Wirtschaftsystem Nein, Kapitalismus ist nicht schlecht

Illustration: Lisa Bucher

Die existenziellen Probleme der Welt lassen sich nur mit freien Märkten, Rechtsstaat und Demokratie lösen. Eine Verteidigung, warum Zocken gut sein kann.

Von Nikolaus Piper

Der Kapitalismus steht unter Anklage. Seit langem schon, und die Vorwürfe werden immer heftiger. "Macht uns der Kapitalismus kaputt?" lautete der Recherche-Auftrag der Süddeutschen Zeitung, der am Anfang der Beiträge zu dem Thema in dieser Woche stand. "Diese Wirtschaft tötet", meinte Papst Franziskus in seinem berühmt gewordenen Schreiben Evangelii Gaudium über den Kapitalismus. Die Anklage ist so umfassend, dass einem der Ökonom Joseph Schumpeter einfällt, der einst sagte: "Der Kapitalismus ficht seinen Prozess vor Richtern aus, die das Todesurteil bereits in der Tasche haben." Höchste Zeit also für eine Verteidigungsrede. Nein, der Kapitalismus ist nicht schuld an den existenziellen Problemen dieser Welt. Er ist nicht das Problem, er selbst ist auch nicht die Lösung, aber er ist das einzig bekannte System, das Lösungen für diese Probleme liefern kann.

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"Schneller, höher, weiter: Macht uns der Kapitalismus kaputt?" - Diese Frage hat unsere Leser in der neunten Runde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines umfangreichen Dossiers, mit dem die Süddeutsche Zeitung diese Frage der Leser beantworten will - mit einer digitalen Reportage zum Thema Ungleichheit in Deutschland, mit Essays zu Verwerfungen und Vorteilen eines umstrittenen Systems und vielem mehr. Alles zur aktuellen Recherche lesen Sie hier, alles zum Projekt hier.

Dabei ist es schon irreführend, von "dem" Kapitalismus zu sprechen. Es gibt viele davon, den amerikanischen, den deutschen, den japanischen, den chinesischen. Und jeder dieser Kapitalismen ändert sich laufend, weil die μMenschen darin die Möglichkeit haben, aus ihren Fehlern zu lernen - einer der entscheidenden Vorteile des Systems. Die Finanzkrise hat viele gute Gründe für Reformen geliefert. Doch nicht jede Reform ist gut. Gefahr ist im Verzug, sobald die Lern- und Veränderungsfähigkeit des Systems infrage gestellt wird. Misstrauisch muss einen die Klage über die "entfesselten" Märkte machen. Das würde ja implizieren, dass gefesselte, also unbewegliche Märkte etwas Gutes seien. Ein verhängnisvoller Irrtum.

Drei Thesen

Die Anklage: Entfesselte Märkte gefährden Umwelt und Zusammenhalt

Der Fakt: Starke Regulierung verhindert Innovationen

Die Lösung: Märkte gestalten und aus Fehlern lernen

Zum Beispiel in Sachen Umwelt. Viele Menschen sind sich einig, dass der Kapitalismus die Umwelt zerstört und dass er dafür verantwortlich ist, wenn die Erderwärmung unaufhaltsam weiter geht. Tatsächlich sind es aber die Menschen, die mit ihren Bedürfnissen die Ressourcen des Planeten erschöpfen. Dazu gehören selbstverständlich auch Kapitalisten und andere Reiche, die einen hohen, gelegentlich obszön hohen Konsum pflegen. Trotzdem war es der Kapitalismus und nicht der Sozialismus, in dem der Umweltschutz erfunden wurde. Die westlichen Industriestaaten haben Blei aus dem Benzin und das klimaschädliche FCKW aus der Luft verbannt. Der Bodensee wurde nach dem Beinahe-Kollaps in den 1970er-Jahren gerettet, der Aralsee in der ehemaligen Sowjetunion dagegen ist dabei, ganz zu verschwinden. Das ebenso arme wie sozialistische Venezuela betreibt bei einem Benzinpreis von umgerechnet zwei Cent pro Liter ein groteskes Maß an Energieverschwendung.

Umweltschutz kommt nicht von selbst, auch nicht in kapitalistischen Staaten

Die Überlegenheit des Kapitalismus beim Umweltschutz hat zwei Gründe: Erstens der freie Markt, auf dem sich kaufkräftige Nachfrage nach sauberer Umwelt entfalten kann. Und zweitens, die Tatsache, dass fast alle kapitalistischen Staaten - mit der wichtigen Ausnahme China - Demokratien und freie Gesellschaften sind, in denen Bürger sich umweltpolitisch engagieren können. In China, das zwar kapitalistisch, gleichzeitig aber immer noch eine kommunistische Diktatur ist, liegen die Dinge anders. Hier kämpfen Umweltaktivisten einen mühseligen Kampf darum, gehört zu werden.

Umweltschutz kommt nicht von selbst, auch nicht in kapitalistischen Staaten. Dazu sind Gesetze und staatliche Regeln notwendig. Trotzdem sind Märkte unverzichtbar und zwar als "Entdeckungsverfahren", wie der große liberale Ökonom Friedrich August von Hayek sie genannt hat. Der Markt, so schrieb er, liefert Informationen, die "ohne sein Bestehen entweder unbekannt bleiben oder doch zumindest nicht genutzt werden würden", Märkte sorgen also dafür, dass die Zukunft offen bleibt. Niemand weiß, was das Elektroauto im Endeffekt für das Klima bringt, aber der Markt gibt die Chance, es auszuprobieren. Deshalb ist es wichtig für die Zukunft, Innovationen nicht zu früh wegen möglicher Risiken zu stoppen. Ja, Fracking, also die unkonventionelle Methode Erdgas zu fördern, birgt Risiken. Aber ist es zu verantworten, ohne genaue Prüfung so einfach eine Technik zu verwerfen, mittels derer sich Abermillionen Tonnen an extrem klimaschädlicher Kohle ersetzen ließen? Darf man die Gentechnik in der Landwirtschaft so einfach verwerfen?

Angeklagt wird der Kapitalismus auch, weil er Wirtschaftswachstum erzeugt und - angeblich - für sein Überleben braucht. Wachstum, so das Argument, hält der Planet Erde nicht mehr aus. Dabei begehen die Wachstumskritiker einen doppelten Irrtum, schreibt der Magdeburger Wirtschaftsprofessor Karl-Heinz Paqué. Sie übersähen, dass Wachstum oft aus besseren und nicht unbedingt aus mehr Produkten besteht. Außerdem komme "Wirtschaftswachstum als Triebfeder der zivilisatorischen Verfeinerung" in deren Kalkül gar nicht vor. Bildung, Kunst, Wissenschaft und auch Umweltschutz - all das braucht Wachstum. Und schließlich: Die Weltbevölkerung wird bis 2050 von heute sieben auf neun Milliarden wachsen. Wie sollen die ohne Wachstum ein würdiges Leben führen?

Wie die Natur kapitalisiert wird

Der Kapitalismus erfasst den letzten unberührten Raum: Ein weltweites Netzwerk arbeitet daran, Bäumen, Flüssen und Tieren Preise zu geben. Das kann sie schützen - oder zerstören. Von Jan Willmroth mehr ... Kapitalismus-Recherche - Analyse