Kollegen vor einigen Tagen. "Es fällt mehr Wärme von der Sonne auf die Erde als sie wieder ins All strahlt." Das genau ist das Wesen des Treibhauseffekts.

Zunächst zur Datenlage: Zuletzt hatten drei Institute aus Messungen von Wetterstationen und Satellitendaten die globale Durchschnittstemperatur für 2012 berechnet. Die Climatic Research Unit (CRU) an der University of East Anglia und das Giss stuften das Jahr als neuntwärmstes seit Beginn der Aufzeichnungen ein, die US-Wetterbehörde Noaa als zehntwärmstes. 2010 war den Instituten zufolge das wärmste oder zweitwärmste Jahr gewesen. Die genauen Daten dieser Auswertung sind im Internet verfügbar.

Wer sie in eine Grafik überträgt und einen Trend für die vergangenen 15 Jahre berechnet, stellt fest: CRU sieht keinen Anstieg, Noaa einen von 0,04 Grad Celsius pro Jahrzehnt, und Giss einen von 0,07 Grad pro Jahrzehnt. Die letzteren beiden Werte betragen ungefähr ein Viertel oder die Hälfte der am Ende des 20. Jahrhunderts üblichen Rate. Angenommen, die Analyse über die vergangenen 15 Jahre sei eine valide Basis für die weitere Diskussion - liegt dann nicht tatsächlich die Frage nahe: Erlahmt die globale Erwärmung, tritt sie gar auf der Stelle?

Falsche Logik, irreführende Berechnungen

Verstärkt wurde die Botschaft noch durch eine Simulation, an der der britische Wetterdienst Met Office arbeitet: eine Vorhersage für ein Jahrzehnt. Die Meteorologen, die eng mit der CRU zusammenarbeiten, experimentieren damit, den Temperaturtrend der nahen Zukunft zu ergründen. Es basiert, sagen sie, auf einer Prognose der Meeresströmungen, die große Mengen Wärme transportieren. Ende Dezember veröffentlichte das Met Office einen Ausblick auf die Jahre 2013 bis 2017, wonach die Temperaturen zunächst etwas steigen, dann wieder leicht fallen, und so für weitere fünf Jahre auf hohem Niveau auf der Stelle treten.

Diese Nachricht wurde an vielen Stellen in den Medien und im Internet aufgegriffen, ohne groß auf die Aussagekraft der Information zu achten. Stattdessen wurden diese schnell mit den immer wieder gesäten Zweifeln verknüpft, ob Treibhausgase wie CO2 wirklich das Klima verändern: Schließlich waren die Emissionen in vergangenen Jahren teilweise im Rekordtempo gestiegen. Gleichzeitig sei die Sonne in einem Strahlungsminimum, betonten manche, also habe sie offenbar stärkeren Einfluss als angenommen.

Diese Argumentation ist schon von der Logik her falsch, wendet da die Wissenschaft ein: Wenn eine Theorie Probleme hat, alle Fakten zu erklären, dann ist doch nicht automatisch eine konkurrierende Theorie richtig, für die es sonst keine guten Belege gibt. James Hansen betont, dass der schwankende Einfluss der Sonnenzyklen viel geringer sei als der stetig steigende Effekt der Treibhausgase. Der Weltklimarat IPCC bestätigt das in dem bereits bekannt gewordenen Entwurf seines nächsten Berichts: Es ist so gut wie sicher, dass die Menschheit mit der Emission von Treibhausgasen Einfluss auf das Klima nimmt. Und CO2 ist bei weitem der stärkste Faktor, stärker als alle natürlichen Phänomene.

Auch über die Zahlen, die in der Argumentation benutzt werden, ist zu reden: Die Jahreszeitenprognose des Met Office ist ein experimentelles Produkt, das in der Vergangenheit nicht unbedingt gute Ergebnisse erzielt hat. Vor allem aber widersprechen Forscher der Annahme, eine Analyse der Temperaturen über 15 Jahre sei eine vernünftige Sache. Normalerweise gilt Klima als Mittelwert des Wetters über 30 Jahre. Wenn man in den Daten von CRU, Giss und Noaa die Trends zwischen 1983 und 2012 bestimmt, ergeben sich Steigungen um 0,16 Grad pro Jahrzehnt, die überhaupt keinen Anlass zum Zweifeln liefern.

Die Auswahl von 1998 als Startzeitpunkt eines 15-Jahre-Intervalls ist zudem problematisch, wie Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung betont. Die Briten um Phil Jones, den Chef der CRU, führen es als wärmstes Jahr der Aufzeichnungen, die anderen Institute auf Platz drei oder vier. Damals hatte ein stark ausgeprägtes El-Niño-Phänomen, eine Wetterverschiebung im Pazifik, die globalen Temperaturen in die Höhe getrieben. Seither haben kühlende La-Niña-Episoden überwogen. Unter diesen Bedingungen von einem hohen Startpunkt aus eine Steigung zu finden, ist schwierig.

(Foto: SZ-Grafik/Quelle: PIK)

Genausogut, sagt Rahmstorf in seinem Blog, könne man das Jahr 1992 als Startpunkt nehmen. Es zählt zu den fünf kühlsten der vergangenen Jahrzehnte, weil im Jahr zuvor der Vulkan Pinatubo ausgebrochen war, der Asche und Schwefelverbindungen in die Atmosphäre spuckte und die Sonne abschirmte. Der Anstieg von dort bis 2006 ist fast doppelt so steil wie in der 30-Jahres-Periode 1983 bis 2012.

Abgase in Asien oder veränderte Meeresströmungen?

Ohnehin verneinen die Herren der Datensätze die Aussage, die Erwärmung mache Pause: "Es kommt darauf an, dass die 2000er-Jahre wärmer waren als die 1990er, und die wärmer als die 1980er, und so weiter bis zu den 1960er-Jahren", sagt Phil Jones von CRU. Auch die Nasa, zu der das Giss gehört, spricht von einem "anhaltenden Langzeittrend der Erwärmung".

Grund für einen Rückzieher sehen Klimaforscher also nicht. Aber sie interessieren sich auch für mögliche Ursachen, warum mehr Treibhausgase nicht eins zu eins höhere Temperaturen auslösen. Zum Beispiel fragen sich die Experten, ob die deutliche Zunahme von Smog vor allem in Asien, wo viele neue Kohlekraftwerke ans Netz gehen und der Autoverkehr zunimmt, die Erde kühlt. Als wichtiger Faktor gelten auch Meeresströmungen, weil Ozeane um eine Vielfaches mehr Wärme speichern und verschieben als die Atmosphäre. Nicht vollständig verstanden haben die Klimaforscher auch das Wechselspiel zwischen El-Niño- und La-Niña-Episoden im Pazifik.

Genug Möglichkeiten also, die Theorie vom Klimawandel durch Treibhausgase um einige Nebenfaktoren zu erweitern - wenn die Forscher nach dem gehässigen Trara über Temperaturkurven wieder klare Gedanken fassen können.