Wohnungsmarkt Studentenbude für 800 Euro

Alle Städte freuen sich, wenn viele junge Menschen zum Studieren kommen. Doch es gibt nicht genug günstige Wohnungen. Auch die Preise für WG-Zimmer steigen stark.

Von Benedikt Müller

Sie wollten für Unruhe sorgen und nebenbei eine Wohnung finden. Zehn Nächte lang haben junge Leute mitten in Karlsruhe campiert, in gelben Zelten neben dem Schloss. Tagsüber fragten sie Passanten, ob sie nicht ein Zimmer frei hätten oder einen Vermieter kennen. Denn bald werde ihr Studium beginnen, aber sie hätten keine Bleibe. Vor allem wollten die Camper ein Zeichen setzen: Wenn es so weitergehe in den Städten, dann müssten sie eben zelten, um studieren zu können.

Karlsruhe steht beispielhaft für den enormen Zuzug, den viele Studienorte erleben. Die Stadt will als "Technologiestadt" wachsen. Heute studieren dort 53 Prozent mehr Menschen als noch vor 15 Jahren. Zum Wintersemester erwartet die Stadt weitere 7 500 Erstsemester. Doch das Angebot an bezahlbarem Wohnraum ist nicht mitgewachsen. In den Wohnheimen werden dieses Jahr höchstens 800 Plätze frei, heißt es beim Studierendenwerk. Erstsemester brauchen also Glück, dass die Familie in der Nähe wohnt, oder sie begeben sich auf einen Markt, der enger wird.

In den meisten Hochschulstädten hat sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt zum neuen Semester verschlechtert. Laut dem Portal WG-gesucht werden Zimmer in Wohngemeinschaften im Durchschnitt für 349 Euro pro Monat angeboten. Im vorigen Jahr waren es noch 330 Euro. Ein Anstieg um fünf Prozent. Dabei nehmen die Unterschiede zwischen den Städten zu.

"Studierende konkurrieren mit Azubis, Berufseinsteigern, jungen Familien und Senioren."

Besonders angespannt ist die Lage in München, wo ein WG-Zimmer im Durchschnitt für 560 Euro angeboten wird. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Moses-Mendelssohn-Instituts im Auftrag der Immobilienfirma GBI. "Studierende konkurrieren nicht nur mit Auszubildenden und Berufseinsteigern um bezahlbare Wohnungen, sondern etwa auch mit jungen Familien oder alleinstehenden Senioren", sagt der Chef des Moses-Mendelssohn-Instituts, Stefan Brauckmann.

Bundesweit studieren zurzeit 2,7 Millionen Menschen. Das sind fast 40 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Ein immer größerer Teil der jungen Leute durchläuft die Schule bis zum Abitur. Auch die Zahl ausländischer Studenten ist hierzulande gestiegen. Hinzu kommt, dass viele Länder die Gymnasialzeit verkürzt haben, und der Bund die Wehrpflicht ausgesetzt hat. Die Reformen haben die Zahl der Erstsemester zusätzlich erhöht. Der Zuzug in klassische Hochschulstädte wie Freiburg oder Darmstadt ist besonders groß, sagt Brauckmann. "Während manche Universitätsstädte so beliebt sind, dass sie hohe Zulassungsbeschränkungen einführen müssen, schalten andere Standorte massiv Werbung, um ihre Studienplätze zu füllen."

Nur in sieben Städten beobachtet das Institut, dass sich der Wohnungsmarkt entspannt, etwa in Hannover, Münster und Würzburg. Die Autoren haben sämtliche Städte untersucht, in denen mehr als 5000 Studierende eingeschrieben sind.

Das Deutsche Studentenwerk warnt, hohe Mieten verschärften die Ungleichheit. "Wer viel arbeiten muss, um sich seine Wohnung oder sein WG-Zimmer zu finanzieren, dem bleibt weniger Zeit zum Studieren", sagt Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde. Hohe Mieten in den Uni-Städten können auch Kinder ärmerer Familien vom Studieren abhalten. Ohnehin hängt der Bildungserfolg eines Menschen in Deutschland stark vom Elternhaus ab.

Bundesweit gilt, dass das Angebot an Wohnheimplätzen langsamer gestiegen ist als die Zahl der Studenten. "Vielerorts sind die Wartelisten sehr lang", sagt Meyer auf der Heide. Er fordert Länder und Städte auf, mehr Wohnheime zu bauen.

Doch wie in Karlsruhe scheitert der Bau vielerorts an fehlenden Grundstücken. "Wir haben die nötigen Mittel und die nötige Erfahrung, um zu bauen", heißt es beim Studierendenwerk. Doch sei das Bauland dermaßen teuer geworden, dass man regelmäßig von Investoren überboten werde.

SZ-Grafik; Quelle: Moses Mendelssohn Institut

So kommt es, dass privatwirtschaftliche Firmen in den vergangenen Jahren genauso viele Studentenwohnungen gebaut haben wie öffentliche und gemeinnützige Träger zusammen. Es sind Projekte wie das "Phoenix" in Hamburg. Dort baut die Firma Profund das alte Bürogebäude einer Gummifabrik zum Wohnort für Studierende um. So entstehen 160 Wohnungen, die inklusive Küche, Schlafcouch, Schreibtisch und Schrank vermietet werden. Pünktlich zum nächsten Wintersemester sollen die ersten Studenten einziehen. Schon jetzt sind 90 Prozent der Wohnungen verkauft - an Kapitalanleger. Apartments für Studenten gelten als eines der gefragtesten Immobilien-Investments.

Allerdings ziehen private Neubauten die durchschnittlichen Wohnkosten weiter nach oben. Laut Moses-Mendelssohn-Institut ist es ohne staatliche Förderung zurzeit kaum möglich, neue Apartments unter 360 Euro warm zu vermieten, weil Baukosten und Grundstückspreise so stark gestiegen seien. In München werden manche Neubauten für mehr als 800 Euro angeboten. "Unter dem Label 'studentisches Wohnen' werden einige Projekte vorangetrieben, die sich wohl eher an Berufseinsteiger richten oder nur zeitweise an Berufstätige vermietet werden sollen", sagt Brauckmann. Das Studentenwerk kritisiert, für die meisten Studierenden seien rein private Bauten unbezahlbar.

Deshalb fordern etwa die Wohnungspolitiker der Grünen, Politik und Hochschulen sollten das Problem gemeinsam anpacken. Randgebiete sollten besser an die Innenstädte angebunden und Grundstücke des Bundes leichter umgenutzt werden können, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Städte wie Karlsruhe setzen zudem auf das Potenzial, das in bestehenden Häusern schlummert. Aktionen wie das Zeltlager sollen etwa ältere Menschen ermutigen, freie Zimmer oder ihre Souterrain-Wohnung an Studenten zu vermieten. Im Lager am Schloss hat das jedenfalls geklappt. Alle zehn "Dauercamper" haben neue Vermieter gefunden.