Wirtschaftsspionage Angst vor Lauschangriff wächst

Angezapft: Vor allem deutsche Medizin- und Kommunikationsfirmen sind Ziel ausländischer Spitzel.

Nach der NSA-Affäre fürchtet die deutsche Wirtschaft zunehmend von anderen Staaten bespitzelt zu werden. Schon jetzt verursacht Datendiebstahl jährlich Schäden in Milliardenhöhe. Doch es gibt auch Krisengewinner.

Von Markus Balser

Der Bewerber aus China hatte beste Referenzen - eigentlich der geborene Kandidat für den Job. Liuchen L. aus Shanghai war fleißig. Er blieb länger als die anderen und kam selbst am Wochenende. Erst als eine schwarze Box auf dem Schreibtisch des Berliner Hightech-Ingenieurbüros auffiel, das auch am Bau der neuen BND-Zentrale und des neuen Terminals am Frankfurter Flughafen beteiligt ist, klickten die Handschellen. Der "Praktikant" hatte massenhaft Daten über Gebäude und Bautechnik abgesaugt - im Auftrag der Regierung in Peking, vermuten deutsche Verfassungsschützer.

Die NSA-Affäre hat gezeigt, wie tief Staaten in jede Privatsphäre horchen wollen. Doch mindestens so aktiv sind Geheimdienste auf einem ganz anderen Feld: der Wirtschaftsspionage. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung gehen Konzerne, Industrieverbände und Verfassungsschützer angesichts der Enthüllungen um den Whistleblower Edward Snowden von einem wachsenden Risiko für die deutsche Wirtschaft aus. Der jährliche Schaden durch Wissens- oder Datendiebstahl soll bei 50 Milliarden Euro liegen, vermutet der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Attacken sollen neben den USA und Großbritannien auch aus anderen europäischen Ländern kommen sowie vor allem aus Russland und China.

Jedes dritte Unternehmen, so Sicherheitsexperten, sei bereits Opfer von Spionage gewesen - "ein erschreckendes Ausmaß", warnt BDI-Geschäftsführer Markus Kerber. "Hiesige Unternehmen und Forscher sind in vielen Bereichen technisch führend. Das weckt Begehrlichkeiten." Doch es ist nicht nur die Konkurrenz, die zu unsauberen Methoden greift. "Nachrichtendienste betreiben ein Ausmaß der Aufklärung, das wir erst begreifen müssen", sagt Kerber. "Die NSA-Affäre war der Sputnikschock für die deutsche Wirtschaft."

Der russische Abhördienst soll 130 000 Mitarbeiter beschäftigen

Vieles spricht inzwischen dafür, dass Wirtschaftsspionage für Staaten heute so wichtig ist wie die klassische politische oder militärische Aufklärung. Der ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter Snowden ist sicher, dass die NSA auch Wirtschaftsspionage betreibt. Dies sei überhaupt keine Frage, sagte Snowden jüngst per TV-Interview. Wenn es etwa Informationen über Siemens gebe, greife die NSA zu. Personell können die Lauscher dabei aus dem Vollen schöpfen. Der russische Abhördienst soll 130 000 Mitarbeiter haben, der amerikanische Dienst 55 000, Briten und Franzosen beschäftigen angeblich je 5000 Experten.

Behörden fürchten, dass sich das Interesse internationaler Spione immer häufiger auf Ziele zwischen Stuttgart, München und Hamburg richtet. "Wir müssen davon ausgehen, dass Nachrichtendienste ihre Anstrengungen hierzulande noch verstärken", sagt der Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, Michael Hange - "und Unternehmen verstärkt beim Schutz helfen." Denn egal ob Strategien, Forschungsergebnisse oder Innovationen - abgesaugtes Know-how kann schnell ganze Branchen in Probleme stürzen. Und gerade einer Volkswirtschaft wie Deutschland, die als einzigen Rohstoff auf dem Weltmarkt Wissen anbieten kann, schweren Schaden zufügen,

So herrscht in Konzernzentralen und Politik Verunsicherung. Die akuten Vorsichtsmaßnahmen deutscher Firmen lesen sich bereits wie ein Spionage-Thriller: BMW-Manager etwa müssen vor wichtigen Sitzungen ihre Handys in abhörsicheren Boxen verstauen. Prototypenhallen werden mit verschließbaren Dächern ausgerüstet, um Innovationen vor neugierigen Satelliten und Flugzeugen zu schützen. Der Dax-Konzern Thyssen-Krupp hat seinen Konferenzraum zum abhörsicheren Stahlkäfig umbauen lassen. Internationale Spitzenmanager reisen mit Koffern, die problemlos als James-Bond-Requisite durchgehen - um etwa Laptops abhörsicher zu verstauen. Oder sie telefonieren mit Krypto-Zubehör in Geheimcodes über ihre iPhones - für Außenstehende kaum zu bemerken.

