Von Karl-Heinz Büschemann

Seit dem Einstieg von Porsche ist der Preis der VW-Aktie kein klares Indiz mehr für die echte wirtschaftliche Leistungsfähigkeit - für Spekulanten eine große Gefahr.

Gemessen am Aktienkurs müsste Volkswagen das erfolgreichste Unternehmen der Welt sein. Zeitweilig war Europas größter Autokonzern am Dienstag an der Börse etwa 300 Milliarden Euro wert.

Anzeige

Betrachtet man den über Jahrzehnte flach verlaufenden Kurs und den steilen Anstieg seit 2005, könnte der Eindruck entstehen, ein genialer neuer Manager habe den großen Erfolg von VW vor genau drei Jahren eingeleitet. Beide Eindrücke sind falsch.

Der VW-Konzern, der dieses Jahr etwa 6,5 Millionen Autos baut, ist deutlich weniger wert, als die Börse vorgaukelt. Der japanische Autohersteller Toyota, der als erfolgreichstes Autounternehmen der Welt gilt und mit 9,4 Millionen Fahrzeugen 2007 viel mehr Autos produzierte als der Golf-Konzern, hat derzeit einen Börsenwert von etwa 90 Milliarden Euro.

Übernehmer am Werk

VW läge unter normalen Umständen darunter. Es gab auch keinen plötzlichen Strategiewechsel, der seit drei Jahren diesen Kursverlauf hätte bescheren können.

Der Hauptgrund für die Bergfahrt des VW-Aktienkurses ist der Einstieg von Porsche im November 2005. Seitdem ist der Preis für die VW-Aktie kein klares Indiz mehr für die echte wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von VW. Ein Teil der Kurssteigerung geht allein darauf zurück, dass ein Übernehmer am Werk ist. Das treibt Spekulanten in den Markt, die auf steigende Kurse hoffen.

Trotzdem ist die Entwicklung von VW in den vergangenen Jahren eine Erfolgsgeschichte. Der Konzern hat in den zurückliegenden Jahren seine Produktion weltweit erheblich ausgeweitet. Er hat es geschafft, mit verschiedenen Marken zugleich auf den internationalen Märkten zwischen Amerika und China erfolgreich zu sein.

Volkswagen, lange die graue Maus unter den weltweiten Autoherstellern, hat sich in Europa an die Spitze gearbeitet, seitdem 1993 der Österreicher Ferdinand Piëch in Wolfsburg den Chefposten übernahm und die Qualität der Autos auf Weltniveau hob.

Volkswagen wurde unter Piëch vom provinziellen niedersächsischen Autobauer mit Käfer-Vergangenheit zum Erfolgsanbieter, der es schaffte, mit der Konzernmarke Audi den Premium-Konkurrenten Mercedes und BMW beachtliche Marktanteile abzujagen.

Als es Piëchs Nachfolgern nach 2001 auch noch gelang, die überbordenden Kosten des Konzerns einzudämmen, schien der Erfolg der Wolfsburger unaufhaltsam zu sein. 2007 erreichte VW das beste Ergebnis der Firmengeschichte mit einem operativen Gewinn von 6,15 Milliarden Euro.

Dann kam die Finanzkrise. Der US- Automarkt brach fast zusammen, auch die ersten Autohersteller in Europa kündigten die zeitweilige Schließung ihrer Fabriken an.

Erst sah es so aus, als könnte VW den Sturm ohne große Einbußen überstehen. Doch vergangene Woche sprach Unternehmenschef Martin Winterkorn vor 500 Führungskräften in Wolfsburg deutliche Worte. Seitdem müsste jedem klar sein, dass auch bei Volkswagen nichts mehr unmöglich ist.

"So schlecht und so unsicher waren die Aussichten schon lange nicht mehr", sagte Winterkorn. Die Heftigkeit des Abschwungs sei "besorgniserregend". Das Jahr 2009 werde für VW "ein schwieriges, ein sehr schwieriges Jahr". Die Produktion der Marken Seat, Skoda und der VW-Nutzfahrzeuge wurde schon zurückgefahren.

Der Ausbau des russischen Werks in Kaluga wurde verschoben. Jetzt plant Winterkorn auch noch die Reduzierung von Investitionen und Kosten. "Manche Entscheidung wird weh tun", kündigte er an.

Noch verrät der Manager nicht, ob er auch an Entlassungen denkt oder wann er Fabriken schließen muss. "Wir kommen um harte Einschnitte nicht herum." Bei VW klingen die Vorstände genauso besorgt wie bei den Konkurrenten, deren Aktien nicht durch die Decke gingen, sondern in den vergangenen Wochen drastisch abstürzten.

Leser empfehlen 

(SZ vom 29.10.2008/hgn)