Von Steffen Uhlmann

Weit entfernt von blühenden Landschaften: Auch 20 Jahre nach dem Mauerfall hat die Wirtschaft in Ostdeutschland das West-Niveau nicht erreicht. Eine große Sorge ist der Mangel an Fachkräften.

Die ostdeutsche Wirtschaft holt auf und hat in den letzten Jahren hinsichtlich Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit Boden gutgemacht. "Die enormen finanziellen Mittel für den Aufbau Ost machen sich bezahlt", sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann. Zwar sei das ostdeutsche "Nationaleinkommen" aufgrund der Transferleistungen immer noch größer als das, was die ostdeutsche Wirtschaft selbst erwirtschaftet.

Solarpark Liebrose, Foto: dpa

Eine Hoffnung ist die Solarindustrie: Im Bild eine neue Anlage in Lieberose in Brandenburg. (© Foto: dpa)

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Doch von einer so großen Transferabhängigkeit wie zu Beginn der 90er Jahre könne heute keine Rede mehr sein. Zudem sei es nach einer fast vollständigen De-Industrialisierung gelungen, wieder ein beachtliches industrielles Wachstum zu erreichen.

Laut DIW-Bilanz aber liegt Ostdeutschland trotz der steilen Zuwachsraten im verarbeitenden Gewerbe 20 Jahre nach dem Mauerfall bei der Produktivität noch deutlich hinter den westdeutschen Ländern zurück. Je Erwerbstätigem werde weniger als 80 Prozent der westdeutschen Wirtschaftsleistung erbracht. Dieser Rückstand betreffe fast alle Wirtschaftszweige. Entsprechend lägen auch die Erwerbseinkommen im Osten deutlich unter jenen im Westen. Als zentrale Ursache dafür haben die DIW-Wissenschaftler die ostdeutsche Wirtschaftsstruktur ausgemacht: "Es fehlen industrielle Kerne, und dort, wo es sie gibt, sind sie nach wie vor zu klein, ist ihre Wertschöpfung zu gering."

Dünn besiedeltes Land

Gemessen an den hohen Erwartungen und den Versprechungen kurz nach dem Mauerfall müsse diese Bestandsaufnahme enttäuschen, sagte Zimmermann. Berücksichtige man aber das, was an wirtschaftlicher Substanz vor 20 Jahren im Osten vorhanden gewesen sei, "ist das Glas weder halb voll noch halb leer, sondern mindestens zwei Drittel voll". Zimmermann warnte dennoch vor großen Erwartungen. Schließlich habe sich das Ziel einer schnellen Angleichung zwischen Ost und West inzwischen als Illusion erwiesen.

Schon die geographischen und demographischen Gegebenheiten sprächen dagegen, dass Ostdeutschland zu wirtschaftlich starken Ländern wie Baden-Württemberg aufschließen werde. Weite Teile im Osten seien dünn besiedelt und fielen damit wirtschaftlich hinter Ballungsgebieten immer weiter zurück. Das freilich sei kein spezifisch ostdeutsches, sondern ein globales Problem. Man sollte deshalb endlich von simplen Ost-West-Vergleichen sowie von der Vorstellung Abschied nehmen, dass Ostdeutschland in absehbarer Zeit ökonomisch zum Westen aufschließen könne, forderte Zimmermann und erhielt dabei Unterstützung von Karl-Heinz Paqué von der Universität Magdeburg. "Ich erwarte keine Wunder, der Anpassungsprozess dauert mindestens 30 bis 40 Jahre", sagte der Ex-Finanzminister von Sachsen-Anhalt.

Angesichts der wirtschaftlichen und strukturellen Schwächen plädierten beide Wissenschaftler dafür, den Osten weiter zu stützen. Die Mittel müssten aber "mehr und mehr in Köpfe" fließen. "Voraussetzung für die künftige Wettbewerbsfähigkeit im Osten sind gutausgebildete Menschen", sagte Zimmermann. Zudem sei es nötig, die Innovationskraft der ostdeutschen Wirtschaft deutlich zu erhöhen. Bislang habe sie nur die Hälfte der Innovationstätigkeit der westdeutschen Wirtschaft erreicht.

Gefahr durch Abwanderung

Paqué forderte mehr Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Forschungseinrichtungen und privaten Unternehmen. Darauf müsse sich auch die Vergabe staatlicher Fördermittel konzentrieren. Bei allen Mängeln und Fehlsteuerungen zeige diese Förderung schon jetzt Wirkung. So habe sich die Exportquote der ostdeutschen Industrie von nur zwölf Prozent Mitte der 90er Jahre auf 33 Prozent 2008 erhöht.

Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut in Dresden machte auf die Gefahren aufmerksam, die sich für die Ost-Firmen aus Abwanderung und anhaltendem Geburtenrückgang ergeben. Früher als im Westen mache sich diese negative demographische Entwicklung im Osten bemerkbar. Dem Arbeits- und Lehrstellenmarkt fehle es an gutausgebildeten Nachwuchs - mit allen Folgen für Produktivität und Wirtschaftsleistung. Umso wichtiger sei ein "System des lebenslangen Lernens", um junge Menschen für künftige Arbeitsplätze zu qualifizieren und zugleich Älteren die Chance zu geben, länger im Erwerbsleben zu verbleiben.

Zimmermann rief dazu auf, Ostdeutschland für die Zuwanderung von gutausgebildeten Arbeitskräften aus Osteuropa zu öffnen. Es sei ein Irrglaube, dass Zuwanderer den Ostdeutschen Arbeitsplätze wegnehmen würden, sagte der DIW-Präsident. "Das Gegenteil ist richtig, mit ihrer Hilfe werden im Osten Stellen gesichert beziehungsweise neu geschaffen."

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(SZ vom 28.08.2009/tob)