Zum Tod von Berthold Beitz Der Jahrhundertmann

Berthold Beitz war ein Mann mit einer sehr eigenen moralischen Mission, ein mächtiger Industrieller, der die Werte der alten sozialen Marktwirtschaft hochhielt. Er führte den Krupp-Konzern über Jahrzehnte in Krisen hinein und aus Krisen hinaus. Und er rettete während des Zweiten Weltkriegs vielen hundert Juden das Leben.

Ein Nachruf von Joachim Käppner

63 Jahre lang hatte Jurek Rotenbergs Klavier in einem lichten Wohnzimmer mit Blick auf die Berge des Carmel gestanden. Er spielte fast täglich darauf. Seit Mitte April 2013 steht es in der Alten Synagoge in Essen. Ein Kreis hat sich geschlossen, nicht geografisch, aber symbolisch. "Das Klavier ist gut aufgehoben. Seine Reise ist zu Ende", sagte Rotenberg, 84 Jahre alt, als er sich von seinem Instrument verabschiedete. Er hat schon als Kind in Polen darauf gespielt und es in diesem Jahr dem Mann vermacht, dem er und seine Mutter und Hunderte andere - wie der Vater des Sportreporters Marcel Reif - ihr Leben verdanken und verdankten: Berthold Beitz.

Beitz hat 1942 bis 1944 vielen hundert Juden das Leben gerettet, als er Erdölmanager im polnischen Boryslaw war. Er wurde ausgezeichnet als "Gerechter unter den Völkern", weil er unter Lebensgefahr die Macht des Verfolgungsapparats herausgefordert hatte. Politisch ist dieses Engagement kaum gewesen.

Beitz zählte nicht zum organisierten Widerstand, hatte sich selbst eher als unpolitischen Menschen betrachtet. "Ich musste es einfach tun" - das waren die Worte, mit denen er nachher alles begründete. Das Risiko, das er und seine Frau Else eingingen, schien ihm erträglicher als das Nichtstun, damit hätte er nicht leben können.

Am 17. April haben sich Berthold Beitz und Jurek Rotenberg in der Alten Synagoge von Essen wiedergesehen und miteinander gesprochen. "Ich erkenne Sie sofort wieder", sagte Rotenberg und umarmte den Retter von einst. Wer das sah, versteht plötzlich, warum der 99-jährige Essener Patriarch so wenig erschüttert durch die jüngste ThyssenKrupp-Krise ging, dem Debakel um den schlingernden Konzern: Er hat Szenen und Zeiten erlebt, die unvergleichlich viel schlimmer waren.

Und er hat widerstanden.

Beitz stieg nach 1945 rasch auf, 1954 wurde er Generalbevollmächtigter des letzten Alleininhabers von Krupp, Alfried Krupp. Unter ihm erhielt der Konzern der Kanonenkönige ein neues, ziviles Gesicht. Beitz wurde zum mächtigsten Industriellen des Landes. Und er nutzte seine Position, um für die Versöhnung mit dem Osten, obwohl ihn Kanzler Konrad Adenauer als "national unzuverlässig" beschimpfte.

Als einer der ersten Industriellen setzte er schon in den 50er Jahren Wiedergutmachungszahlungen für ehemalige jüdische Zwangsarbeiter von Krupp durch. Er war ein Mann mit einer sehr eigenen moralischen Mission, ein Einzelgänger, der tat, was er für richtig hielt.

Er war auch ein bedeutender Industrieller, der die Werte der alten sozialen Marktwirtschaft hochhielt. So führte er Krupp über Jahrzehnte in Krisen hinein und aus Krisen hinaus, bei allem, was man an Schwächen in der Unternehmensführung konstatieren konnte, hat er den großen alten Konzern über die Zeit gerettet. Die Welt der shareholder values und maximalen Profite sah er mit abgrundtiefer Verachtung. Noch im Frühjahr warf er seinen langjährigen Vertrauten und Wunschnachfolger Gerhard Cromme unsanft hinaus. Beitz sah, dass ein Neuanfang her musste.

In Essen sagte nun der gerettete Jurek Rotenberg: "Der Herr Direktor" - so nannten die Arbeiter Beitz in Boryslaw - "hat uns das Leben gerettet, obwohl er allein gegen alle Verfolger stand." So lange es solche Menschen wie Beitz gab, sagt Rotenberg, "kann es um die Menschheit nicht schlecht bestellt sein".

Berthold Beitz ist am Dienstag nach kurzer Krankheit gestorben. Am 26. September wäre er 100 Jahre alt geworden.

Den ausführlichen Nachruf auf Berthold Beitz lesen Sie in der Donnerstagsausgabe der Süddeutschen Zeitung sowie in der digitalen Ausgabe.