24. Januar 2012, 16:37 Demenz Das Scheitern der Alzheimer-Forschung

Seit Mediziner versuchen, die Alzheimer-Krankheit zu behandeln, erleben sie eine Enttäuschung nach der anderen. Auch die Ratschläge, wie sich die Demenz vermeiden lässt, sind umstritten. Nun fordern Experten ein Umdenken.

Von Katrin Blawat

Brachte dieses neue Medikament endlich die langersehnte Chance, Alzheimer zu heilen? Seine Wirkung verblüffte die Forscher. Jene verklumpten Proteine, die angeblich für all die vergessenen Namen und Gesichter, für die nicht gefundenen Wörter und die ins Leere laufenden Bewegungen verantwortlich waren - all diese Verklumpungen in den Gehirnen der 19 Patienten waren nach eineinhalb Jahren Behandlung um ein Viertel geschrumpft.

Dennoch hatte die im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie einen Haken: Die Patienten selbst merkten wenig von der Verbesserung. Sie waren ebenso verwirrt wie zuvor und fanden sich im Alltag nicht besser zurecht. Ob sich die Lebensqualität bessert, ist eines der wichtigsten Kriterien für die Wirksamkeit einer Arznei - und ausgerechnet hier versagte das neue Medikament.

Die Alzheimer-Krankheit narrt die Forscher seit sie diese zu heilen versuchen. Mit jedem neuen Wirkstofftest beginnt das gleiche Spiel, von dem Experten derzeit auf der Jahrestagung der internationalen Alzheimer-Gesellschaft in Paris berichten. Zunächst erscheint eine Substanz erfolgversprechend; manchmal bessern sich bei den Betroffenen tatsächlich einige Laborwerte.

Und doch steht am Ende stets die Kapitulation der Mediziner: Wir haben keine wirksamen Medikamente gegen Alzheimer. Es gibt keine effektive Therapie und erst recht keine Chance auf Heilung. Die Misserfolge und Rückschläge lassen Forscher zunehmend an der molekularen Alzheimerforschung zweifeln, die seit 25 Jahren als der einzige Schlüssel zum Erfolg gilt.

"Die bemerkenswerteste Eigenschaft der klinischen Medikamentenstudien ist ihr wiederholtes Scheitern darin, irgendeine wirksame Therapie zu finden", spottet Peter Whitehouse von der Case Western Reserve University in Cleveland, Autor des Buches "Mythos Alzheimer". Auch Konrad Beyreuther, der 1986 eines der mit Alzheimer assoziierten Gene entdeckte, sagt: "Es gibt keine einzige klinische Studie, die Erfolg gebracht hat. Dabei dachten wir anfangs, wenn wir den molekularen Schurken finden, haben wir die Krankheit im Griff."

Stattdessen hat die Demenz - und die Angst davor - die Gesellschaft im Griff. 1,3 Millionen Demente leben dem diesjährigen Demenzreport des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zufolge derzeit in Deutschland. Der Bericht schließt zwar auch andere Formen der Demenz ein, die meisten Betroffenen leiden aber unter Alzheimer. Bis 2050 werde sich die Zahl mehr als verdoppeln.

Überraschend ist diese Prognose angesichts der steigenden Lebenserwartung nicht, schließlich gilt hohes Alter als größter Risikofaktor für Alzheimer. Doch je mehr Menschen die Symptome entwickeln - und irgendwann geschieht dies bei jedem, der lange genug lebt -, umso drängender wird die Frage: Ist die Demenz vielleicht weniger eine Krankheit als vielmehr die unvermeidbare Folge eines alternden Gehirns?

"Ein 100-Jähriger, der noch die gleiche Gier aufs Leben hat wie ein 20-Jähriger, könnte doch gar nicht sterben", sagt Beyreuther, der das Heidelberger Netzwerk für Alternsforschung leitet. "Alzheimer lässt uns den Tod akzeptieren."

