Von Thomas Öchsner

Rechtsanwälte werfen den Geldeintreibern von Lone Star vor, rücksichtslos gegen frühere Bankkunden vorzugehen - die ersten Musterklagen laufen bereits.

Vor gut einem Jahr hätte Franz Thiel (Name von der Redaktion geändert) dieses Wort nicht gebraucht. Jetzt spricht er es in vier Stunden gleich fünfmal aus, um seine Misere zu beschreiben: "Grauenhaft", sagt er und blickt aus dem Fenster seines Büros hinunter auf sein Einkaufszentrum.

Hudson Advisors

Die Münchner Niederlassung von Hudson Advisors (© Foto: Heddergott)

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Das Ensemble mit etwa 20 Geschäften ist Thiels ganzer Stolz. Einen Großteil seines Geldes hat der 75-Jährige in das 22 000 Quadratmeter große Gelände in einer Stadt im Ruhrgebiet gesteckt, nachdem er 1989 sein Handelsgeschäft verkauft hatte. Doch seit die Münchner Bank Hypo Real Estate (HRE) seine Kredite im September 2004 an die amerikanische Investmentgesellschaft Lone Star verkauft hat, ist die Welt des Franz Thiel aus den Fugen geraten.

Zunächst war er noch zuversichtlich, obwohl er wusste, dass Lone Star zu jenen angelsächsischen Finanzinvestoren gehört, die Bundesarbeitsminister Franz Müntefering mit Heuschrecken verglich, "die alles abgrasen und dann weiterziehen". Thiel bot gleich Anfang 2005 an, seine Darlehen mit Hilfe einer anderen Bank abzulösen, und hoffte auf eine schnelle Lösung. Doch es kam ganz anders: "Hier wurde ein ordentlicher Kaufmann systematisch kreditunwürdig und handlungsunfähig gemacht", sagt sein Münchner Anwalt Ingo Schulz-Hennig. Die neuen Herren der Kredite kündigten Thiels Darlehen, beantragten die Zwangsversteigerung und ließen seine Konten pfänden. Vor ein paar Wochen klingelte sogar der Gerichtsvollzieher an seiner Haustür. "Die wollen mich weich kochen und ausbluten lassen", sagt er.

Selbsthilfe im Internet

So wie Thiel fühlen sich derzeit auch andere Bankkunden, deren Kredite ohne ihre Zustimmung bei Lone Star landeten. Im Forum der Internetseite www.immobilienopfer.de häufen sich Beschwerden über die mangelnde Kooperationsbereitschaft und Willkürakte der Tochterfirmen der Investorengruppe, zu denen auch die Abwicklungsgesellschaft Hudson Advisors zählt. Massive Vorwürfe kommen inzwischen von Rechtsanwälten der früheren Bankkunden. "Hier werden die Vermögenswerte der Schuldner, wie ihre Eigenheime, möglichst geräuschlos, schnell und ohne Rücksicht auf dahinter stehende menschliche Existenzen verwertet beziehungsweise vernichtet", sagt der Hamburger Rechtsanwalt Ulrich Ernst Büttner. Die Vorgehensweise der Kreditaufkäufer bezeichnet der Jurist als "zum Teil schikanös und zynisch". Sein Hamburger Kollege Bernd Nicolaus Koch sieht es ähnlich: "In den mir bekannten Fällen wurden die Sicherheiten rücksichtslos verwertet."

Doch nun formiert sich Widerstand. Die Interessengemeinschaft "Hudson-Opfer" steht bereits, benannt nach der Gesellschaft, die für Lone Star das Geld eintreibt. Außerdem klagt eine wachsende Zahl von Anwälten gegen das Geschäftsgebaren der neuen Gläubiger - und auch gegen den Verkauf der Kredite. Vor Gerichten wird nun erstmals aufgearbeitet, was Finanzinvestoren hierzulande Darlehensnehmern zumuten können und was nicht. Es geht um viel Geld - und um eine grundsätzliche Frage: Dürfen Banken Kreditpakete einfach so verkaufen, wenn darin auch Hypothekendarlehen stecken, die die Kunden stets oder fast immer ordentlich bedient haben?

Das gilt auch für die Kredite von Franz Thiel, die er einst bei der Nürnberger Hypothekenbank aufgenommen hatte und die nach mehreren Bankfusionen bei der Hypo Real Estate landeten. Seine Mieter, darunter Handelsketten wie Aldi, Rewe oder DM, zahlten ihm Mieten. Und Thiel zahlte pünktlich seine Kredite ab, die er damit finanzieren konnte. Nur 2004 vereinbarte er mit seiner Bank, Raten vorübergehend teilweise zu stunden, da er Geld für eine Investition im Einkaufscenter brauchte. Die HRE wollte ihm - wie anderen Kunden auch - kein Kapital mehr geben, weil sie ihre Geschäftsstrategie geändert hatte. "Ich habe zu den Banken stets ein vertrauensvolles Verhältnis gehabt", sagt Thiel. Umso weniger versteht er, was nach dem Verkauf seiner Kredite passierte.

Der Unternehmer fuhr vor etwa einem Jahr in die Münchner Niederlassung von Hudson. Die weite Reise hätte er sich allerdings sparen können. "Ich sollte eine bereits vorbereitete notarielle Verkaufsvollmacht unterschreiben", erinnert sich Thiel. Doch das wollte er auf keinen Fall, denn dann hätte Hudson sein Lebenswerk, das Einkaufszentrum, nach eigenem Gutdünken verwerten können, und er selbst wäre auf einem Teil seiner Schulden sitzen geblieben. Danach ging es Schlag auf Schlag: "Mein Mandant galt von diesem Zeitpunkt an als nicht mehr kooperationswillig", sagt sein Anwalt Schulz-Hennig. "Hudson zog deshalb die Daumenschrauben an."

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