Von wegen Teuro: Zehn Jahre nach seiner Geburt widerlegt der Euro alle Skeptiker - und ist sogar moderner als seine Politiker.
Es lassen sich schönere Arten denken, seine Existenz zu beginnen. Als der Säugling vor genau zehn Jahren das kalte Licht der Welt erblickte, spürte er so-fort Abneigung. Einer der Patenonkel blieb der Geburtsfeier des Euro am 1. Januar 1999 einfach fern.
Wäre der Euro ein Wesen aus Fleisch und Blut, er wäre frühzeitig wegen Liebesmangels verkümmert - aber er funktionierte stets, als misstraue ihm niemand. (© Foto: dpa)
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Der deutsche Finanzminister, ein gewisser Oskar Lafontaine, hatte Besseres vor, als der größten Währungsvereinigung der Menschheitsgeschichte beizuwohnen. Der Affront ist typisch für das Verhältnis vieler Deutscher zu diesem neuen Geld. Sie lehnen es ab, misstrauen ihm, fürchten einen Betrug. Eines lässt sich sicher sagen: Wäre der Euro ein Wesen aus Fleisch und Blut, er wäre frühzeitig wegen Liebesmangels verkümmert.
Weil er aber seelenloses Hartgeld ist, hat er stur funktioniert, als misstraue ihm niemand. Gerade in den vergangenen Monaten sah jeder, der wollte, was die Währungsunion leistet. Frühere Krisen rissen Europas Volkswirtschaften auseinander. Spekulanten zwangen angeschlagene Währungen in die Knie. Anfang der Neunziger Jahre stürzte die italienische Lira um 30 Prozent ab. Solche Einbrüche schadeten den Deutschen immer besonders, weil sie auf ihren plötzlich so teuren Autos und Maschinen für den Export sitzen blieben.
Leuchtturm im Meer
Und nun, in der schwersten Finanzkrise seit 1929? Nichts. Der Euro steht wie ein Leuchtturm im Meer, Währungschaos jedenfalls bremst die Exporte nicht, eine Sorge weniger für die Unternehmen. Und für die Politik: Es fiel Europas Regierungen schwer genug, sich auf eine Rettung des Bankensystems ohne nationale Alleingänge zu verständigen. Wäre die Atmosphäre wie früher durch Währungsabwertungen vergiftet, durch den Argwohn stolzer Briten oder Italiener gegenüber der Mark - der Rettungsversuch wäre womöglich gescheitert. Die Europäer hätten ihre Banken gestürmt wie 1931.
Wie in diesem Fall erweist sich der Euro häufig als wertvoll, ohne dass es vielen Menschen auffallen würde. Um mit einem Cartoonisten der Neuen Frankfurter Schule zu sprechen: Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein. Erstaunliche Zahlen zeigen, was das gemeinsame Geld bewirkt, weil es Europas Unternehmen ohne Währungsschwankungen Handel treiben lässt.
In den heutigen Euro-Staaten entstanden in den Jahren vor der Währungsunion nur 1,5 Millionen neue Arbeitsplätze - seither aber zehn Millionen. Ein gewaltiger Unterschied, selbst wenn sich dem Euro nur ein Teil des Ergebnisses zurechnen lässt. Alle gefühlten oder - bei einzelnen Produkten - echten Teuerungen verblassen dagegen, zumal die allgemeine Preissteigerung nachweislich geringer ist als zu Mark-Zeiten.
Der wahre Erfolg der Währungsunion lässt sich wohl nur durch den Blick nach außen ermessen, auf jene, die noch keinen Euro haben, ihn aber gerne wollen. Polnische Häuslebauer zum Beispiel. Weil die Zinsen in Euroland niedriger sind als in Polen, nahmen einige Hausbauer ihre Kredite in Euro auf. In der Finanzkrise hat der polnische Zloty stark an Wert verloren. Dadurch sind die Euro-Kredite für die polnischen Hausbauer auf einmal sehr teuer geworden. Sie hätten ihn gerne ganz schnell als Währung, diesen Euro. Und ihre bisher so europaskeptischen Politiker beeilen sich, ihre Sympathie für das Gemeinschaftsgeld zu versichern.
Einstürzende Altbauten
Die Finanzkrise ist dabei, politische Blöcke in Europa aufzubrechen. Seit die Krise den Wert einer großen, stabilen Währung demonstrierte, hat der Euro auf einmal viele Fans. Die Osteuropäer gehören dazu, die am 1. Januar mit der Slowakei das zweite Neumitglied schicken, die Dänen, Schweden, Isländer - und selbst die Briten, die Europaskepsis bisher in den Rang eines nationalen Identitätsmerkmals erhoben.
Das britische Pfund rutscht dieses Jahr so tief wie seit Dekaden nicht. Die Briten stehen in den Trümmern einer Strategie, die auf Arbeitsplätze in der Finanzbranche statt in der Industrie setzte, auf billiges Geld und unbeaufsichtigte Spekulation, auf ewig steigende Immobilienpreise und ein unabhängiges Pfund, das zwischen den Giganten Euro und Dollar überlebt. Die Finanzkrise fegt alle Pfeiler dieser Strategie auf einmal weg. In ihren einstürzenden Altbauten fragen sich die Briten, ob sich ihre zelebrierte Europhobie womöglich als teurer Irrtum erweist. Sie waren dem Eurobeitritt noch nie so nahe wie heute.
Natürlich birgt der Ansturm der Interessenten Risiken. Die Währungsunion muss schon viele Spannungen aushalten, zwischen staatsgläubigen Franzosen und liberalen Deutschen, ausgabefreudigen Griechen und sparsamen Finnen. Damit solche Fliehkräfte den Euro nicht ausei-nanderreißen, bedarf er eines Korsetts an Regeln. Dazu gehören Aufnahmekriterien, die auch in der Finanzkrise keine Ausnahmen dulden. Und dazu gehören die Schuldengrenzen des Stabilitätspakts, den Franzosen und Italiener gerade mal wieder schleifen wollen.
Der Euro braucht diese Regeln, weil Europas Politiker noch zu national denken. Das ist zehn Jahre nach dem Start der Währungsunion ein Phänomen. Weil er stur funktioniert, beschert der Euro, das ungeliebte Wunderkind, dem Kontinent ungekannte wirtschaftliche Macht - auch gegenüber dem kranken Riesen USA. Doch Europas Politiker schaffen es nicht, diese Macht zu nutzen, ob durch gemeinsam gesteuerte Konjunkturpakete oder neue Regeln für die Finanzbranche. Der Euro ist moderner als Europas Politiker. Wahrscheinlich wird dies noch länger so bleiben.
(SZ vom 27.12.2008/cag)
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