Zeitarbeit - Lohndumping - Burn-out Wir Ausgebeuteten

Beengt und unter ständiger Kontrolle: Mitarbeiter in Callcentern (Symbolfoto) fühlen sich mitunter wie ein einer "Überwachungszentrale".

(Foto: AP)

Sie arbeiten bis tief in die Nacht, hangeln sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten oder werden gekündigt, wenn sie krank sind: SZ-Leser berichten von Missständen in deutschen Callcentern, Krankenhäusern und Unternehmen.

Von Sabrina Ebitsch

Während die SZ-Redaktion zu Ausbeutung und Zukunft der Arbeit recherchiert hat, haben sich zahlreiche Menschen gemeldet, bei denen diese Recherche einen Nerv getroffen hat. Die in schwierigen Arbeitsverhältnissen stehen, die sich ungerecht behandelt, ja ausgebeutet fühlen - und die davon berichten wollen. Um unsere Interviewpartner zu schützen, haben wir ihre Namen auf ihren Wunsch hin teilweise verfremdet.

"Zwischen Ausbeutung und Selbstverwirklichung: Wie arbeiten wir in Zukunft?" Diese Frage hat unsere Leser in der achten Runde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alles zur aktuellen Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

"Bezahlt werde ich in Essensmarken"

Melanie Haas, 25 Jahre

  • Arbeitet als: Psychotherapeutin in Ausbildung
  • Verdient: Ein paar Hundert Euro und Essensmarken bei mehr als 50 Stunden Wochenarbeitszeit
  • Ärgert sich über: viel Arbeit und wenig Geld in einer zu langen Ausbildungsphase

Jeden Monat komme ich der Insolvenz einen Schritt näher. Ich bin Psychotherapeutin in Ausbildung (PiA), noch ziemlich am Anfang. Ich arbeite im Schnitt 50 Stunden pro Woche: neben der theoretischen Ausbildung arbeite ich in der Klinik und in einem Nebenjob. Mit dem habe ich im Februar gut 650 Euro verdient, das reicht gerade, um die Lebenshaltungskosten zu decken. Ich schreibe an drei bis vier Tagen die Woche Berichte für die Kostenübernahme von Therapien für die Krankenkassen. Pro Bericht bekomme ich bis zu 80 Euro - wenn einer aufwändiger ist und ich länger brauche, ist es mein Problem.

Drei weitere Tage mache ich die praktische Ausbildung in der Ambulanz einer Klinik. Das ist sehr stressig, ich stehe unter Zeitdruck und trage viel Verantwortung, weil ich wegen des Ärztemangels wenig Unterstützung bei der Behandlung von Patienten erhalte. Ich sitze allein im Büro und empfange stündlich Patienten - wenn ich einen Arzt hinzuziehe, gerät der Zeitplan durcheinander. Deswegen muss ich eigenständig entscheiden, ob beispielsweise Suizidgefahr bei jemandem besteht. Bezahlt werde ich in Essensmarken.

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Angeleitet werde ich kaum. Es gibt 15 Therapeuten in Ausbildung, aber fast keine festangestellten. Kein Geld zu bekommen, wäre ja noch gerechtfertigt, wenn der Ausbildungszweck im Vordergrund stünde und die Auszubildenden nicht die Hauptverantwortung tragen würden, aber das trifft nicht zu. Es ist offensichtlich, dass wir festangestellte Therapeuten ersetzen und das auf sehr günstige Weise.

Außerdem gehe ich drei Mal die Woche zur Lehranalyse, die zu meiner Ausbildung gehört. Das heißt, ich lege mich bei einer Psychoanalytikerin auf die Couch und zahle dafür 80 Euro pro Stunde. Im Monat kostet mich das 1000 Euro. Für Seminare am Abend kommen 600 Euro pro Semester dazu. Obwohl ich so viel arbeite wie möglich, reicht mein Geld nicht aus, ich zahle das von meinen Ersparnissen. Wie lange die noch reichen, ist unklar, über kurz oder lang werde ich einen Kredit aufnehmen müssen. Ich rechne damit, in sieben Jahren mit meiner Ausbildung fertig zu sein. Das heißt, bis ich richtig ins Berufsleben starte und normal Geld verdiene, bin ich über 30.

Das alles ist sehr belastend, ich habe kaum Freizeit und bin manchmal so erschöpft und mit meinen eigenen Problemen beschäftigt, dass ich gar nicht mehr angemessen auf die Patienten eingehen kann. Ironischerweise steht in den ethischen Grundsätzen für Psychotherapeuten, dass man seine eigene Arbeitsfähigkeit erhalten und sich nicht überfordern soll. Als PiA geht das aber kaum.

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