Industrielle Fleischproduktion Wie eine Geisterarmee bei der Arbeit

In der nächsten Halle riecht es nach Blut und schlimmer als in allen anderen Räumen. Hier werden die Innereien im Ganzen entfernt. Sechs Mann auf einer Plattform, sie gehen im Kreis. Mit wenigen Schnitten entfernen die Männer das Geknäuel aus Blasen und Darmwindungen in Rosa, Rot und Lila aus dem aufgeschnittenen Schweinebauch.

Die Bewegung, sagt der Pressesprecher, beuge Rückenschmerzen vor. Während des Laufens schärfen sie immer wieder ihr Messer nach. Am Geländer hängt die Ausrüstung, die hier viele mit sich herumtragen: ein kleiner Metallkorb mit einem silbernen Kettenhandschuh und Schlachtmessern. Am Rand der Plattform sammelt sich Blut und Gewebe.

Fleischland Deutschland

Sogar Wurst gibt es jetzt schon fleischlos. Werden wir zu einer vegetarischen Nation? Wohl kaum. Im vergangenen Jahr wurde so viel geschlachtet wie noch nie. Von Yi Luo (Grafik) und Pia Ratzesberger (Recherche) mehr ... Infografik - 360° Tiere töten

Viele Zerleger tragen nur eine Farbe: weiße Hose, weiße Gummistiefel, weißes Haarnetz, viele einen weißen Mundschutz. Einer allein sieht aus wie ein Chirurg. Alle zusammen sehen aus wie eine Geisterarmee. Auf Plastikschürzen stehen mit schwarzem Filzstift ihre Namen. Boban. Popa. Sedaiu. Alle bekämen hier Mindestlohn, sagt Firmenchef Clemens Tönnies, und beim Sommerfest feiere er "feucht-fröhlich" mit den Polen und Rumänen. Die meisten der Schlachter schweigen bei der Arbeit, die meist nur aus einem Handgriff besteht. Wer drei Handgriffe macht, trägt hier offiziell den Titel "Profi". Die Arbeit ist penibel aufgeteilt, in einzelne Teile zerlegt, wie es die Schweine am Ende sein werden. Ein Knochenjob, etwas erträglicher macht ihn der Einsatz spezialisierter Technik.

Alles am Schwein ist "Rohstoff"

Wie bei den Männern, die den Nacken der Schweine durchtrennen, nachdem die Gedärme entfernt wurden. Die Köpfe der Tiere hängen immer noch nach unten. Die Arbeiter setzen die hydraulische Schere an, die sie in beiden Händen halten wie ein Gewehr. Ein Abzug mit dem Finger, die Scheren schnappen zu, über einen Schlauch von Luftdruck unterstützt. Sie durchtrennen den Nacken des Schweines, der Kopf klappt nach unten ab, dunkles Blut rinnt aus dem Genick über Stirn und Schnauze, tropft in Trichter. Das wird Blutwurst.

Fast nichts geht hier verloren, alles am Schwein ist "Rohstoff", wie man hier sagt: Der Erfolg von Tönnies liegt auch darin, dass das Unternehmen 200 Teile aus einem Schwein verwertet. Wofür sich die Deutschen zu fein sind, ist in China oft eine Delikatesse. In einer Kiste stapeln sich Schweineköpfe, abgehackt, die Augen geschlossen.

Spezialisierte Arbeiter zerteilen die Tiere in immer kleinere Teile. Roboter helfen ihnen dabei, die teilweise sogar erkennen können, wo am Schwein wie viel Fett sitzt und entsprechend das Rückgrat aus dem Tier schneiden. Geschlachtet wird bei 39 Grad, an den folgenden Stationen wird es immer kühler. Die Schweineteile müssen schnell gekühlt werden, besonders das Hackfleisch, das riesige Industrie-Fleischwölfe in drei Schritten immer feiner schneiden.

Bei einer der letzten Stationen des Prozesses wischen Frauen rote Flüssigkeit von einem Laufband, auch der Boden ist teilweise rot. Was auf den ersten Blick aussieht wie Blut ist Puszta-Soße. In ihr landet das Fleisch, bevor es verschweißt wird. Die Grillsaison hat begonnen. Die Bänder in der Schlachtfabrik laufen auf Volllast.