Wohlstand Deutschlands Mittelschicht schrumpft

Szene in Münster, Westfalen: Die Mittelschicht macht in Deutschland einen größeren Anteil aus als in anderen Ländern. Noch.

(Foto: imago stock&people)
  • Die breite Mittelschicht, die am Wohlstand partizipiert, wird schmaler: Der Anteil der Haushalte mit einem Einkommen von 2000 bis 7000 Euro ist innerhalb von zehn Jahren zurückgegangen.
  • Gerade haben so viele Menschen Arbeit wie lange nicht - trotzdem wächst die Mittelschicht nicht wieder.
Von Alexander Hagelüken

Trotz eines neuen Beschäftigungsrekords ist die deutsche Mittelschicht in den vergangenen 20 Jahren deutlich geschrumpft. Nach einer Studie der Universität Duisburg-Essen ging der Anteil von Haushalten mit mittleren Einkommen zwischen 1993 und 2013 von 56 auf 48 Prozent zurück. Gleichzeitig stieg die Quote der schlechter Verdienenden. Eine breite Mittelschicht, die am Wohlstand partizipiert, galt stets als Erfolgsmerkmal des deutschen Wirtschaftsmodells der sozialen Marktwirtschaft. In der Bundesrepublik war diese Bevölkerungsgruppe traditionell größer als in vergleichbaren Ländern wie Italien oder Großbritannien.

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Als mittleres Einkommen definieren die Forscher vom Institut Arbeit und Qualifikation im Fall einer vierköpfigen Familie gut 2000 bis gut 7000 Euro brutto im Monat. Der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe ging auch zurück, wenn man staatliche Umverteilung durch höhere Steuern für Besserverdiener berücksichtigt. Der Befund deckt sich mit Ergebnissen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, das Nettoverdienste betrachtet und eine andere Definition der Einkommensschichten verwendet. Laut DIW nahm die Mittelschicht zwischen 1997 und 2013 von 64 auf 58 Prozent ab.

Immer weniger Menschen können von ihrem Lohn leben

Der Anteil der Mittelverdiener schrumpfte vom Ende der Neunziger- bis Mitte der Nullerjahre stark. DIW-Forscher Markus Grabka erklärt das vor allem damit, dass viele Deutsche ihre Stelle verloren oder geringer bezahlte Jobs annehmen mussten.

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Bemerkenswert an der neuen Duisburger Studie ist, dass die Bedeutung der Mittelschicht nicht wieder wächst, obwohl sich die Verhältnisse in der deutschen Wirtschaft seit zehn Jahren komplett umkehren: Die Zahl der Arbeitslosen halbierte sich, 2015 könnte ein neuer Rekord von fast 43 Millionen Beschäftigten erreicht werden. "Es ist erstaunlich, dass die Mittelschicht nicht zunimmt, obwohl der Arbeitsmarkt gut läuft", sagt Grabka. Er erklärt dies etwa damit, dass ältere Deutsche wegen stagnierender Renten in untere Einkommensschichten abrutschen.

Offenbar steigen auch nicht mehr so viele Deutsche von unten auf wie in früheren Boomphasen. Die Duisburger Forscher Gerhard Bosch und Thorsten Kalina fordern die Politik auf, eine bessere Bezahlung vieler Tätigkeiten durchzusetzen. Immer weniger Haushalte der unteren Mittelschicht und der Unterschicht, darunter vermehrt Singles, könnten vom Lohn ihrer Arbeit leben - und das gleiche oft der Staat durch Transferzahlungen aus. "Wenn der Sozialstaat schon in guten Zeiten so stark beansprucht wird, besteht die Gefahr, dass er in Krisenzeiten überfordert ist", sagen Bosch und Kalina.

Deutsche aus unteren Einkommensschichten hätten in vielen Branchen nur noch Zugang zu Minijobs und kurzer Teilzeitarbeit. Die Firmen bezahlten den meisten Minijobbern nicht die ihnen zustehenden Urlaubs- oder Krankheitstage. Außerdem entlasse das Bildungssystem zu viele Jugendliche ohne Berufsabschluss, die nur sporadisch oder in Teilzeit beschäftigt würden.

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