Wirecard Angriff aus dem Hinterhalt

Zahlungen einfach am Smartphone erledigen - diesen Service nutzen immer mehr Kunden. Vielfach steckt hinter der Abwicklung das Unternehmen Wirecard.

(Foto: Josep Lago/AFP)

Ein dubioser Bericht belastet die Aktie des Münchner Zahlungsdienstleisters.

Von Heinz-Roger Dohms, Hamburg

Der milliardenschwere Münchner Zahlungsdienstleister Wirecard ist zum Ziel einer beispiellosen Attacke aus dem Internet geworden. Eine angebliche Analysefirma, die unter dem Namen Zatarra auftritt, stellte einen Bericht online, der Wirecard vielfältige Betrügereien vorwirft. Die Anschuldigungen gipfeln in der Behauptung, Wirecard - ein Unternehmen, das an der Börse fast so viel wert ist wie RWE oder Lufthansa - sei in Wirklichkeit wertlos. Wirecard bietet Zahlungsabwicklungen an, ähnlich wie etwa Paypal. Doch während bei Paypal Privatleute Kunden sind, hat Wirecard Händler als Kunden. Auch weil ein Blog der renommierten britischen Wirtschaftszeitung Financial Times am Mittwochvormittag über die Existenz des Reports berichtete, brach die Wirecard-Aktie am Mittwoch binnen kürzester Zeit um rund 25 Prozent ein.

Das ominöse Analysehaus hat erst vor wenigen Tagen seine Internetseite freigeschaltet

Später erholte sich die Aktie etwas - wohl auch, weil das Unternehmen die Vorwürfe umgehend als "verleumderisch" und "komplett unwahr" zurückwies. Man werde juristisch gegen den Bericht vorgehen, hieß es weiter. Wer hinter Zatarra steckt und von wo aus die Firma agiert, blieb bis zum Nachmittag völlig unklar. Das selbsternannte Analysehaus unterhält nur eine dürre Webseite. Diese wurde offenbar vor wenigen Tagen anonym über einen speziellen US-Anbieter registriert. Als Kontakt wird lediglich auf eine E-Mail-Adresse hingewiesen. Auf eine Anfrage kam keine Reaktion. Am Nachmittag war die Webseite vorübergehend nicht mehr zu erreichen.

Der Fall wirft eine Menge Fragen auf. Denn dass viele Investoren trotz der dubiosen Herkunft des Berichts derart panisch reagierten, hat womöglich auch damit zu tun, dass angelsächsische Hedgefonds seit Monaten auf fallende Kurse von Wirecard spekulieren. Der Kursrutsch am Mittwoch dürfte ihnen jede Menge Geld in die Kassen gespült haben. Deswegen wird in Finanzkreisen spekuliert, dass die Hedgefonds hinter dem Bericht stecken könnten, doch beweisen lässt sich das nicht.

Tatsache jedoch ist, dass in großem Stil auf fallende Kurse gewettet wurde. Das geht aus Daten des elektronischen Bundesanzeigers hervor. Auf fast neun Prozent aller Wirecard-Aktien wurden solche Wetten - im Finanzjargon Short-Positionen genannt - abgeschlossen. Zu den Akteuren, die gegen Wirecard spekulierten, zählte auch der bekannte britische Hedge-Fonds-Manager Crispin Odey. Die größte Einzelposition mit 2,29 Prozent hielt allerdings keine klassische "Heuschrecke" - sondern bizarrerweise eine kanadische Pensionskasse.

Eine ungewöhnliche Rolle in der Causa Wirecard spielt die Financial Times. Deren Blog FT Alphaville hatte im vergangenen Jahr eine voluminöse Artikel-Serie unter dem Motto "House of Wirecard" publiziert. Die Vorhaltungen, die der Autor, ein Finanzanalyst, dem Unternehmen macht, sind kompliziert. Sie laufen letzten Endes aber darauf hinaus, dass die Bilanzen von "Wirecard" so wacklig seien wie besagtes "Kartenhaus". Die Resonanz auf die damaligen Artikel blieb gering - fast alle Investmentbanken empfehlen die Wirecard-Aktie weiterhin zum Kauf. In einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung Ende vergangenen Jahres wies Unternehmenschef Markus Braun diese Darstellungen entschieden zurück. Bereits 2008 und 2010 waren ähnliche Vorwürfe gegen Wirecard laut geworden. Beweisen ließen sie sich nie.

Wirecard ist angreifbar, weil seine Bilanz hoch komplex und kaum verständlich ist

Eigentlich würde man annehmen, dass sich die Bilanzfragen klären lassen müssten. Das Zahlenwerk von Wirecard ist allerdings derart komplex, dass nicht einmal Branchenkenner durchsteigen. Ein deutscher Topbanker, der das Unternehmen gut kennt, arbeitete sich kürzlich auf Bitten der "SZ" tief in die Wirecard-Bilanz hinein. Letzten Endes aber gab er entnervt auf - genauso wie ein ebenfalls konsultierter Fondsmanager, der sich seit langem intensiv mit Wirecard beschäftigt. Auch ein Manager aus dem Bereich Zahlungsverkehr sagte hinter vorgehaltener Hand: "Deren Bilanz ist ein Buch mit sieben Siegeln."

Dass die Wirecard-Zahlen so schwer zu entschlüsseln sind, liegt an dem komplexen Metier, in dem die Firma tätig ist. Spezialisiert sind die Münchener auf das sogenannte Acquiring, das wie folgt funktioniert: Zahlt ein Kunde mit seiner Kreditkarte, dann landet das Geld nicht beim Händler, sondern erst einmal bei einer speziellen Händlerbank - dem "Acquirer". Dessen Rolle besteht darin, dass er die Kreditwürdigkeit des Kunden garantiert und bei einem Zahlungsausfall einspringt. Für das damit verbundene Risiko erhält er eine Gebühr. Daneben liegen auf den Konten des "Acquirers" aber immer auch gigantische Beträge, die in letzter Konsequenz dem Händler zustehen. Wie dieser Gelder bilanziell behandelt werden, ist einer der Streitpunkte.

Vor der Internetrevolution was das "Acquiring"-Geschäft in Deutschland Sache der Banken. Im Zeitalter des Online-Shoppings sind die Spielregeln jedoch andere: Der "Acquiring"-Prozess ist im E-Commerce komplexer als im stationären Handel. Das hat einerseits technische Ursachen. Es liegt aber auch daran, dass es im Internet nicht mehr nur um die Kreditwürdigkeit des Kunden geht, sondern auch um die Frage, was passiert, wenn der Händler nicht liefert. Die mit solchen Fragen verbundenen Risiken beherrscht Wirecard offenbar besonders gut, die Marktmacht der Firma im europäischen Onlinehandel soll immens sein.

Neben dem "Acquiring" stößt Wirecard seit Jahren in immer neue Bereiche vor. So kooperieren die Münchner im "Mobile Payment" mit der Deutschen Telekom und anderen Großkonzernen. Auch als Dienstleister für junge Fintech-Firmen hat sich Wirecard einen Namen gemacht. Hintergrund: Das Unternehmen hat eine Banklizenz, weswegen es anderen Finanz-Start-ups anbietet Zahlungen abzuwickeln. Das nutzt beispielsweise der beliebte Konto-App-Anbieter Number26.