Der Luftfahrtkonzern Airbus mit 140 000 Mitarbeitern und 57 Milliarden Euro Umsatz geht noch weiter und macht seine IT zur Cyber-Festung. Rund 100 Millionen Euro habe die Airbus-Gruppe - früher EADS - in den Schutz vor Angriffen gesteckt und nationale "Cyber-Defense-Center" aufgebaut, sagt Bernhard Gerwert, Chef der Airbus-Tochter Defense & Space. Das Ziel: sensible Informationen über Flugzeuge, Satelliten und Raketen zu schützen. Sein Konzern habe schon viele Merkwürdigkeiten erlebt, räumt Gerwert auf einer Sicherheitskonferenz in Berlin ein. "Angebote sind schneller bei der Konkurrenz gelandet, als wir je geglaubt hätten."

Zum heißesten Pflaster entwickelt sich Deutschlands Hauptstadt. Schon zu Mauerzeiten ein Tummelplatz für Agenten, gilt Berlin heute als wichtige Bühne geheimer Aktionen. "Hier ist die Gefahr durch die Präsenz ausländischer Dienste besonders groß", sagt Heike Zitting, Leiterin des Wirtschaftsschutzes beim Berliner Verfassungsschutz. Betroffen seien vor allem die Medizin- und Kommunikationstechnik sowie die optische Industrie. Ziele gebe es überall da, wo geforscht wird.

Zitting beobachtet die Szene seit Jahren. Spioniert wurde immer. Sorgen machen ihr die neuen technischen Möglichkeiten - etwa Cyber-Angriffe. "Firmen merken erst nach Monaten, manchmal auch gar nicht, dass sie zum Ziel eines Spionageangriffs geworden sind." Die Verfassungsschützer erfahren von Einbrüchen bei Firmen mit besonderem Know-how, bei denen scheinbar nichts entwendet wird. Ein möglicher Hinweis auf IT-Manipulationen. "Wir beobachten die Entwicklung mit wachsender Sorge", sagt Zitting. "Wenn Deutschland weiter auf technischen Vorsprung bauen will, muss die Wirtschaft reagieren und mehr für ihren Schutz tun."

Das gelte auch für kleine und mittelständische Firmen und unscheinbare Märkte. Bücher über Marktführer in Deutschland seien für Chinesen "beliebte Reiseführer". Was passieren kann, zeigt der Fall eines Tierprodukte-Herstellers. Unbemerkt saugten Cyber-Angreifer Kundendaten ab. Die Attacke fiel auf, weil über Nacht der Umsatz einbrach. Nachforschungen ergaben: Stammkunden hatten einen Katalog aus China bekommen - mit ähnlichen Produkten zum Bruchteil des Originalpreises.

Wirtschaftsspionage, so das Credo von Experten, wird noch bedeutsamer. Geheimnisse zu schützen auch. Doch zwischen Behörden und Wirtschaft regiert in Sachen Spionage das Misstrauen. Firmen fühlen sich alleingelassen. Die Bundesregierung sieht sich von der Industrie schlecht über Angriffe informiert. Die IT-Beauftragte der Bundesregierung, Cornelia Rogall-Grothe, fordert ein Sicherheitsgesetz, das Unternehmen zur Mitarbeit zwingt: "Wir können uns keine Schwachstellen leisten." Doch die Firmen wehren sich. Zu groß ist die Sorge, dass Angriffe publik werden und Kunden abwandern.

Die Krisengewinner sitzen in einem unscheinbaren Industriegebiet im Süden Berlins. Die Kryptologen der Firma Rohde & Schwarz SIT wissen, wie man Angreifer abwehrt. Manche hörten schon für die DDR den Klassenfeind ab. Nach der Wende wurde auch aus ihrem Know-how die Firma, die zunächst Ministerien, den BND oder etwa die Nato mit Verschlüsselungstechnik für Telefone oder Handys ausstattete. Jetzt, da in Firmen der Bedarf wächst, sich auf ähnlichem Niveau zu schützen, öffnet sie sich der privaten Wirtschaft. "Die Anzahl der Anfragen hat sich in den vergangenen Monaten deutlich erhöht", sagt Manager Peter Rost. Mancher Vorstand wird wohl bald mit neuem Gerät telefonieren.