Wirtschaft in Europa Den Aufschwung lieben lernen

Überall in der Euro-Zone, sogar in Griechenland, wächst die Wirtschaft.

(Foto: dpa)

Die meisten Debatten finden noch immer im Krisenmodus statt - obwohl die wirtschaftliche Lage in Europa deutlich besser geworden ist.

Kommentar von Nikolaus Piper

Mag Europa auch die politische Lähmung Berlins fürchten, wirtschaftlich geht es dem Kontinent so gut wie seit zehn Jahren nicht mehr. Diese Woche erklärte die EU-Kommission die Krise des Euro-Raumes offiziell für beendet. Überall, sogar in Griechenland, wächst die Wirtschaft; in Deutschland werden es wohl mehr als zwei Prozent sein. Die Beschäftigung ist auf Rekordniveau, die Arbeitslosigkeit sinkt auch in den Krisenländern, in Deutschland ist der Mangel an Fachkräften drängender als der Mangel an Arbeitsplätzen.

Die Reallöhne steigen, die Staatsdefizite sinken. Nur in der öffentlichen Meinung Europas ist dieser Aufschwung jedoch noch nicht angekommen; die meisten Debatten finden weiter im Krisenmodus statt, auch und gerade im wirtschaftlich verwöhnten Deutschland. Das hat sicher damit zu tun, dass der Aufschwung noch längst nicht alle erreicht hat. Dem Siemens-Techniker, der - als Konsequenz unter anderem der Energiewende - in Leipzig seinen Job verliert, sind die Rekordzahlen der deutschen Wirtschaft herzlich egal. In Spanien ist die Arbeitslosigkeit zwar binnen drei Jahren von 26 auf 17 Prozent gesunken, aber auch dies ist natürlich noch ein schlimmer Wert.

Zum Teil hat sich auch der rechts- und linkspopulistische Kurs in vielen Ländern Europas verselbständigt; wer glaubt, dass Brüssel, oder Mario Draghi oder der Kapitalismus per se böse sind, der ist ökonomischen Argumenten nicht mehr zugänglich. Eine Rolle spielt auch, dass es die EZB war, die den Aufschwung mit ihrer Nullzinspolitik überhaupt erst möglich gemacht hat. Viele Bürger zahlen dafür einen Preis - als Sparer, als Kunden von Lebensversicherungen, aber auch Einwohner von Ballungsgebieten, die wegen der Immobilienblase keine bezahlbare Wohnung mehr finden.

Die Konjunktur in Europa ist so gut wie seit zehn Jahren nicht mehr

Trotzdem: Heute spricht alles dafür, dass der Aufschwung nachhaltig ist. Und es ist durchaus von Belang, ob Wähler und Gewählte sich bewusst sind, dass sie es mit einer ungewöhnlich günstigen Konjunktur zu tun haben. Nun kommt es darauf an, die gute Zeiten zu nutzen, um Europas Wirtschaft besser vor künftigen Unwettern zu schützen, sie "widerstandsfähig" zu machen, wie die Kommission dies nennt.

Am dringlichsten ist es, dass Emmanuel Macron und Angela Merkel sich auf ein Modell der Vertiefung und Stabilisierung der EU einigen. Das deutsche Echo auf Macrons ehrgeizige Europa-Rede in der Sorbonne hat viele Franzosen enttäuscht. Soll die historische Chance nicht vertan werden, muss Macron bald eine deutsche Antwort bekommen. Es ist an der Kanzlerin, dafür politische Mehrheiten zu organisieren. Dass die Sondierungsgespräche zu Jamaika auch am Thema Europa gescheitert sind, ist kein gutes Zeichen.

Zweitens muss Europa endlich - fast zehn Jahre nach der Finanzkrise - seinen Finanzsektor in Ordnung bringen. Das gilt vor allem für Italien, wo der Bankensektor in alarmierendem Ausmaß faule Kredite in der Bilanz hat; Schlagzeilen hat vor allem die Banca Monte dei Paschi di Siena gemacht. Sie wurde vom Staat gerettet, aber nicht saniert. Alle wissen, wie gefährlich Zombie-Banken für eine Wirtschaft sind. Aber niemand in Italien kann es sich offenbar leisten, Konsequenzen zu ziehen.

Schließlich ist es höchste Zeit für eine Zinswende bei der Europäischen Zentralbank. Bei allen Verdiensten, die sich die EZB während der Euro-Krise erworben hat - für eine Nullzinspolitik in der Hochkonjunktur gibt es einfach keine Gründe. Die Rückkehr zur Normalität wird Zeit brauchen, sie sollte also beizeiten begonnen werden. Wann, wenn nicht jetzt?

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