Um sein Einkommen zu sichern, siedelte Ries in die damals zweitgrößte Stadt Sachsens, nach Annaberg, um. Diese lebte vom Silber- und Erzbergbau, und der Rechenmeister verdiente fortan seinen Lohn als Rezessschreiber. In dieser Funktion war er zuständig für die Abrechnungen der einzelnen Gruben. Wie viel Mittel wurden eingesetzt, welcher Lohn bezahlt, wie groß war der Ertrag an Erz? Viele Gruben machten Verlust. Stießen die Bergleute aber auf eine Ader, konnte der Gewinn explodieren.

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Ries Rechnungen, die er übrigens einem Dekret der fürstlichen Bergordnung zufolge in den rechenfeindlichen römischen Zahlen halten musste, gewährleisteten gerechte Ausgleichszahlungen. Später prüfte der Rechenmeister zudem als Gegenschreiber die Bilanzen der Gruben und sorgte als sogenannter Zehnter dafür, dass der Landesherr den zehnten Teil des Gewinns einsackte.

Im Auftrag der Stadt Annaberg verfasste Ries eine Brotordnung, damit - wie er selbst im Vorwort schreibt - "der arme gemeine man ym Brotkauff nicht übersetzt würde". Es handelte sich dabei um eine Sammlung von Tabellen. Brot hatte damals Festpreise.

So gab es Groschenbrot, das doppelt so große Zweigroschenbrot und Pfennigsemmeln. Um den Schwankungen der Getreidepreise zu entsprechen, formten die Bäcker verschieden große Laibe. Sie buken die heute sprichwörtlichen kleineren Brötchen. Um wie viel leichter diese sein durften, regelte die Brotordnung. Nachdem das Tafelwerk in Annaberg die Bevölkerung erfolgreich vor Betrug schützte, erstellte Ries ähnliche Werke für Joachimsthal, Zwickau, Hof und Leipzig.

Überdies kannte sich Ries in der zeitgenössischen abstrakten Mathematik bestens aus. Das belegt sein Algebra-Lehrbuch "Coß", das erst 1992 anlässlich seines 500. Geburtstags gedruckt wurde. Der Autor hatte offenbar Zweifel, das Werk gewinnbringend verkaufen zu können. Mit "Coß" bezeichneten deutsche Gelehrte in der beginnende Frühzeit die Unbekannte, also das, wofür in der heutigen Algebra meist ein "x" steht. Der Begriff leitete sich vom italienischen cosa (deutsch: Ding, Sache) ab. Die "Coß" des Annaberger Rechenmeisters beinhaltet so ziemlich alles, was Gymnasiasten noch heute an Algebra lernen.

Gleichungen in Versen

Im süddeutschen Raum gab es zu Ries Zeiten einige Cossisten, die neu geschaffene Symbole einführten, wie das Plus-, das Gleichheits- oder das Wurzelzeichen. Zuvor wurden Gleichungen und Lösungsverfahren immer mit Worten beschrieben, manchmal sogar in Versen.

Nur eines hat der didaktisch brilliante Adam Ries nicht entwickelt: neue mathematische Verfahren oder Beweise. "Ries Hauptanliegen war es, dem einfachen Mann zu helfen", sagt Wolfgang Lorenz. So ging er als der Urahn der Mathematik-Lehrer in die Geschichte ein. Der Erfolg zeigte sich sogar bei den eigenen Kindern. Vier seiner fünf Söhne nahmen den gleichen Beruf auf.

Bis heute hat der Adam-Ries-Bund 23000 direkte Nachkommen des Rechenmeisters dokumentiert. Lorenz erzählt stolz, zur 13. Generation zu gehören. Wie es sich für einen Ries-Nachfahren gehört, ist er emeritierter Professor - allerdings nicht für Mathematik, sondern für Soziolinguistik.

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  1. Riesiger Fehler
  2. "Rechenkunst mit Lust und Fröhlichkeit"
  3. Sie lesen jetzt Groschenbrot und Pfennigsemmel
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(SZ vom 28.03.2009/beu)