Der größte Reichtum der Menschheit lagert in den Tropenwäldern, aber er schwindet mit dem Lärm der Kettensägen, die vor allem für die Ernährung des Stallviehs arbeiten.
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Die Bestände an Stallvieh verbrauchen mehr als alle Menschen. Foto: dpa
Gegenwärtig leben in Bayern um 20 Prozent mehr Vogelarten als vor 100 Jahren. Allein im Münchner Stadtgebiet brütet rund die Hälfte aller Arten der bayerischen Vogelwelt. Mit der Klimaerwärmung rücken weitere Arten vor und werden heimisch. Tropisch bunte Bienenfresser haben sich nördlich der Alpen angesiedelt wie auch Schmetterlinge und Käfer aus dem Süden.
Findet also das große Artensterben womöglich gar nicht statt? Oder macht Bayern, das sich selbst für so besonders lebenswert hält, eine große Ausnahme? Wie steht es um die Artenvielfalt und ihre Bedrohung? Den "Roten Listen der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten" von 2005 zufolge sieht die Lage anders aus. In Bayern ist demnach von den 16.000 untersuchten Tierarten etwa die Hälfte gefährdet. In der Pflanzenwelt, die komplett erfasst worden war, verhält es sich ganz ähnlich.
Verglichen mit dem Bundesdurchschnitt liegt der Gefährdungsgrad in Bayern nicht etwa niedriger, sondern sogar deutlich höher. Am stärksten abgenommen haben die wärmeliebenden Tier- und Pflanzenarten. Ameisen, Wildbienen und andere Insekten sowie Kriechtiere, Frösche, Muscheln und Krebse gehören zu den am stärksten bedrohten Gruppen. Der Vogelwelt und den Säugetieren geht es hingegen vergleichsweise gut. Vogelschutz und geringere Verfolgung der Säugetiere kommen ihnen zugute. Zudem sind sie weniger abhängig von der Witterung oder den Lebensbedingungen im Wasser als die übrige Tierwelt und die Pflanzen. Diese drücken weitaus deutlicher aus, weshalb die Bilanz in Deutschland insgesamt so schlecht geworden ist.
Das Land wird viel zu intensiv bewirtschaftet. Die Überdüngung bereitet die größten Schwierigkeiten. Die Auswirkungen der Landwirtschaft sind für den weitaus größten Teil des Artenschwundes verantwortlich. Mindestens drei Viertel der Rückgänge gehen auf ihr Negativkonto. Der Bau- und Siedlungstätigkeit, dem Verkehr und der Industrie können hingegen kaum mehr als fünf Prozent des Artenrückgangs angelastet werden. Der hohe Artenreichtum in den Städten, die bei uns zu Inseln der biologischen Vielfalt geworden sind, bekräftigt diese Befunde.
Artenvielfalt und Seltenheit wie zwei Seiten einer Münze
Die Landwirtschaft galt in der modernen Naturschutzära, die 1970 mit dem Europäischen Naturschutzjahr begonnen hatte, von Anfang an nicht als Eingriff in den Naturhaushalt. Falscher hätte die Einstufung nicht sein können, greift doch nichts so großflächig und so stark in den Naturhaushalt ein wie der Umbau der Fluren zur normierten, maschinengerechten Agrarlandschaft. Die Wirkung bleibt nicht auf Deutschland beschränkt. Im Gegenteil: Was bei uns geschieht, stellt global gesehen nur eine Nebenwirkung dar.
Das Hauptgeschehen läuft in Übersee ab, wo riesige Flächen tropischer und subtropischer Wälder gerodet werden, um darauf die Futtermittel zu erzeugen, die unser Stallvieh braucht, weil es längst nicht mehr von den eigenen Weiden leben kann. Allein in Brasilien werden dafür seit einem Vierteljahrhundert Jahr für Jahr zwischen 1,5 und 3 Millionen Hektar Wald gerodet. Unser Stallvieh frisst Tropenwälder. Und mit ihnen wird eine ungleich höhere Biodiversität vernichtet, als sie bei uns von den Wirkungen der Landwirtschaft bedroht ist, denn der weitaus größte Artenreichtum der Erde befindet sich in den Tropen.
