15. Februar 2013, 08:48 Archäologie in Rom Einfach wieder zuschütten

"Der wichtigste Fund seit Jahrzehnten": Römische Archäologen sind schon vor Jahren auf das Grab von Marcus Nonius Macrinus gestoßen, von dessen Geschichte sich der Kinofilm "Gladiator" inspirieren ließ. Doch für die Bergung der Schätze fehlt das Geld. Nun greift die Stadt zu einer radikalen Methode.

Von Henning Klüver

Wie kann man antike Ausgrabungsstätten erhalten, wenn es keine Finanzmittel gibt, um sie zu schützen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Indem man sie wieder wieder zuschüttet. Dieses Schicksal droht dem Grabmal von Marcus Nonius Macrinus, einem römischen Senator und Feldherrn unter Kaiser Marc Aurel im 2. Jahrhundert nach Christus, auf das Archäologen 2007 am nördlichen Stadtrand von Rom gestoßen waren. Das Gelände, durch das die alte Via Flaminia verlief, wurde im Mittelalter durch Tiberhochwasser überschwemmt und von Schlammablagerungen und Geröll bedeckt.

Als dort vor einigen Jahren Wohnhäuser gebaut werden sollten, stieß das für archäologische Güter zuständige Denkmalschutzamt (Soprintendenza archeologica) bei Stichproben auf Spuren der monumentalen Grabanlage des Feldherren. Bei anschließenden Ausgrabungen kamen gut erhaltene architektonische Fundstücke ans Licht. Darunter mehrere Säulen, ein Tympanon sowie verschiedene Inschriften, die zu einem kleinen Tempel gehörten, der offensichtlich vor der Überschwemmung eingestürzt war.

Außerdem wurden ein Ofen sowie Werkzeuge eines Kalkbrenners gefunden, der hier im Mittelalter Marmorbruchstücke zu Zement verarbeitet hatte. Der Mann wurde offensichtlich von dem extremen Hochwasser überrascht und ließ alle seine Geräte an seinem Arbeitsplatz zurück.

Daniela Rossi, die Leiterin der Ausgrabungen, bezeichnete die Grabanlage als "wichtigstes Monument des alten Roms, das in den vergangenen 20 bis 30 Jahren gefunden wurde". Sie ermögliche einen Blick in die Antike wie ins Mittelalter. Und das kurz nach dem Welterfolg des Kinofilms "Gladiator" aus dem Jahr 2000 von Ridley Scott, der sich von der Persönlichkeit des Marcus Nonius Macrinus hatte inspirieren lassen.

Die Vereinigung Italia Nostra, die sich dem Schutz von Kulturgütern verschrieben hat, setzt sich seit dem Fund des Macrinus-Grabes für dessen Erhaltung und die Schaffung einer musealen Zone in diesem Bereich der Via Flaminia ein, die ähnlich wie die bekanntere Via Appia außerhalb der römischen Mauern von Grabanlagen hochstehender Persönlichkeiten gesäumt war. Doch das entsprechende Gebiet gehört zum größten Teil einem einflussreichen römischen Immobilienunternehmen, dem in einem ersten Verfahren von der Soprintendenza eine Baugenehmigung erteilt wurde. Die Genehmigung wurde bislang nicht zurückgezogen, zugleich wurde das Areal des Macrinus-Grabes aber unter "direkte Denkmalschutzbindung" gestellt - ein bürokratischer Knoten, wie er im heutigen Rom nicht selten vorkommt.

Dennoch heißt das, es gibt ein faktisches Bauverbot und die Möglichkeit, das Monument zu erhalten. Doch den italienischen Denkmalschützern fehlen nach mehreren radikalen Kürzungen des Kulturhaushaltes in Rom wie anderswo im Land Mittel zum Erhalt von Kulturgütern - von der öffentlichen Verwertung ganz zu schweigen. Eine amerikanische Hilfsinitiative kündigte im Dezember an, die notwendigen Finanzmittel sammeln zu wollen. Auch Russel Crowe, der Hauptdarsteller des "Gladiator"-Films, rief zu Spenden für ein mögliches Macrinus-Museum auf. Wie es scheint, hatten beide Initiativen bislang wenig Erfolg.

Jahrelang waren die offenen Ausgrabungen der Witterung ausgesetzt. Die Gemeinde Rom, die für die Sicherung nach außen zuständig ist, hat sich nicht sonderlich um dieses archäologische Kleinod an ihrem Stadtrand gekümmert, wie auch Italia Nostra klagt. Migranten konnten dort gelegentlich Lager aufgeschlagen. In diesem Winter wurde das gesamte Areal im Auftrag der Soprintendenza mit Schutzplanen abgedeckt. Im Denkmalschutzamt, so ein Sprecher, sucht man jetzt eine "vernünftige Übereinkunft" mit dem Bauherren. Wie die aussehen soll, bleibt offen. Die Leiterin der Behörde, Mariarosaria Barbera, fürchtet, dass man "ernsthaft in Erwägung" ziehen muss, "die gesamte Anlage wieder zuzuschütten".

Dieses Verfahren, bei dem ein speziell dafür hergestelltes Erdgemisch verwendet wird, ist durchaus üblich. Es sei die sicherste Methode, etwas zu erhalten, sagt auch Henner von Hesberg, der Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom. Es werde in der Gegenwart immer häufiger angewandt, "oft aus purer Verzweiflung", wie von Hesberg betont, weil den Denkmalschützern die notwendigen Finanzmittel für Erhalt und Pflege fehlen. Was in der Regel für weniger sensationelle Ausgrabungen üblich ist, scheint jedoch bei diesem "wichtigsten Fund" der vergangenen Jahrzehnte im gewiss nicht armen archäologischen Grund von Rom, "ein Skandal" zu sein, wie es Emanuele Montini von Italia Nostra nennt.

In der Tat würden so Wissenschaftler mit ihren Forschungsergebnissen mal wieder unter sich bleiben, während das große Publikum nur Filme wie "Gladiator" mit seinen historischen Verdrehungen zu sehen bekommt.