Das ist einerseits ein Fortschritt, weil dies die Entwicklung der Ökonomie vom Glaubens- zum Wissensfach weiter vorangetrieben hat. Andererseits täuschen die komplexen Formeln und Berechnungen der Wissenschaftler eine Beherrschung der Wirklichkeit vor - und das kann sich als verhängnisvoll erweisen, wenn Modelle nicht mehr der Forschung dienen, sondern Managern als Werkzeug überlassen werden.
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Jedes Modell ist so stark oder so schwach wie die Daten und Annahmen, die ihm zugrunde liegen. Hans-Werner Sinn weist in seinem Buch darauf hin, dass die risikotheoretischen Modelle, mit denen die Investment-Abteilungen der Banken arbeiten, den Fall der Systemkatastrophe nicht einmal als entfernte Möglichkeit berücksichtigen.
Sie arbeiten nur Daten aus maximal fünf Jahren ein, sodass selbst Konjunkturphasen nicht vollständig erfasst werden - ganz zu schweigen von Erfahrungen wie 1929, als die Weltwirtschaft das letzte Mal zusammenbrach.
Abrechnung mit Modell-Entwicklern
Thomas Lux vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel hat vor kurzem zusammen mit sieben Kollegen aus vier Ländern einen Aufsatz veröffentlicht, der eine Abrechnung mit Modell-Entwicklern seines Fachs ist.
Lux und Kollegen werfen ihnen vor, Finanzprodukte nur unter dem Aspekt der Chancen, nicht der Risiken durchgerechnet zu haben: "Aber wie in der Kernphysik können die von Finanzingenieuren bereitgestellten Werkzeuge für sehr verschiedene Zwecke benutzt werden", schreiben die acht Wissenschaftler.
"Ein zur Begrenzung von Risiken entwickeltes Instrument" - zum Beispiel ein Kreditderivat - "kann zur finanziellen Massenvernichtungswaffe werden, wenn es genutzt wird, um Verschuldung zu erhöhen." Banker, die Wertpapiere verkaufen wollen, haben kein Interesse, Katastrophenszenarien in die Wahrscheinlichkeitsrechnungen einzubauen, die sie potentiellen Kunden vorlegen.
Was zählt, ist der Ruhm unter Fachkollegen
Müssten Ökonomen auf Risiken nicht hinweisen? Sind sie nicht verantwortungslos, wenn sie dies nicht wenigstens versuchen? Lux unterstellt den Finanzingenieuren an den Universitäten, dass sie es nicht als ihren Job sehen, die Öffentlichkeit zu warnen - und in der Tat ist ein Kennzeichen jedes Wissenschaftsbetriebs, nicht nur in der Volks- und Betriebswirtschaftslehre: Was zählt, ist der Ruhm unter Fachkollegen; wie ein Forscher in der Öffentlichkeit verstanden wird, ist weniger wichtig.
Das gilt weniger für Sinn oder Zimmermann, Ökonomen also, die in und von beiden Welten leben, wohl aber für den Forscher, der am Universitätsinstitut über seinen Formelsammlungen brütet.
Auch hierzu eine Anekdote von August-Wilhelm Scheer, dem Wirtschaftsinformatiker und Unternehmensgründer. Er sagt, er habe an der Uni die schönsten mathematischen Investitionsmodelle gelehrt - Konstrukte mit künftigen Absatzzahlen und Finanzierungen, in sich sehr schlüssig, nur leider konnten sie eines nicht ersetzen: das Bauchgefühl. Scheer sagt: "Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, so ein Modell in meiner Firma anzuwenden."
Was für die jeweilige neueste Prognose, die morgens auf "Bayern5" heruntergebetet wird, nur heißen kann: Die Prognose ist eine Prognose ist eine Prognose. Natürlich haben wir, wo wir schon mal das Unheil nicht haben kommen sehen wollen, nun eine besonders dunkle Sehnsucht nach schlechten Nachrichten. Alles andere müssen wir uns selber beibringen. Zum Beispiel das hier: Fürchtet euch nicht!
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(SZ vom 13.06.2009/pak)
Machtkampf in der Linken