Wirtschaftskriminalität in Deutschland Denken wie der Feind

Der Film 'Catch me if you can' erzählt die Geschichte des Hochstaplers Frank Abagnale (gespielt von Leonardo di Caprio) - den Studenten dient nicht nur der Titel als Vorbild.

(Foto: AP)

Wie lässt sich Geld unbemerkt aus dem Unternehmen aufs eigene Konto transferieren? Mit dieser kriminellen Frage beschäftigen sich Studenten an der TU München - um später ähnliche Scheingeschäfte und gefälschte Bilanzen verhindern zu können.

Von Lillian Siewert

Der rote Porsche und die Villa haben die letzten Gehälter restlos aufgebraucht. Wie also den versprochenen Ring für die Freundin finanzieren? Der Kontoauszug bleibt unnachgiebig, die Freundin sowieso. Wäre da nicht die Firma. Die Geschäfte florieren, da fällt es doch niemandem auf, wenn das Geld für einen Zweikaräter abgezweigt wird. Oder doch?

Eigentlich keine Frage, mit der sich üblicherweise Studenten der TU München und der Hochschule Heilbronn beschäftigen - und wohl auch die wenigsten Arbeitnehmer. Und doch. Seit einigen Tagen brüten insgesamt 30 junge Menschen aus der Betriebswirtschaft, Informatik und Wirtschaft über kriminellen Strategien, wie man einem Unternehmen unbemerkt Geld entlockt.

Die fiktiven - und durchaus überzeichneten - Umstände denkt sich Dozent Michael Schermann von der TU München aus. Die teilnehmenden Studenten sollen lernen, wie Kriminelle zu denken. Allerdings nicht, um mit dem Wissen später einem Unternehmen zu schaden, sondern um es zu sichern. Wie man Lücken im Geschäftsbetrieb aufspürt und sensibel gegenüber Betrügereien ist, das will Schermann seinen Kursteilnehmern mit der Veranstaltung "Wirtschaftskriminalität verstehen" beibringen. In Teams treten sie als "Wirtschaftskriminelle" und "Detektive" gegeneinander an. Dafür verlangt der 35-Jährige Wirtschaftsinformatiker von seinen Studenten, so professionell wie möglich vorzugehen.

An wen soll die Scheinüberweisung gehen? Weckt ein neuer Adressat im System nicht Zweifel? Oder kann man eine bereits bekannte Firma als Bezugsquelle angeben, dabei aber die Kontozahlen ändern? Fragen, bei denen die Studenten bis ins kleinste Detail gehen sollen, um es den Detektiven so schwer wie möglich zu machen. Den besten Spürnasen winkt ein Preis.

Als Inspiration dient die Realität. Da wäre der Wertpapier-Betrug der französischen Großbank Société Générale vor sechs Jahren, bei dem der ehemalige Mitarbeiter Jérôme Kerviel fast eine halbe Milliarde Euro veruntreute. Oder der Enron-Skandal, bei dem der US-Energiekonzern im großen Stil Bilanzen fälschte und zu hohe Gewinne auswies. In Deutschland sorgte zuletzt die Bohrer-Firma Flowtex mit milliardenschweren Scheingeschäften für Schlagzeilen. Das Unternehmen aus Baden-Württemberg hatte 3000 Bohrgeräte an Leasingfirmen verkauft - ohne eine einzige tatsächliche Lieferung zu versenden.

Jede Minute wird ein deutsches Unternehmen mit mehr als neun Mitarbeitern Opfer von Wirtschaftskriminalität - das ergab eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG für 2012. Befragt wurden 300 mittelständische Unternehmen sowie 32 der größten Unternehmen in Deutschland. Allerdings sind die Zahlen solcher Studien mit Vorsicht zu betrachten - ist es doch im Interesse der Initiatoren, neue Aufträge für Aufdeckungsprüfungen und dergleichen zu generieren. Ein Ergebnis aber, das sich in allen Studien der Wirtschaftsprüfer deckt, ist die von vielen Unternehmen unterschätze Gefahr aus den eigenen Reihen: die Mitarbeiter.

Der amerikanische Kriminologe Donald R. Cressey hat vor einem halben Jahrhundert die Voraussetzungen erforscht, unter denen Menschen geschäftsschädigende Handlungen begehen. Er kam zu dem Ergebnis: Damit ein Mensch wirtschaftlich kriminell handelt, müssen folgende drei Faktoren zusammenkommen. Erstens eine Motivation, etwa Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, eine finanzielle Krise, mangelnde Anerkennung oder Mobbing. Zweitens eine Gelegenheit oder auch passende Umstände (die Position im Unternehmen, das Know-how), um eine Straftat zu begehen. Und zuletzt die persönliche Rechtfertigung. Die meisten Kriminellen sehen sich nicht als schuldig, sondern eher selbst als Opfer äußerer Umstände. Typische Rechtfertigungsmuster: "Das Geld steht mir ohnehin zu" oder "Damit schaffe ich Gerechtigkeit".