Von Michael Bauchmüller

Andere Tarifkonflikte lassen sich in Verhandlungen lösen - aber nicht dieser: Das verhindern schon die Protagonisten Mehdorn und Schell.

Nichts geschah um 13 Uhr, gar nichts. Zwei Wochen ist es her, Gewerkschaften und Bahn hatten sich verabredet. Sie wollten einen letzten Anlauf für eine Einigung unternehmen. Aber einer fehlte: Bahnchef Hartmut Mehdorn ließ sich Zeit, unübersehbar viel Zeit. Als er um 13.10 Uhr eintrudelte, fehlte allerdings wieder einer, diesmal sein Kontrahent.

Sie gelten als Dickköpfe - Hartmut Mehdorn (links) und Manfred Schell. (© Foto: ddp)

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Manfred Schell, der Chef der Lokführer-Gewerkschaft, hatte den Saal inzwischen wieder verlassen, um ihn nach Mehdorn betreten zu können. Sollte ja nicht so aussehen, als müsste ein Gewerkschafter warten, bis ihm der Konzernchef die Gnade seiner Anwesenheit erweist.

Eine kleine Anekdote nur, aber ein Hinweis auf das, was dem Land in den nächsten Wochen blühen kann: Stillstand, weil zwei partout nicht miteinander können. Die Konstellation ist mehr als heikel, denn die Herkunft der beiden könnte unterschiedlicher nicht sein.

Blockieren

Hier der Fabrikantensohn und Ingenieur Mehdorn, 65, der immer ganz oben mitmischte: zuletzt beim Flugzeugbauer Airbus, dann beim Druckmaschinenhersteller Heidelberg, von wo er zum letzten großen Staatskonzern Deutsche Bahn wechselte. Ein Unternehmen sieht Mehdorn als Management-Herausforderung, eine Gewerkschafts-Forderung als reinen Kostenposten.

Und auf der anderen Seite der Lokführer-Sohn Schell, 64, der sich in den Fünfzigern durch die widrigsten Tätigkeiten hocharbeitete, um schließlich selbst Lokführer zu werden. Kein anderer deutscher Gewerkschaftsboss hat einen so astreinen Lebenslauf, darf qua Herkunft auf derart viel Rückhalt an der Basis bauen.

Kochen

Diese Differenzen allein ließen sich vielleicht noch im Gespräch überbrücken, hätten Bahnchef und Gewerkschafter nicht zwei Gemeinsamkeiten: erstens die abgrundtiefe Abneigung gegen den jeweils anderen, zweitens eine ausgeprägte Dickköpfigkeit. Mehdorn, der geistig mit der Bahn schon längst an die Börse und in die weite Welt aufgebrochen ist, sieht gar nicht ein, sich einer kleinen Spartengewerkschaft zu beugen- zumal er damit einen Erdrutsch neuer Forderungen der beiden anderen Bahngewerkschaften Transnet und GDBA riskiert.

Und für Schell, der kurz vor seinem Abgang nicht nur um sein Vermächtnis, sondern auch um die Existenzberechtigung eben dieser Gewerkschaft neben der großen Transnet kämpfen muss, verbietet sich ein Zugeständnis an Mehdorn quasi von selbst - dazu hat er sich schon viel zu weit aus dem Fenster gelehnt.

Explodieren

Es ist wie beim Hahnenkampf, nur gehen die Streithähne hier nicht direkt aufeinander los. Der eine schickt Tausende Lokführer in die Urabstimmung, um letztlich das Geschäft des anderen zu blockieren. Der andere lässt seine Rechtsabteilung rotieren, um die drohenden Streiks des anderen abzuwenden. Und das jüngste Angebot der Bahn, diesen Sonntag vielleicht doch noch einmal zu verhandeln, ließ Schell schlicht platzen.

Angesichts der impulsiven Ader des Bahnchefs grenzt es an ein Wunder, dass er noch nicht auf Schell losgegangen ist. Schell, nicht nur in der Wortwahl ein eher rustikaler Typ, hat Mehdorn inzwischen öffentlich zum "Rumpelstilzchen" gemacht, dessen Klagen gelten ihm als "Prozesshanselei". Es darf als sicher gelten, dass Mehdorn innerlich kocht. Nur explodieren darf er nicht.

Denn zu allem Überfluss findet die Auseinandersetzung in jener Phase statt, in der Bund und Länder über den Börsengang der Bahn entscheiden. Jede schlechte Schlagzeile wäre jetzt Gift für den Bahnchef. Er versuchte deshalb zuletzt eher subtil, Schell zu demontieren. Erreicht haben beide mit ihrem Starrsinn nichts - außer der einen, großen Kraftprobe. Eins aber bleibt fraglich: Ob es in diesem Kampf jemals einen Sieger geben wird - oder nur Verlierer.

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(SZ vom 04.08.2007)