Noch sind das ungewohnte Worte in der Alzheimerforschung, in der es bislang vor allem um Botenstoffe, Proteine, Rezeptoren und sterbende Neuronen ging - stets in der Hoffnung, das Übel eines Tages aus der Welt schaffen zu können. Doch rechnen viele Experten nicht mehr damit, dass es jemals wirksame Medikamente geben wird. Und die bisher verfügbaren Therapien helfen Patienten kaum.

Die Arzneien versuchen vor allem, den fortschreitenden Verlust der Nervenzellen zu stoppen, der Patienten vergesslich und orientierungslos werden lässt. Medikamente wie Donepezil oder Galantamin zögern zwar bei manchen Betroffenen das Absterben der Neuronen etwas hinaus. Doch keine Arznei kann verhindern, dass die Krankheit immer weitere Teile des Gehirns zerstört. Die Patienten haben weder eine bessere Lebensqualität noch eine längere Lebensdauer.

Dies soll sich dank neuer, noch nicht auf den Markt gebrachter Medikamente ändern, so die Hoffnungen der Hersteller. Die neuen Mittel sollen zum Beispiel verhindern, dass sich das Protein Amyloid beta im Gehirn ansammelt oder sich das Tau-Protein chemisch in unerwünschter Weise verändert. Beides spielt der gängigen Hypothese zufolge eine Rolle beim Absterben der Nervenzellen - genau weiß es niemand.

Ein zweiter Typ von Arzneien soll direkt das Wachstum von Nervenzellen fördern. Doch ob davon endlich auch Patienten profitieren werden? Die Erfahrungen der vergangenen 25 Jahre lassen daran zweifeln.

Die Industrie versucht uns einzureden, dass wir das Problem lösen könnten, wenn wir erst die passenden Medikamente haben", sagt der Psychiater Alexander Kurz von der TU München. "Aber damit ist gar nichts gelöst. Nur Pillen helfen nicht." Bleiben werden grundsätzliche Fragen: Warum definiert man das Altern des Gehirns als Krankheit - weil nur Jungsein der Normalität entspricht?

Diese Sichtweise habe, so der Psychiater Whitehouse, zu der Trennung von normal funktionierenden Menschen und Dementen geführt - und zu "einer Gesellschaft, die Menschen mit Gedächtnisproblemen geringschätzig oder gar verachtend begegnet".

Ebenso wenig werden neue Pillen bei der Antwort helfen, wie sich eine würdevolle Pflege und Betreuung umsetzen und bezahlen lassen, ob Menschen mit den ersten leichten kognitiven Einschränkungen bereits als dement (wörtlich heißt das "ohne Verstand") gelten und damit "Opfer der Versorgung" werden, wie es laut dem Psychiater Kurz heutigen Patienten widerfährt.

Ein Verdacht drängt sich angesichts der ungelösten Probleme auf: Hat sich die Alzheimerforschung vielleicht deshalb jahrzehntelang auf Moleküle und Zellkulturen konzentriert, weil diese trotz aller technischen Schwierigkeiten leichter zu handhaben sind als die Sorgen und Ängste einer alternden Gesellschaft? Schließlich muss, wer diese ernst nimmt, Fragen stellen, die auch viele Forscher gerne umgehen. Zum Beispiel, ob neue Alzheimer-Medikamente auch für Betroffene sinnvoll sind, die bereits unter schwerer Demenz leiden.

"Ist es angebracht, die Zeit zu verlängern, die diese Patienten mit einer erheblichen Behinderung und in Abhängigkeit anderer Menschen verbringen?", fragt Kurz. "Man kann sagen, das ist eine individuelle Entscheidung. Es ist aber wegen der hohen Kosten auch eine gesellschaftliche."

In den zahlreichen Veröffentlichungen über Alzheimer klingt dieser Aspekt jedoch kaum an. Stattdessen jubeln Forscher beinahe wöchentlich über neue Tests, die in der Lage sein sollen, Alzheimer schon Jahre vor den ersten Symptomen zu diagnostizieren: mittels Hirnaufnahmen oder Analysen bestimmter Substanzen im Blut und in der Rückenmarksflüssigkeit.

