SZ: Das heißt aber, man sollte lieber mal auf die eine oder andere negative Schlagzeile verzichten und stattdessen positive Geschichten bringen?

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Weischenberg: Es kann nicht sein, dass die Medien die Wirklichkeit schminken. Was wir wollen, ist kompetent und wirklichkeitsnah informiert zu werden. Was nicht geht, ist aus Rücksicht auf die Konjunktur und das große Ganze die Nachrichten ins Positive zu drehen. Andererseits sollten Nachrichten aber auch nicht unnötig zugespitzt oder positive Meldungen bewusst ausgeblendet werden.

SZ: Aber es gibt ja fast nur noch negative Schlagzeilen. Als Deutsche-Bank-Chefökonom Norbert Walter prophezeit hatte, dass die Deutsche Wirtschaft um fünf Prozent schrumpfen werde, kritisierten das manche als Alarmismus. Heute können wir fast sicher sein, dass es so kommt - oder schlimmer. Wie kann man diese Nachrichten mit gutem Gewissen bringen, ohne die Menschen zu deprimieren?

Weischenberg: Man muss sie sogar bringen. Ich sehe die Rolle der sogenannten Experten allerdings kritischer als die vieler Journalisten. Die Experten kommen nicht in die Medien, indem sie langweilige Aussagen machen. Also neigen sie dazu, zuzuspitzen und zu dramatisieren. Wenn Sie drei verschiedene Ökonomen fragen, bekommen sie vier verschiedene Antworten. Journalisten sollten natürlich darüber berichten und einordnen - dabei aber zum Beispiel darauf hinweisen, dass jemand wie Walter für seine spektakulären Prognosen bekannt ist. Das relativiert das Ganze dann wieder. Und man muss einordnen, warum Walter so etwas tut. Er ist nicht nur Chefökonom, sondern in gewisser Weise auch Lobbyist. Das gehört dazu.

SZ: Ist die Krise für den Einzelnen überhaupt noch fassbar? Wenn wir schreiben, dass die angeschlagene Münchner Immobilienbank Hypo Real Estate 100 Milliarden Euro braucht, weil das besser ist, als sie pleitegehen zu lassen, ist das doch kaum noch zu vermitteln. Vor allem dann nicht, wenn die Leute immer weniger Geld im eigenen Portemonnaie haben und sehen, wie ihr Spardepot immer weiter in sich zusammenfällt.

Weischenberg: Natürlich ist das nicht zu vermitteln. Diese immer wieder neu auftauchenden Milliardenbeträge entziehen sich dem Alltag der Menschen vollkommen. Außerdem: Wenn wir erst dann darauf kommen, dass die HRE systemrelevant ist, wenn sie mit 100 Milliarden Euro gerettet werden muss, ist das für die Menschen erst recht nicht mehr nachvollziehbar. Die fragen sich doch: Warum hat man da nicht früher mal nachgeschaut? Warum musste es erst so weit kommen?

SZ: In den USA trauen sich einzelne Manager aus Angst vor Übergriffen wütender Bürger kaum noch aus dem Haus. Wer hat Schuld - die Medien?

Weischenberg: Natürlich trifft die Medien hier eine Mitschuld, sie schreiben ja täglich, dass viele Manager versagt haben und gleichzeitig millionenschwere Bonuszahlungen einfordern. Viele Banker - wenn auch längst nicht alle -, das wissen wir heute, haben alles andere als einen tollen Job gemacht. Dass sich hier der Volkszorn entlädt, wundert mich nicht. Dafür würde ich jetzt aber nicht die Medien verhaften.

SZ: Von Pogromstimmung ist inzwischen die Rede.

Weischenberg: Ich halte es für völlig überzogen, ja, peinlich, in der öffentlichen Debatte solche historischen Analogien zu konstruieren. Die Manager sind jetzt in der Defensive, aber sie kommen wieder - das werden Sie sehen. Aufgabe der Wirtschaftsredaktionen muss dann sein, die Entwicklung des neuen Selbstbewusstseins kritisch zu begleiten.

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  1. "Sie blökten den falschen Sound"
  2. Sie lesen jetzt "Norbert Walter ist in gewisser Weise Lobbyist."
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(SZ vom 07.04.2009/tob)