Das wissen wir seit langem, ohne aber die tatsächliche Größe dieses Reichtums zu kennen. Wissenschaftlich erfasst sind etwa 1,8 Millionen Arten von Tieren und Pflanzen, die wirkliche Zahl könnte zehnmal so groß sein oder das Zwanzig- oder Fünfzigfache betragen. Die Schätzungen gehen weit auseinander. Falsch sind sie deswegen nicht, aber beim gegenwärtigen Kenntnisstand können wir nur Hochrechnungen machen, die sich aus genaueren örtlichen Befunden ableiten lassen. Diese besagen, dass wahrscheinlich die Mehrzahl der tropischen Arten anders als unsere in Mitteleuropa sehr lokal verbreitet ist. Der Grund liegt in ihrer Seltenheit. Artenvielfalt und Seltenheit gehören zusammen wie die beiden Seiten einer Münze.
Wo die grundlegenden Ressourcen wie Pflanzennährstoffe oder Wasser knapp sind, entsteht und erhält sich eine große Vielfalt. Denn es gelingt unter den Bedingungen des Mangels keiner Art, die Oberhand zu gewinnen und die Schwächeren zu verdrängen, wie das bei uns auf dem überdüngten Land geschieht. Hier haben wir in den vergangenen Jahrzehnten den Schwund der Vielfalt direkt erlebt, als aus bunten Wiesen, über denen eine Vielzahl verschiedener Falter flog, einförmiges, sehr artenarmes Hochleistungsgrün wurde. Der größte Teil der Tropenwälder wächst auf mageren Flächen. Deshalb haben sie eine große Biodiversität, aber eine geringe Produktivität. In landwirtschaftliches Nutzland umgewandelt, braucht man für die gleiche Produktionsmenge, wie wir sie von unseren guten Böden gewöhnt sind, zehnfach größere Flächen oder noch mehr.
Kettensägen für Hochleistungskühe
Riesige Rodungen sind die Folge. Sie vernichten mit Sicherheit viele Tier- und Pflanzenarten, deren Existenz noch gar nicht bekannt ist. Um wie viele es sich handelt, die in letzter Zeit verlorengegangen sind oder die pro Jahr vernichtet werden, wissen wir nicht. Es ist daher müßig, über die Zahlen zu diskutieren. Viel wichtiger wäre es, die Ursachen ernsthaft anzugehen. Die Artenvielfalt der Erde wird weit weniger durch den direkten Bedarf der Menschen bedroht als durch die exorbitant gesteigerten Viehbestände.
Nicht für die Hungernden und Armen dieser Welt arbeiten die Kettensägen in den Wäldern, sondern für Hochleistungskühe, Schweinemast und Hühnermassen in den Ställen der reichen Länder. Allein das Lebendgewicht der über eineinhalb Milliarden Rinder übertrifft global das der Menschheit um mindestens das Dreifache. Die weitere Milliarde Schweine und die schier astronomischen Mastgeflügel-Bestände bedeuten, dass für deren Ernährung mehr als das Fünffache dessen bereitgestellt wird, was allen Menschen als Nahrung zur Verfügung steht. Kein Wunder, dass sich neuer Hunger ausbreitet.
Soja und Mais könnten auch Menschen essen. Noch vor wenigen Jahren war es jedoch sogar bei uns profitabler, Weizen wie Hackschnitzelholz zu verheizen, als Mehl und Brot daraus zu machen. Der derzeitige Umschwung, hervorgerufen durch die steigenden Nahrungsmittelpreise, wird die Artenvielfalt noch weiter in Bedrängnis bringen, weil neue Flächen gebraucht werden und zu viel gutes Land der Nahrungsmittelproduktion entzogen wird zur Erzeugung von Biomasse für Kraftstoffe. Auch in dieser Hinsicht gibt Deutschland kein gutes Vorbild für die Welt ab. Im Gegenteil: Es führt vor, wie es aus der Sicht globaler Verantwortung nicht gemacht werden sollte.
Über die Zukunft der Arten wird in unserer Gegenwart entschieden. Der prognostizierte Klimawandel wird nicht mehr viel zu vernichten haben, wenn die laufende Vernichtung der Tropenwälder und anderer, artenreicher Lebensräume nicht gestoppt wird. Auch dies ist seit langem bekannt. Auf dem "Erdgipfel von Rio" 1992 waren "Erhaltung der Biodiversität" und "nachhaltige Entwicklung" zu obersten Zielen der Staatengemeinschaft deklariert worden. Was folgte, war eine nachhaltige Vernichtung. Es steht schlecht um die Erhaltung der Artenvielfalt, solange wir nicht einmal im eigenen Land einen Umschwung herbeiführen können. Mit der Vergabe neuer Almosen und mit netten Eisbären im Zoo ist die Biodiversität der Erde nicht zu retten.
Der Autor ist Professor für Naturschutz in München und Autor zahlreicher Bücher über Evolutionsökologie.
(SZ vom 15.05.2008/dgr)
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