Für die Früherkennungsindustrie bedeutet die Angst der Menschen eine lukrative Verdienstmöglichkeit. Den Markt dafür gibt es bereits, wie eine aktuelle Umfrage der Harvard Medical School und der Organisation "Alzheimer Europe" zeigt. Demnach würden sich etwa zwei Drittel der 2678 gesunden Befragten auf Alzheimer testen lassen, ehe sie Symptome spüren. Allerdings glaubt ein ebenso großer Anteil fälschlicherweise, dass es wirksame Medikamente gegen die Demenz gibt.

Befürworter der Früherkennung argumentieren, Menschen mit einer positiven Prognose bliebe genügend Zeit zu entscheiden, wie und von wem sie später versorgt werden wollen. Doch bieten die Tests nicht die erhoffte Sicherheit. In Studien liegen Ärzte immer wieder falsch, wenn sie allein aufgrund der Testergebnisse entscheiden sollen, ob ein Mensch bereits unter Alzheimer leidet.

Der Grund für diese Fehleinschätzung liegt darin, dass etwa ein Drittel aller alten Menschen, egal ob gesund oder dement, die demenztypischen Veränderungen im Hirn aufweist. Doch nicht jeder Mensch mit Verklumpungen wird tatsächlich krank. Aus den Ablagerungen im Gehirn lässt sich daher kaum eine Aussage darüber ableiten, ob jemand an Alzheimer erkrankt ist - und erst recht keine verlässliche Prognose, ob es dazu jemals kommen wird.

Dabei ist die begrenzte Aussagekraft nicht das einzige Problem der Tests. Angenommen, ein 40-Jähriger mit Kindern und Zukunftsplänen erfährt, dass er in 20 Jahren wahrscheinlich an Alzheimer erkranken wird - wer hilft ihm dann, mit seiner Angst zurechtzukommen? Ärzte sind auch in diesem Fall hilflos, denn kein Medikament kann verhindern, dass die Krankheit ausbricht. "Man strebt zwar die Früherkennung an, denkt aber nicht darüber nach, welchen Platz Personen mit einer positiven Diagnose in unserer Gesellschaft erhalten sollen", sagt Psychiater Kurz.

Wenn sich Alzheimer schon nicht heilen und kaum behandeln lässt - kann man dann wenigstens effektiv vorbeugen? Unermüdlich betonen Ärzte, wie wichtig Alzheimer-Prävention sei - und verschweigen meist, dass auch das Wissen über die richtige Vorbeugung äußerst mager ist.

Wie man der Krankheit entgegenwirken kann, weiß niemand - auch wenn Studien scheinbar zu sicheren Erkenntnissen führen. So schreiben zwar Forscher um Deborah Barnes von der University of California in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Lancet Neurology, dass sich die Hälfte aller Alzheimer-Fälle sieben Risikofaktoren zuordnen ließe, darunter Rauchen, Bluthochdruck und Diabetes. Kanadischen Medizinern zufolge sollen Haut- und Verdauungsbeschwerden das Risiko ebenfalls erhöhen.

Wer genau hinschaut, erkennt jedoch, dass auch diese Erkenntnisse nicht weiterhelfen. "Für keinen der Faktoren wurde eine ursächliche Beziehung speziell zu Alzheimer gefunden", sagt Laura Fratiglioni vom Stockholmer Karolinska-Institut über die jüngsten Ergebnisse ihrer Kollegen. Auch beim Thema Prävention müssen Forscher und Ärzte also vor der mysteriösen Krankheit Alzheimer kapitulieren.

"Wie wir das Hirn widerstandsfähiger gegen Degeneration machen können, wissen wir nicht genau", sagt Kurz. "Das Einzige, was wir konkret machen können, ist, zusätzliche Schäden wie Herz-Kreislauf-Leiden zu verhindern." Ebenso unklar ist, wer überhaupt Prävention betreiben soll. "Aus heutiger Sicht", so der Münchener Psychiater, "muss man sagen: alle."