Volkswagen Porsche stellt sich vor die lädierten VW-Manager

Graue Zeiten bei Volkswagen: Heckklappe eines VW-Passats.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Wolfgang Porsche nimmt in der Abgasaffäre bei VW die alte und neue Konzernspitze in Schutz. Wer das verstehen will, muss auf alte Affären schauen.

Von Klaus Ott

Wolfgang Porsche, genannt WoPo, ist ein zurückhaltender Mensch. Der einflussreiche Industrielle, der mit seiner Familie zu den Hauptaktionären von Volkswagen gehört und dort im Aufsichtsrat sitzt, gibt selten Interviews. Doch jetzt, angesichts unerfreulicher Schlagzeilen über den Kurs des VW-Vorstandes in der Abgasaffäre, musste er offenbar einiges loswerden. Konzernchef Matthias Müller mache einen "wirklich guten Job", und das hoffentlich noch lange, sagte Porsche der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Volkswagen und auch der Aufsichtsrat sollten von Leuten aus dem eigenen Hause geleitet werden. Das war dann zugleich ein Bekenntnis zu Hans Dieter Pötsch, einem engen Vertrauten der Familie Porsche, der sich früher im VW-Vorstand um die Finanzen kümmerte und heute dem Kontrollgremium vorsteht.

Müller und Pötsch haben also im eigenen Hause nichts zu befürchten. Und das, obwohl der Konzernvorstand spätestens Anfang September 2015 von den manipulierten Abgas-Messungen bei Diesel-Fahrzeugen in den USA erfahren und die Gesetzesverstöße dann geheim gehalten hatte. Aktionäre und Öffentlichkeit erfuhren nichts davon. Als die Verstöße dann trotzdem aufflogen, weil die US-Umweltbehörde EPA dies bekannt gab, erweckte VW den Eindruck, der Vorstand sei eiskalt erwischt worden. Dass dies so nicht stimmt, dass der Konzern und seine Führung bewusst geschwiegen hatten, stellt sich erst jetzt beim Landgericht Braunschweig heraus. Dort klagen Aktionäre auf Schadenersatz.

Müller war, als die Nachricht von den Manipulationen in den Vereinigten Staaten die Konzernspitze erreichte, noch Porsche-Chef und gehörte dem VW-Vorstand ebenso an wie Pötsch. Kurz nach Beginn der Affäre ersetzte Müller den langjährigen Vorstandschef Martin Winterkorn, und Pötsch wurde Aufsichtsratschef. Und dabei soll es auch bleiben, wie Porsche der dpa sagte. Die Spitzenleute müssten aus dem eigenen Hause kommen, sie müssten die Strukturen am Stammsitz in Wolfsburg verstehen, "sonst hat man keine Chance".

Erst als die US-Behörden die Manipulationen publik machten, griff Volkswagen durch

Um Wolfsburg zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf alte Affären. Etwa auf die Lustreisen für gekaufte Betriebsräte. Umfassende Aufklärung in Wolfsburg erfolgt manchmal erst auf Druck von außen. Das zeigt auch die neue Affäre um die manipulierten Abgas-Messungen. Bei VW hatten sich bereits Ende Mai 2015 "zunehmend die Hinweise" verdichtet, dass bei Diesel-Fahrzeugen in den USA eine unzulässige Software zum Einsatz gekommen sein könnte. Das räumt Volkswagen selbst in einem Schriftsatz ein, mit dem sich der Konzern bei Gericht gegen die Schadenersatzklagen von Aktionären wehrt.

Am 3. September legte VW bei der US-Umweltbehörde EPA ein Geständnis ab. Der noch von Winterkorn geleitete Vorstand war da dem Schriftsatz zufolge bereits informiert und wollte leise, still und heimlich eine niedrige Strafe aushandeln. Erst als die EPA an die Öffentlichkeit ging, untersuchte Volkswagen das ganze Ausmaß der Affäre. Binnen Tagen stellte sich plötzlich heraus, was zuvor intern über Wochen und Monate nicht untersucht worden war: Nicht nur in den USA hatte VW manipuliert, sondern weltweit bei insgesamt mehr als elf Millionen Fahrzeugen.

Erst dann, als die EPA Schluss machte mit der Geheimniskrämerei, erfuhr der Aufsichtsrat von den Manipulationen - aus den Medien. "Absolut nicht akzeptabel" nannte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der dem Kontrollgremium angehört, diesen Umgang des Unternehmens mit dem Aufsichtsrat. Und erst dann, also nach der EPA-Veröffentlichung, den anschließenden Schlagzeilen und der neuen Dimension mit Millionen betroffenen Fahrzeugen, erstattete der Konzern bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig Strafanzeige wegen mutmaßlichen Gesetzesbruchs in den eigenen Reihen. Alles Maßnahmen, die schon vorher möglich gewesen wären.

Doch der Vorstand spielte unter Winterkorn lieber auf Zeit, statt durchzugreifen. Und der neue Chef Müller schrieb wohlklingende Briefe an die Bundesregierung, in denen er den "Dialog mit Politik und Gesellschaft" beschwor, aber die wochenlange Geheimniskrämerei verschwieg. Die Regierung nimmt das VW aber offenbar nicht übel, sondern vertraut darauf, dass die Aufklärungsarbeit in Wolfsburg "lückenlos" vorangehe. So sagte es am Montag eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. Sie betonte, der Konzern arbeite konstruktiv mit der Regierung zusammen.

Müller und Pötsch haben nach derzeitigem Stand nichts zu befürchten, und das gilt auch für Winterkorn. VW betont in dem Schriftsatz für das Landgericht Braunschweig, die für die Manipulationen verantwortlichen Techniker hätten jahrelang alles verborgen und das eigene Unternehmen getäuscht. Dem damaligen Vorstand sei nicht einmal einfache Fahrlässigkeit vorzuwerfen. Das sieht Winterkorn auch selbst so, und Wolfgang Porsche glaubt ihm. Porsche sagte der dpa, wer Winterkorn näher kenne, der wisse, dass der Ex-Konzernchef von seiner Unschuld "zutiefst überzeugt" sei. Porsche telefoniert ab und zu mit Winterkorn. Dieser habe VW fast 35 Jahre gedient, "das sollten wir nicht vergessen".