Wirtschaftswachstum in China Weniger Schnaps, mehr Sorgen

Wenn die Wirtschaft mit an der Flasche hängt: Weil der neue chinesische Staatspräsident Xi Jinping seinen Beamten Enthaltsamkeit und weniger Banketts verordnet hat, verlangsamt sich das Wachstum der zweitgrößten Volkswirtschaft. Das zeigt, wie fragil das chinesische Wachstumsmodell ist.

Von Marcel Grzanna, Shanghai

Manche chinesische Beamte betrinken sich auf Staatskosten. In manchen Fällen kam jede ärztliche Hilfe zu spät. Mehrere Funktionäre erlagen ihren Exzessen. Für das Image der allein regierenden Kommunistischen Partei innerhalb der Bevölkerung sind solche Nachrichten Gift, weil sie die Verschwendungssucht der ohnehin skeptisch beäugten Amtsträger bloßstellt. Andererseits aber ist die Partylaune der Genossen ein solider Eckpfeiler des Wirtschaftswachstums in der Volksrepublik. Das zeigt sich, seit der neue Staats- und Parteichef Xi Jinping Zigmillionen Funktionären Sparsamkeit beim Umgang mit staatlichem Geld verordnet hat: weniger Banketts, opulente Mahlzeiten, Edelschnaps und Luxuszigaretten auf Kosten der Bürger. Diese Genügsamkeit lässt sich ablesen an Daten des Statistikamts, das das Bruttoinlandsprodukt für das erste Quartal mit 7,7 Prozent bezifferte.

Das ist weniger als von vielen Analysten prognostiziert. Nach 7,9 Prozent Ende 2012 hatten die Experten mit einer Fortsetzung des Aufwärtstrends gerechnet. Die Realität aber ist jetzt ein Warnsignal dafür, dass die chinesische Wirtschaft einen längeren Erholungskurs benötigt als erhofft. "Es gibt nur eine Erklärung für die Zahlen: Der Funktionärskonsum wird im Rahmen der jüngsten Anti-Korruptionskampagne strenger kontrolliert. Es ist beängstigend, wie groß der Einfluss dieses Postens auf das Bruttoinlandsprodukt ist", sagt der Pekinger Ökonom Ma Guangyuan.

Der chinesische Gastronomieverband CCA stellte im Februar fest, dass 60 Prozent der von ihm befragten Restaurantbesitzer einen Rückgang bei den Reservierungen beklagten. Die Zahl behördlich organisierter Banketts fiel um ein Drittel. Ein Restaurantbesitzer in Changsha steckt seine Kellnerinnen bereits in knappe Badekleidung als Dienstuniform, in der Hoffnung auf diese Weise die Talfahrt zu stoppen. Der Schnaps-Produzent Moutai, dessen bei offiziellen Zusammenkünften beliebte Flaschen teilweise über 1000 Euro kosten, meldet ein Minus von mehr als 20 Prozent. Ein Sprecher des Handelsministeriums teilte mit, dass die Bestellungen von Delikatessen wie Haifischflossensuppe um 70 Prozent und die von gekochten Schwalbennestern um 40 Prozent gesunken sind.

Die Auswirkungen der Kampagne ist auch in anderen Zweigen der Wirtschaft zu spüren. Fluggesellschaften verzeichnen zehn Prozent weniger Gäste in ihrer ersten Klasse. Händler von Luxusgütern wie teuren Handtaschen oder Uhren beklagen Umsatzeinbrüche bis zu 30 Prozent, weiß die New York Times. Luxusgüter sind beliebte Mitbringsel und Aufmerksamkeiten für Funktionäre oder deren Frauen. "Es zeigt sich, dass ein riesiger Anteil des Konsums vom Regierungsapparat stammt. Wie groß der Anteil tatsächlich ist, machen diese Zahlen noch nicht einmal deutlich. Er sollte jedenfalls niemals unterschätzt werden", sagt Liu Shengjun vom Finanzforschungsinstitut der China Europe International Business School in Shanghai.

Ein Drahtseilakt mit ungewissem Ausgang

Schrumpfendes Wachstum als Resultat einer strammen Disziplinierung der Parteimitglieder lässt sich mühelos von der neuen chinesischen Regierung um Premierminister Li Keqiang rechtfertigen, die seit März im Amt ist. Außerdem betonte ein Sprecher der Statistikbehörde, wie stabil die Situation auf dem Arbeitsmarkt sei. Es seien drei Millionen Arbeitsplätze im ersten Quartal 2013 geschaffen worden. Die Partei weiß um die Dringlichkeit von ausreichend Beschäftigung. Nur so kann sie politische Stabilität bewahren, ihr Machtmonopol sichern. Doch die Tatsache, dass etliche Ökonomen einen stärkeren Zuwachs erwartet hatten, ist ein Hinweis auf die fragile Konstellation des Wachstumsmodells in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.

Investitionen sind dabei elementar wichtig. Die Kreditvergabe im März schnellte von 620 Milliarden Yuan auf mehr als eine Billion Yuan, umgerechnet 125 Milliarden Euro und gilt als Indikator dafür, dass weitere Bau- und Infrastrukturprojekte das Wachstum stützen werden. Aktuell beträgt der Anteil der Investitionen am Bruttoinlandsprodukt 50 Prozent. Ein hoher Wert, der auch dem Internationalen Währungsfonds Sorgen bereitet, weil er auf mangelnde Nachhaltigkeit deutet. "Auf diese Art und Weise wird zwar die Konjunktur angeschoben, aber der Wandel des Wachstumsmodells zu mehr Binnenkonsum und Hochtechnologie wird damit nicht gefördert", sagt Ökonom Liu. Außerdem werde das Problem der enormen Verschuldung der Kommunen noch vergrößert und damit die Gefahr von Krediten, die nicht zurück gezahlt werden könne.

Doch China ist zurzeit nicht in der Lage, das Volumen seiner Investitionen maßgeblich zu verlangsamen. Das würde den Bausektor treffen und vermutlich eine Kettenreaktion auslösen, die die gesamte Wirtschaft in Schwierigkeiten bringen kann. Auf der anderen Seite droht immer noch eine Immobilienblase, solange neue Projekte weiter steigende Preise versprechen.

Der Wachstumskurs ist also ein Drahtseilakt mit ungewissem Ausgang. "Die Regierung könnte die Immobilienpreise leicht unter Kontrolle bringen, aber sie traut sich einfach nicht. Sie hat Angst, das sie den Finanzsektor und große Teile der Industrie zum Kollabieren bringt", sagt Liu. Wie bedeutend der Bausektor für Chinas Wachstum ist, zeigt auch die Entwicklung des Binnenkonsums im ersten Quartal. Denn trotz der Einbußen im Rahmen des Anti-Korruptionsprogramms zeichnete der Binnenkonsum für 4,3 der 7,7 Prozent Wachstum verantwortlich. Dieser vermeintliche Widerspruch ist das Resultat der großen Nachfrage im Bausektor.