Kanzlerin Merkel behauptet, Deutschland habe über die Verhältnisse gelebt. Doch das stimmt nicht. Das Letzte, was Deutschland jetzt gebrauchen kann, ist übertriebene Sparsamkeit.
Zur Begründung des von der Bundesregierung beschlossenen "Sparpakets" hat die Bundeskanzlerin argumentiert, Deutschland habe über seine Verhältnisse gelebt. Dies suggeriert, wir müssten alle weniger ausgeben. Ihre Behauptung tritt jedoch nicht zu und drängt die Wirtschaftspolitik in die falsche Richtung. Über seine Verhältnisse hat in Deutschland nur der Staat gelebt, indem er mehr Geld ausgegeben als eingenommen hat - und dies zum Teil aus guten konjunkturpolitischen Gründen.
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Kanzlerin Merkel drängt die Wirtschaftspolitik in die falsche Richtung. (© dpa)
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Über seinen Verhältnissen hat in diesem Sinne auch das "Ausland" gelebt. Zwar ist in der Finanz- und Wirtschaftskrise die ausländische Nachfrage zurückgegangen. Aber nach wie vor kauft das Ausland mehr Güter von Deutschland, als es uns verkauft, und es verschuldet sich bei uns.
Deutschland als Ganzes dagegen - also der staatliche und der private Sektor, wie die Volkswirte sagen - hat unter seinen Verhältnissen gelebt: Es hat weniger für sich an Gütern verwendet, als es produziert hat. Dies lässt sich an den Überschüssen in der Leistungsbilanz ablesen. Noch mehr hat es unter seinen Möglichkeiten gelebt: Es gibt reichlich unausgelastete Produktionskapazitäten und arbeitsuchende Menschen.
Im Gegensatz zum Staat haben die Privaten (also Haushalte und Unternehmen) wesentlich mehr produziert und verkauft als selbst verbraucht. Die Privaten haben daher weniger ausgegeben als eingenommen und dadurch hohe Ersparnisse gebildet. Die produzierten Güter konnten in diesem Umfang jedoch nur verkauft werden, weil Ausland und Staat sich verschuldet und mehr ausgegeben als eingenommen haben.
Sprunghafte Vergrößerung des Niedriglohnsektors
Hauptverursacher dieser hohen Überschüsse sind die privaten Haushalte mit ihrer hohen Sparquote - und entsprechend niedrigem Konsum. Der wird auch durch die zunehmende Lohnspreizung abgebremst: Besonders die Einkommen der mittleren und unteren Schichten haben in den vergangenen Jahren unter falschen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen gelitten; ausgerechnet diejenigen also, bei denen die Konsumquote hoch ist.
So haben die Zwänge, die von der "Agenda 2010" auf die Arbeitsuchenden ausgeübt werden, zu einer sprunghaften Vergrößerung des Niedriglohnsektors geführt. Dort aber werden häufig Löhne unter Tarif bezahlt. Daher fehlt den dort Tätigen das Einkommen, um umfangreichen Konsum zu entfalten. Diese Lohnentwicklung hat auch dämpfend auf die Tariflöhne gewirkt - so dass selbst die tariflich korrekt bezahlten Arbeitnehmer an der Entwicklung der Produktivität kaum und jedenfalls unzureichend beteiligt werden.
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Zitat: "Es gibt reichlich unausgelastete Produktionskapazitäten und arbeitsuchende Menschen. Im Gegensatz zum Staat haben die Privaten (also Haushalte und Unternehmen) wesentlich mehr produziert und verkauft als selbst verbraucht. Die Privaten haben daher weniger ausgegeben als eingenommen und dadurch hohe Ersparnisse gebildet. Die produzierten Güter konnten in diesem Umfang jedoch nur verkauft werden, weil Ausland und Staat sich verschuldet und mehr ausgegeben als eingenommen haben."
Aneinanderreihung von Worthülsen und aus einzelnen Aspekten falsche Schlüsse ziehen sollte mit einem Volkswirtschaftsstudium nicht unter 8 Semestern bestraft werden.
... endlich jemand, der sich nicht in unwichtigen Details verliert.
Es ist zweifelhaft, ob die Frage nach zu viel oder zu wenig Sparen alleine mit Hilfe einer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zu beantworten ist.
Wie sieht es zum Beispiel mit der Tatsache aus, dass unser Reichtum auf der Armut anderer aufbaut? Wenn mein Konsum nur möglich ist, weil andere für einen Hungerlohn arbeiten und mir ihre Rohstoffe als Zinsen für ihre Schulden (quasi umsonst) geben.
Haben wir dann zu viel oder zu wenig gespart?
Merkels Amtsvorgänger, der Reichskanzler Heinrich Brüning war es bekanntlich, dessen Sparpolitik im Jahr 1930 zu "katastrophaler Verschlimmerung der Weltwirtschaftskrise" führte (Brockhaus, Bd.3, S. 353).
So lange hier und weltweit nicht begriffen wird, dass die Anhäufung von Milliardenvermögen bei Einzelnen der Fehler in unserem Wirtschafts-System ist, wird sich an der Denke rein gar nichts ändern.
Es sind eben die Leistungslosen Einkommen - Zinsen, Mieten, Dividenden - die immer weiter steigen und die Realwirtschaft abwürgen. Diese konstanten Steigerung haben mittlerweile ein Niveau erreicht, dem kaum noch entsprechende reale Werte gegenüberstehen.
Die Tabelle hier http://www.ewk-verlag.de/ReLaunchAY/AYF_SachWirt.html sagt alles. Einfach auf Leseprobe zum ersten Buch klicken, und sich Abb. 1 auf S.22 ansehen.
Aber, soviel Denkfähigkeit kann man von den Allwissenden ElPoste und Sinnungenossen nicht erwarten.
Gratulation, SZ, endlich einmal ein lesenwerter Beitrag zur aktuellen Wirtschaftspolitik in einem deutschen "Leitmedium". Es ist schon verdammt erschreckend, mit welch blindem Dogmatismus uns Leute wie Schäuble ins Verderben kürzen und im Gegenzug nicht das Geringste tun, um die Profiteure von Lohndumping, prekärer Arbeitsmarktpolitik und Wirtschaftskrise heranzuziehen.
Das Land der dichten Denker wird von einem Haufen durchgeknallter Politchaoten, für die Ökonomie eine Frage des Glaubens ist, in den Abgrund gerissen. Ich meine, was wissen Nobelpreisträger wie Krugman schon im Vergleich zu einem Finanzexperten wie Schäuble, der mit spielerischer Leichtigkeit hunderttausende in Schubladen verschwinden lässt?
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