Von Hanno Charisius

Die Geschichte vom HIV-Seuchenzug muss neu erzählt werden: Das Virus hat die USA zehn Jahre früher erreicht als gedacht.

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Zwei hypothetische Stammbäume von HIV/Aids. Die Ergebnisse von Michael Worobey (rechts), zeigen, dass HIV von Afrika nach Haiti und dann in die USA wanderte. Grafik: Michael Worobey

Die Geschichte vom Seuchenzug des Aids-Virus erzählen Virologen in etwa so: Irgendwann Ende 1970er Jahre gelangte das Immunschwächevirus von seinem Ursprung in Zentralafrika in die USA. Von dort breitete es sich dann in die ganze Welt aus.

Diese Darstellung muss nun offenbar korrigiert werden. Als 1981 die bis dahin unbekannte Immunschwäche erstmals von Forschern beschrieben wurde, hatte sich das Aids-Virus schon mehr als zehn Jahre nahezu unbemerkt in den USA verbreitet. Das belegen neue Gen-Analysen.

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Aids-Waisen auf Haiti. Von hier aus ist das HI-Virus offenbar in die USA gelangt. Foto: dpa

Die Untersuchungen zeigen auch, dass der Killer zunächst einige Jahre in der Karibik verweilte, bevor er in die Vereinigten Staaten gelangte.

Diesen Schluss ziehen der Biologe Michael Worobey von der University of Arizona in Tucson und seine Kollegen aus der Analyse jahrzehntealter Blutproben.

In den Proben betrieben die Wissenschaftler Ahnenforschung im Erbgut der HI-Viren. Im Blut der frühesten bekannten Aids-Patienten aus Haiti suchten sie nach Virus-Genen und verglichen sie mit Proben aus Afrika, Amerika und der übrigen Welt.

Daraus erstellten sie dann eine Verbreitungskarte für das Virus. Das Team um Worobey konzentrierte sich auf den am weitesten verbreiteten HIV-Typus, der in den meisten Ländern außerhalb Afrikas vorherrscht.

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Michael Worobey von der University of Arizona in Tucson. Foto: Alex Badyaev

Die genetische Stammbaumanalyse zeigt nun, dass der Aids-Erreger etwa 1966 nach Haiti kam und von dort gegen 1969 in die USA gelangte. Den Sprung über den Atlantik schaffte das Immunschwächevirus somit ein gutes Jahrzehnt früher, als man bislang gedacht hat, berichten die Forscher in einer Vorabveröffentlichung des Journals PNAS (online).

Die Ergebnisse deuten ebenfalls darauf hin, dass nahezu alle HIV-Infektionen in den USA auf einen einzigen Menschen zurückgeführt werden können, dem sogenannten Patienten Zero.

Dieser sei wahrscheinlich Ende der 1960er Jahre in die Vereinigten Staaten eingereist und habe das Virus eingeschleppt, sagt Worobey. Dort habe sich das Virus möglicherweise zunächst langsam in der heterosexuellen Bevölkerung verbreitet, bevor es promiske Gruppen homosexueller Männer erreichte, vermuten die Forscher.

Dort sind die Krankheitssymptome dann so häufig geworden, dass es schließlich von Ärzten bemerkt wurde.

Die Studie liefert auch eine Erklärung dafür, warum man schon kurz nach der Entdeckung des Virus viele infizierte Menschen auf Haiti fand: Das Virus wütete dort einfach schon seit Jahrzehnten.

Wegen seiner langen Entwicklungsgeschichte in Haiti habe das HI-Virus dort eine besonders hohe genetische Vielfalt, sagt Worobey. Die Verwandtschaftsverhältnisse so detailreich zu kennen, könne nun bei der Entwicklung von Impfstoffen helfen.

(SZ vom 30.10.2007)