Es hält die Prognose für eine Prophezeiung und wundert sich dann, dass die nicht so eintrifft. Ein Professor, der sich gegen Mindestlöhne ausspricht, darf damit rechnen, in der Öffentlichkeit als "neoliberal" bezeichnet zu werden; im Fall des Professors Sinn wird er das Stigma auch nicht dadurch los, dass er mit derselben Vehemenz wie der DGB-Vorsitzende eine strenge Regulierung der Banken verlangt.
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Umgekehrt kommen Wissenschaftler nicht wirklich auf die Idee, ihre Methoden zu erklären - oder kann sich wer vorstellen, dass ein Wirtschaftsforscher seine Prognose so vorträgt: "Glauben Sie bitte nicht, dass wir ein Wachstum von exakt 1,8 Prozent annehmen! Das ist nur ein Mittelwert aus unseren Berechnungen. Das tatsächliche Wachstum kann auch bis zu 0,8 Prozent niedriger oder höher liegen, dies ist jedenfalls die Schwankungsbreite, die wir seit Jahren erleben."
Sendungsbewusstsein
Nun gut, der Wissenschaftler wäre verrückt, wenn er so auftreten würde - keine Zeitung würde eine Prognose drucken, bei der zugegeben wird, dass 1,8 auch 1,0 oder 2,6 heißen kann.
Wirtschaftsforscher hingegen brauchen Aufträge für ihre Institute, sie wollen Bücher verkaufen, die sie fürs große Publikum geschrieben haben, und Sendungsbewusstsein haben sie auch; das ist so legitim wie der Wunsch von Politikern, wiedergewählt zu werden, oder der von Journalisten, große Artikel zu schreiben.
Doch es ist nun mal so: Es gab im Sommer 2008 zwar immer wieder leise Anzeichen für eine Krise, aber ein Ökonom im August konnte nicht verlässlich wissen, dass sich der amerikanische Finanzminister im September weigern wird, die Bank Lehman Brothers zu retten.
Fragwürdiges Beurteilungskriterium
Und wie soll einer heute, im Juni 2009, verlässlich vorhersehen, ob die deutsche Bundesregierung nicht doch noch ein drittes Konjunkturpaket beschließt, ob der Ölpreis steigt (und vielleicht auch noch der für Kupfer), ob der Herbst mild wird oder auf der Welt noch ein Krieg ausbricht?
Klaus Zimmermann, der DIW-Chef, sagt: "Das Bild, dass Ökonomen immer alles ganz genau wissen, ist ein Zerrbild." Es gilt der Satz Winston Churchills: Prognosen sind schwierig, vor allem die, die in die Zukunft gerichtet sind.
Man sollte also darüber nachdenken, ob es überhaupt sinnvoll ist, Ökonomen nach Prognosen zu beurteilen. Niemand wird seinen Arzt wechseln, nur weil der einem jetzt nicht sagen kann, ob man in einem halben Jahr Krebs haben wird.
Der Fußball-Bundestrainer Löw hat vor einem halben Jahr erklärt, er könne sich Hoffenheim in der nächsten Saison in der Champions League vorstellen - soll das heute heißen, dass Löw leider keine Ahnung von Fußball hat?
Der DIW-Chef Zimmermann schlug vor einem halben Jahr vor, eine Zeitlang auf Prognosen zu verzichten: Weil die Finanzmärkte in den gängigen Konjunkturmodellen nicht abgebildet seien und weil immer pessimistischere Prognosen die Krise bloß verschärften.
Lesen Sie auf der dritten Seite, für welche Wirtschaftsthemen sich die Medien vorrangig interessieren.
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Mubarak-Prozess in Ägypten