Der scheidende Premierminister hat es in zehn Regierungsjahren nicht geschafft, die sozialpolitische Vision von "New Labour" in die Tat umzusetzen. Wenn eine Putzfrau prozentual einen höheren Steuersatz zahlt als ein Private-Equity-Manager, ist dies durch nichts zu rechtfertigen.
Es mag ein freundschaftlicher Rat an den designierten britischen Premierminister Gordon Brown sein, der in dieser Woche Tony Blair ablösen soll. Dass ausgerechnet einer der reichsten Männer Großbritanniens sich in die Debatte um die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich einmischt, ist aber vor allem politisch brisant: So warnte jetzt der prominente Gründer der Beteiligungsgesellschaft Apax, Sir Ronald Cohen, vor möglichen Straßenunruhen in London. Brennende Barrikaden und marodierende, arbeitslose Jugendliche? Wiederholt sich der Pariser Herbst 2005?
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Cohens düstere Prognose ist keineswegs aus der Luft gegriffen: Großbritannien hat es in zehn Jahren Labour-Regierung nicht geschafft, die sozialpolitische Vision von "New Labour" in die Tat umzusetzen. Mehr Briten sollen in Zukunft am Wohlstand teilhaben, versprach Blair zu seinem Amtsantritt.
Das Gegenteil ist passiert: Statistiken über die Einkommensverteilung zeigen, dass die Insel am Ende seiner Ära auf dem Weg zurück in Margaret Thatchers Zeiten ist. Die eiserne Lady sorgte in den achtziger Jahren für einen sozialpolitischen Kahlschlag - damals zum Vorteil einer Gesellschaft, deren Strukturen heillos verkrustet erschienen. Doch nun wird vielen Briten bewusst, dass der Wirtschaftsliberalismus à la Blair die Gräben im Land vertieft hat.
So konnte die wirtschaftliche Elite, die lediglich 0,1 Prozent der Einkommensbezieher ausmacht, ihren Wohlstand um bis zu 600 Prozent steigern. Dagegen ist das Einkommen der ärmsten zehn Prozent der Briten gesunken - von umgerechnet 134 Euro wöchentlich im Jahre 2002 auf 131 Euro im Jahre 2006. Sogar gutgemeinte Mindestlöhne, die in Großbritannien bereits seit 1999 Gesetz sind, konnten die Kluft nicht schließen. Ein Heer arbeitender Arme, für die ein Hartz-IV-Einkommen einschließlich Mietzuschüssen ein Traum wäre, zählt in London, Manchester und Birmingham zur sozialpolitischen Realität.
Dies ist eine Entwicklung, die nicht allein Großbritannien betrifft. Eine wachsende Generation von McJob-Inhabern macht die Hilflosigkeit sozialdemokratischer Politikkonzepte gegenüber der Urgewalt der Globalisierung deutlich. Ebenso wie in Großbritannien geht in Europa der rapide Abbau traditioneller Industriezweige weiter. Der Arbeiter, der sein Leben lang an der Drehbank steht und mit spätestens 65 Jahren eine gesicherte Pension erwarten kann, ist eine aussterbende Spezies.
Die Vision von der Dienstleistungsgesellschaft, die in Großbritannien mit dem Finanzzentrum London zumindest teilweise Realität geworden ist, ist für den industriellen Aderlass kein Ersatz: Erstens lassen sich Arbeitslose aus dem verrotteten Industriegürtel Mittelenglands nicht ohne weiteres zu Web-Designern umschulen.
Zweitens hat die boomende Finanzindustrie Großbritanniens eine spezielle Kaste von Spekulanten und Finanzjongleuren kreiert, die sich nur wenig um den auseinanderdriftenden sozialen Unterbau einer Gesellschaft kümmert. Die Banker und Broker würden ohnehin von heute auf morgen ihre Koffer packen und nach New York oder Schanghai umziehen, wenn sie dort ihre Millionen schneller machen können.
Browns Chance zur Korrektur
Gewiss hat es der neue Regierungschef Brown im Gegensatz zu seinem Kollegen auf dem europäischen Festland einfacher: Schmerzhafte Reformen des Arbeitsmarktes hat Großbritannien hinter sich. Doch der Labour-Politiker steht nun vor der Herkulesaufgabe, die soziale Desintegration zu stoppen. Großen finanziellen Spielraum hat er nicht. Allein das marode, staatliche Gesundheitssystem NHS kann sich das Land kaum noch leisten. Ansetzen kann Brown aber beim unfairen Steuersystem.
