Flüchtlingsunterkünfte Aus Wald wird Wohnraum

Etwas teurer als Container, dafür spart man später bei den Energiekosten: Holzhäuser der Firma Bauer, die aus Modulen zusammengefügt werden.

(Foto: Bauer)
  • Das Geschäft mit Fertigbauhäusern boomt in Zeiten der hohen Flüchtlingszahlen.
  • Rheinland-Pfalz will auf Holzbauten setzen, wie auch die Stadt Marburg.
Von Susanne Höll, Frankfurt

Wer auch immer in diesen Tagen Flüchtlinge unterbringen muss, ist in Bedrängnis. Es gibt kaum noch freie Immobilien, der Markt für Wohn-Container ist leergefegt, Zeltstädte sind im Winter unzumutbar. In dieser schwierigen Situation erlebt der Holzbau eine Renaissance. Immer mehr öffentliche Bauherren entschließen sich, aus der Not eine Tugend zu machen und die Schutzsuchenden in Holzhäusern unterzubringen. Nicht nur der besseren Qualität und der Ästhetik wegen. Die Holzbauten sind Teil der regionalen Wirtschaftsförderung.

Die Firma

Von der Küste bis zu den Alpen entstehen überall in Deutschland Holzpavillon-Siedlungen. Wer interessante Offerten im Angebot hat, muss nicht klagen. "Das Geschäft läuft auf vollen Touren", sagt Ludwig Roltsch, Vertriebschef bei der Firma Bauer in Neukirch am Bodensee, ein mittelständisches Familienunternehmen mit derzeit 35 Beschäftigten, Anbieter von Wohn- und Gewerbeimmobilien aus Massivholz, gern auch im Modulbau.

In Augsburg haben die Bauers bereits Flüchtlingsunterkünfte errichtet, Mitte der Woche haben sie Pavillons in Gelsenkirchen aufgestellt. Ein Haus besteht aus vier Einzelelementen, jedes 4,30 Meter breit und 12,60 Meter lang, zwei nebeneinander und übereinander ergeben ein Gebäude mit Platz für 24 Bewohner. Rückt man enger zusammen, finden auch noch mehr Betten Platz. Kostenpunkt eines sogenannten Gästehauses: 370 000 Euro. Etwas teurer als Container, stimmt. Aber man spart hinterher bei den Energiekosten. Bauarbeiten gibt es nicht. Die Module werden auf Schwerlaster geladen, auf dem Grundstück zusammengestellt - und fertig. Gut drei Dutzend dieser Häuser stellen die Bauers jedes Jahr auf, schlüsselfertig, wohlgemerkt. Die Firma hat neue Mitarbeiter eingestellt und könnte, so der Eigentümer Jörg Bauer, noch mehr Handwerker gebrauchen. Er sucht inzwischen unter den Flüchtlingen nach ausgebildeten Handwerkern, bat das Arbeitsamt Lindau um Hilfe.

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Die Auftraggeber der Bauers sind nicht nur Gemeinden, sondern auch Privatpersonen. Auch Kapitalanleger und Immobilieninvestoren interessieren sich für die Modulhäuser. Wer ein passendes Grundstück hat, ordert ein Gästehaus und vermietet es an die Kommune - als Unterkunft für anerkannte Asylbewerber oder solche Flüchtlinge, die aus den großen, von den Bundesländern betriebenen Erstaufnahmestätten in die Kommunen in Einzelquartiere geschickt werden.

Die Landesregierung

Rheinland-Pfalz muss in diesem Jahr Platz für rund 48 000 Flüchtlinge schaffen, viele Erstaufnahme-Einrichtungen sind voll. Am Rand des Flughafens Hahn steht eine Zeltstadt, die Bewohner werden bald feste Unterkünfte bekommen - allesamt aus Holz. Die rot-grüne Landesregierung hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Im Dezember sollen die ersten 200 Asylbewerber in einen Holzbau eingezogen sein, 30 Meter lang, 15 Meter breit, drei Geschosse mit jeweils 16 Zimmern. Erdacht und geplant wurde das Projekt von einer Arbeitsgruppe unter Führung des Finanzministeriums in Mainz. Die Philosophie lautete: Weg vom oft wenig ansehnlichen Wohncontainer, hin zum nachhaltigen Bau. Hannsjörg Pohlmeyer ist Forstwirt, inzwischen pensioniert, ein großer Kenner des Holzbaus, Mitglied der Arbeitsgruppe und höchst begeistert. "In der Flüchtlingskrise liegt auch eine Chance", sagt er.

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Rheinland-Pfalz hat große Wälder, jede Menge Holz und viele kleine oder mittelständische Handwerksbetriebe. Die sollen nun kooperieren, im Flüchtlingswohnbau. Denn der erfordert, anders als schlüsselfertige Gebäude, eine Zusammenarbeit vieler Gewerke. Fenster müssen eingebaut werden, Türen, Heizungen, etliches andere obendrein. "Wir stricken an einem Netzwerk", sagt Pohlmeyer. Für ihn liegt der Vorteil von Holzbauten auf der Hand. Schöner seien sie und hätten eine weitaus längere Lebensdauer: "Wenn man qualitätsbewusst ist, steht das Gebäude länger und kann einmal anders verwendet werden." Später könnten dort vielleicht einmal Airport-Büros Platz finden oder ein Hotel. Rheinland-Pfalz hat noch einen Plan. Die Regierung bietet Kommunen Handreichungen zum Bau von Holzsiedlungen an. Kommt das Geschäft in Gang, wäre das ein kleines Konjunkturprogramm. Finanz-Staatssekretär Salvatore Barbaro (SPD) macht klar, dass er den Firmen Gutes tun will: "Wir bekommen die Unterkünfte und das Handwerk kann profitieren."

Der Bürgermeister

Egon Vaupel ist Oberbürgermeister von Marburg, geschätzt weit über die Stadt hinaus. Im November gibt er sein Amt auf, der Gesundheit wegen. Aber vorher hat der 65-Jährige noch ein großes Projekt durchgesetzt - in Marburg werden sechs zweigeschossige Holzhäuser gebaut, gut 850 Plätze für Asylbewerber wird es darin geben, erste Umzüge aus Zelten noch in diesem Jahr. Die kleine Siedlung steht dann auf einem Sportplatz, soll "Quartiercharakter" haben, ein neues Mini-Viertel sozusagen. Der Oberbürgermeister zählt die Vorteile auf: angenehmeres Leben, weniger Energieverbrauch, größere Haltbarkeit. Und warum keine Container? "Es gibt kaum noch Container, und die, die es noch gibt, bekommt man nur zu hohen Preisen", lautet die Antwort. Außerdem stellt niemand in und um Marburg herum Container her. Die Holzhäuser hingegen baut ein Betrieb aus der Region. Der Oberbürgermeister legt Wert darauf, dass heimische Firmen zum Zuge kommen, Wirtschaftsförderung im Kleinformat. Vaupel sagt, er mache sich allerdings überhaupt keine Gedanken, wie man die Holzhäuser später einmal nutzen könnte. "Wir werden diese Häuser jahrelang für Flüchtlinge brauchen", lautet seine Prognose.

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