Wolfgang Schäuble und die Euro-Krise "Ich sollte weitermachen"

Aufhören? I wo! Finanzminister und CDU-Urgestein Wolfgang Schäuble will noch eine ganze Zeit im Amt bleiben. Im SZ-Interview sagt er, welches Megathema ihn antreibt, spricht über Irrtümer der EZB - und verrät, warum auch fast bankrotte Länder im Euro bleiben müssen.

Interview: Marc Beise und Claus Hulverscheidt

In der kommenden Woche wollen die EU- Staats- und Regierungschefs umfassende Maßnahmen beschließen, um den Euro dauerhaft zu sichern. Das bereiten die 17 Finanzminister derzeit vor - unter maßgeblicher Mitwirkung des deutschen Ressortchefs Wolfgang Schäuble, 68. Er steht innenpolitisch unter Druck, weil ausgerechnet die Koalitionsfraktionen von Union und FDP die Reformarbeiten mit immer größerer Skepsis begleiten. Schäuble will sich davon nicht beirren lassen.

SZ: Herr Minister, viele Bürger sorgen sich, dass der eingefleischte Europäer Wolfgang Schäuble bei den laufenden Beratungen über eine Reform der Währungsunion zentrale deutsche Positionen opfern könnte - aus purer Gefühlsduselei.

Schäuble: Das ist Unfug. Es ist kein Gegensatz, unserer europäischen Verantwortung gerecht zu werden und gleichzeitig deutsche Interessen zu wahren. Im Gegenteil: Das Beste, was deutsche Politik in den letzten 60 Jahren zustande gebracht hat, ist die europäische Einigung.

SZ: Jetzt bestätigen Sie ihre Kritiker geradezu: Sie schwelgen in Nostalgie.

Schäuble: Das ist keine Nostalgie. Hätten wir die EU und den Euro nicht, hätte uns die Finanz- und Wirtschaftskrise noch viel härter getroffen als ohnehin schon. Je komplizierter die Dinge auf der Welt werden, desto wichtiger ist es, dass wir Europäer zusammenstehen. Schauen Sie doch jetzt nur nach Japan.

SZ: Was hat das mit Japan zu tun?

Schäuble: Das Drama dort beschäftigt uns alle. Menschlich vor allem, aber auch ökonomisch. Niemand weiß, wie groß die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft noch sein werden. Und dann die Unruhen im arabischen Raum mit ihren Risiken für die Rohstoffversorgung. In so unruhigen Zeiten tun die Europäer gut daran, so geeint wie möglich zu sein.

SZ: Was kann die Politik konkret tun, um Japan zu helfen?

Schäuble: Die Finanzminister und Notenbankchefs der G7 haben bereits begonnen, über die möglichen Auswirkungen der Katastrophe in Japan zu beraten, und sich auf eine konzertierte Aktion für den Yen verständigt. Die schrecklichen Ereignisse müssen uns erneut klarmachen, dass eine Krise wie die in Japan Auswirkungen auf uns alle hat. Deshalb brauchen wir die europäische Einigung.

SZ: Das Thema treibt Sie um.

Schäuble: Und ob. Die Notwendigkeit, für Europa zu streiten, ist ein zentraler Grund dafür, warum ich nach einer relativ langen politischen Karriere das Gefühl habe, dass ich noch eine ganze Weile weitermachen sollte.

SZ: Warum aber wird es immer schwerer, selbst Menschen, die stets für die EU und den Euro eingetreten sind, zu vermitteln, dass wir für die Einigung Europas auch finanzielle Opfer bringen müssen?

Schäuble: Schon der Begriff "Opfer bringen" ist falsch. Wir verschwenden keine deutschen Steuergelder für irgendwen auf der Welt, sondern wir investieren in die Zukunft Deutschlands.

SZ: Dass diese Investition aber einmal solche Ausmaße annehmen würde, hätten Sie vor 20 Jahren, als erstmals über eine Währungsunion diskutiert wurde, wohl selbst nicht gedacht - oder?

Schäuble: Richtig, das konnten wir nicht voraussehen.