Wenn eine Putzfrau in Großbritannien prozentual einen höheren Steuersatz zahlt als ein Private-Equity-Manager, ist dies durch nichts zu rechtfertigen. Skandalös ist, dass ausländische Milliardäre wie der russische Öl-Tycoon und Chelsea-Fußballclub-Besitzer Roman Abramowitsch oder der indische Stahlmogul Lakshmi Mittal, die in London ihren Wohnsitz haben, von Steuersparmodellen profitieren können. Brown hat die Chance, dies zu korrigieren.
(SZ vom 25.6.2007)
Schlosshotels in Polen
sondern die SPD=Labour, die für den immer schneller anschwellenden Wertezuwachs bei immer Wenigeren sorgt. Mit der gebetsmühlenartig vorgetragenen Begründung der "Sachzwänge" sowie unter Hinterlassung von ebenfalls anschwellenden (...ein Heer arbeitender Arme...) Kollateralschäden mit steigenden Zahlen von Zusatzjobbenötigern.
In diesem Sinne wäre man lieber ein Konservativer.
Maggie konnte die Kohle nur wegen der sprudenden Öleinnahmen ruinieren.
Leider ist das aber vorbei, Großbritannien ist wieder Netto-Ölimporteur, auch die Interconnector Gaspipline läuft im Winter seit Jahren nicht mehr in die Richtung für welche sie eigentlich geplant war.
Großbritannien hat zu Gunsten der Superreichen seine Öl und Gasreseven verschleudert, wer die Zeche bezahl, das ist bekannt. Sie werden bald nach dem Euro lechzen- wenn es nicht mehr genug Pfunde für Öl und Gas gibt.
Oildrum
Ich traue nur einer Statistik, die ich selbst gefällscht habe!
"Ein Heer arbeitender Arme, für die ein Hartz-IV-Einkommen einschließlich Mietzuschüssen ein Traum wäre, zählt in London, Manchester und Birmingham zur sozialpolitischen Realität."
Endlich der richtige Ansatz, den Erfolg einer Regierung zu bewerten. Einfach ein paar vokswirtschaftliche Kerndaten vorher/hinterher und schon zeigt sich in Realtiät, was die Regierung taugte.
Blair hat versagt. "New Labour" war eine Wortblase eines Menschen, der das Geschwätz und alte Schuhe über alles liebte. Jetzt überläßt es es Mr. Brown. Labour abzuwickeln, egal ob New oder Old Labour. Diese Partei stirb auch in England. Nur dauern dort selbst die Todeskämpfe aus Tradition länger.
Gegen Blair war Kohl ein erfolgreicher Politiker. Und hat kein Krieg gemacht.
Das wäre natürlich alles enttäuschend, wenn es wahr wäre. Aber Andreas Oldag bietet überhaupt keine Evidenz, was die Vermutung aufkommen lässt, dass er aus ideologischen statt empirischen Gründen argumentiert.
Schauen wir die offizielle aber unabhängige Eurostat-Statistik an:
http://epp.eurostat.ec.europa.eu/pls/portal/docs/PAGE/PGP_PRD_CAT_PREREL/PGE_CAT_PREREL_YEAR_2007/PGE_CAT_PREREL_YEAR_2007_MONTH_06/3-18062007-DE-AP.PDF
Das Vereinigte Königreich hat den zweithöchsten Mindestlohn (1292KKä) in der EU in Kaufkraftäquivalenten (1361). Das kann nicht schlecht sein. Und nur 1,8% de r Arbeitnehmer bekommen den Mindestlohn (vergleiche Frankreich 17%). Und die Arbeitslosigkeit ist bei 5,5% laut ILO, die
Beschäftigungsquote bei 71,6 (Eurostat) (vergleiche FR 63% und DE 67,2
Nun die Einkommensverteilung: Nehmen wir zum Beispiel die Institute for Fiscal Studies. http://www.ifs.org.uk/pr/hbai07_pr.pdf
"Poverty rises for the first time since 1997" "Zum ersten Mal seit 1997..." heisst: trendmäßig ist die Einkommensverteilung gleicher geworden. Lesen sie die Daten durch.
Wie Andreas Oldag zugibt, gehen die Einkommen in der ersten Welt überall auseinander, aber in England ist der Trend nur schwach. Die reichsten 10% sind reicher geworden, relativ zum Mittelwert, aber die ärmstem 10% sind auch reicher geworden relativ zum Mittelwert. Die Daten gibt es von der OECD:
http://www.oecd.org/dataoecd/29/24/38749048.pdf?contentId=38749049
Alles zusammen ist die Bilanz von Blair gar nicht schlecht. Er hat massiv in Bildung und Gesundheit investiert, und konsequent Einkommen nach unten umverteilt. Wenn Iraq nicht gewesen wäre........
Paging