Masern-Epidemie ist "ein Fall für den Staatsanwalt"

1100 Infektionen in NRW

12.05.2006, 10:38

Im bevölkerungsreichsten Bundesland greift seit Wochen eine Masern-Epidemie um sich - und wird, im Gegensatz zur Vogelgrippe, kaum beachtet. Während die politische Seite die Causa herunterspielt, empören sich Mediziner über die Gesundheitsbehörden - und über Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen.

 
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Zuerst die gute Nachricht: Die Zahl der Neuinfektionen mit Masern in Nordrhein-Westfalen geht wieder zurück.

Nach Angaben von Landes-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann sank die Zahl der neuen Masernfälle in der vergangenen Woche um 30 Prozent.

Der CDU-Politiker versicherte, dass „die getroffenen Maßnahmen der Gesundheitsämter wirken“, versicherte der Minister.

Die traurige, weil schlechte Nachricht lautet jedoch: Zwischen dem 1. und dem 7. Mai haben sich immer noch rund 90 Menschen mit dem Erreger angesteckt.

Etwa 1100 Menschen sind an Rhein und Ruhr in den vergangenen zehn Wochene an der Seuche erkrankt. Schwerpunkte lägen in den Bereichen Duisburg und Mönchengladbach. Ein siebenjähriges Mädchen und ein 17-jähriger Junge waren an der gefürchteten Masernenzephalitis (Hirnentzündung) erkrankt. Eine 26-jährige Frau sei mit einer Masernmeningitis (Hirnhautentzündung) in ein Krankenhaus eingeliefert worden.

Alle Patienten hätten zwar inzwischen wieder entlassen werden können. Das betroffene Mädchen leide aber an neurologischen Störungen und könne weiterhin die Schule nicht besuchen. Ob es bleibende Schäden gebe, sei noch
unklar.

Das Verhalten der Behörden hat inzwischen heftige Kritik hervorgerufen. So empört sich der Chef der Impfkommission am Robert-Koch-Institut, Heinz-Josef Schmitt, hier läge „ein Fall für den Staatsanwalt“ vor.

Er wirft den nordrhein-westfälischen Gesundheitsbehörden fahrlässige Körperverletzung vor.

Experten fassungslos

Die Untätigkeit der Amtsärzte vor Ort widerspreche der UN-Kinderrechtskonvention wie auch dem Infektionsschutzgesetz, erklärte Schmitt.

MasernGrossbild

Masern dürfen nicht unterschätzt werden. (Foto: AP)

Behördenschelte gab es auch vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte: Viele Experten seien „fassungslos, dass die Gesundheitsämter in Anbetracht der seit zehn Wochen grassierenden Epidemie tatenlos zusehen“, hieß es.

„Es wurden weder Riegelungs-Impfungen angeboten noch Quarantänemaßnahmen zum Schutz Gefährdeter angeordnet. Stattdessen werden Strichlisten geführt.“

Landesminister Laumann ließ die Mediziner-Schelte bislang an sich abprallen.

Der Minister sagte, er habe die zuständigen Behörden in dieser Woche nochmals aufgefordert, alle nach dem Infektionsschutzgesetz möglichen und notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. Dazu gehöre auch die Schließung von Schulen und Kindergärten.

Das Ministerium werde aufmerksam darüber wachen, ob der rückläufige Trend bei den Neuinfektionen anhalte.

Zwar räumte auch er ein, dass der starke Ausbruch eine Folge des unzureichenden Impfschutzes sei. Die aktuelle Kritik an den Behörden wäre aber „einseitig und ungerechtfertigt“.

Tatsächlich liegt die Verantwortung vor allem auch bei den Eltern, unter denen die Impfmüdigkeit oder -verweigerung zuzunehmen scheint.

Dabei mahnen Ärzte dringend zu Masernimpfungen. Denn: Etwa 20 Prozent der Fälle von Masernenzephalistis (Hirnentzündung) verlaufen tödlich.

„Je älter die Erkrankten sind, desto häufiger kommt es zu schweren Verläufen. Besonders gefährdet sind auch Säuglinge im ersten Lebensjahr, da bei ihnen das Risiko erhöht ist, an einer chronischen Maserngehirnentzündung zu erkranken, die immer tödlich verläuft“, erklärte Anette Siedler, Epidemiologin am Berliner Robert-Koch-Institut.

(sueddeutsche.de/dpa/AP)

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