Paul Poet und die Mikro-Nationen Dann werd' doch selbst ein Staat

Kann man sich mit einer eigenen Welt selbständig machen? Das geht, sagt der Wiener Filmemacher Paul Poet. Mehr als 500 Do-it-yourself-Staaten soll es geben, Poet hat sechs dieser Mikronationen besucht. Getroffen hat er Rebellen, Geschäftemacher und Glücksritter.

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Da gibt es etwa Sealand - eine Plattform aus dem Zweiten Weltkrieg im Meer vor Großbritannien, die einst der Radiopirat Roy Bates kaperte. Mittlerweile ist es ein selbsternanntes Fürstentum mit eigener Passkontrolle. Oder die Provinz von Hutt River in Australien: Ihr Monarch ist nicht nur Touristenattraktion, sondern unterhält auch noch eigene Botschaften. Wieder andere wollen mit Hilfe von Großinvestoren schwimmende Städte auf dem Meer errichten, die von jeglichen Regeln befreit sind. Es geht um sogenannte Mikronationen. Manche von ihnen gebärden sich wie kleine Staaten, einige beteuern gar, dass sie offiziell anerkannt seien, andere ringen vergeblich um Akzeptanz und wieder andere sind sich selbst genug.

Dann werd' doch selbst ein Staat

Kann man sich mit einer eigenen Welt selbständig machen? Das geht, sagt der Wiener Filmemacher Paul Poet. Über 500 Do-it-yourself-Staaten soll es geben, Poet hat sechs von ihnen besucht. Getroffen hat er Rebellen, Geschäftemacher und Glücksritter, die sich Freiräume eigener Art geschaffen haben. mehr ...

Acht Jahre lang hat der Filmemacher Paul Poet diese Gegenwelten besucht, deren Spektrum politisch von ganz links bis ganz rechts reicht. Sechs von ihnen porträtiert er nun in seinem Film "Empire Me - der Staat bin ich!" Poet, der übrigens versichert, dass sein Nachname kein Künstlername sei, wurde einst mit seinem Film über das "Ausländer raus!"-Containerprojekt von Christoph Schlingensief bekannt.

SZ: Wann setzen Sie sich eigentlich selbst eine Krone auf, Herr Poet?

Paul Poet: Ich werde keinen eigenen Staat gründen. Dieses Gefühl von Selbstermächtigung, das die Leute antreibt, fasziniert mich allerdings - deswegen habe ich den Film gemacht. Das ganze Mikronations- und Gegenweltphänomen zeigt, dass Menschen nicht mehr zufrieden sind in ihrer Gesellschaft, obwohl es ihnen - zumindest wirtschaftlich - durchaus gutgehen mag.

SZ: Warum sollte ein Australier, der auf seinem Grundstück ein Mini-Fürstentum eingerichtet hat und ab und an ein paar Leute zum Ritter schlägt, für eine sozialpolitische Zukunft stehen?

Poet: Die Provinz von Hutt River scheint im Film eine eher pittoresk-skurrile Gegenwelt zu sein. Doch es gibt handfeste Gründe für ihre Existenz: Australische Farmer wollten vermeiden, am Ende als enteignetes Nichts dazustehen und gründeten schon in den siebziger Jahren dieses kleine Fürstentum.

SZ: Wie - enteignetes Nichts?

Poet: Farmer werden dort oft Opfer von Grundstückshaien, die Gerichte bestechen, Hypotheken oder Abzahlungsbelege fälschen und Leute dazu zwingen, ihre Grundstücke zu verlassen. Das beginnt derzeit auch in Spanien, ansatzweise auch in Griechenland. Doch in Australien gibt es dieses Problem schon seit Jahrzehnten. Weil das Land aber nach wie vor zum Commonwealth gehört, haben Landwirte mit Hilfe des internationalen Rechts eine juristische Freifläche gefunden. So können sich Leute zu Fürsten erklären, der Königin von England die Treue schwören und sich damit auf rechtlicher Ebene selbst verteidigen.

SZ: Und Australien billigt die kleinen Monarchen?

Poet: Die Krone ist eher ein Spaßfaktor. Aber sie können sich durch die Selbsterklärung zum Fürsten tatsächlich rechtlich unantastbar machen. Australische Richter mussten bereits feststellen, dass sie diese Leute nicht belangen können. Nach 40 Jahren Gerichtskampf hat der Fürst von Hutt River einen Bescheid vom Finanzamt erhalten, dass sein Gebiet nicht mehr Teil Australiens ist. Steuern braucht er nun nicht mehr zu zahlen.

SZ: Kann jeder einen Mikrostaat gründen?

Poet: Natürlich, auch in Deutschland. Wenn man das Gefühl hat und es auch belegen kann, dass der Staat, in dem man lebt, nicht das persönliche Heil des einzelnen Bürgers vertritt, hat man das Recht, auszuscheren, in Sezession zu gehen und sich selbst als Staat zu definieren. Es reicht dann im Prinzip schon ein Haus mit etwas Garten. Das ist sogar völkerrechtlich festgeschrieben.

SZ: Allein der Wille zählt?

Poet: Man muss natürlich die Grundanforderungen an einen Staat erfüllen. Es gilt bis heute die Konvention von Montevideo aus den frühen dreißiger Jahren. Sie besagt, dass ein eigenes Territorium mit einer fixen Bevölkerung benötigt wird. Die kann allerdings auch nur aus einer Person bestehen. Daneben ist ein eigenes Regelwerk erforderlich, also eine Art Gesetzschreibung, und der Wille, mit anderen Ländern in Austausch zu treten. In der Realität ist es allerdings ein harter Kampf, sich völkerrechtlich durchzusetzen.

SZ: Australische Farmer gehen dann auf Staatsbesuch?

Poet: Im Endeffekt bedeutet es für viele Mikronationen nur, dass sie eine Postkarte an die Königin von England oder an den Alt-UN-Generalsekretär Kofi Annan schreiben - und im besten Fall auch etwas zurückbekommen. Annan antwortet übrigens auch, denn er hat viele dieser Mikronationen mitberaten. Es war eine etwas exzentrische Nebenbeschäftigung. Aber ich bin in Australien auf kleinen Farmen gewesen. Da wohnen Familien, die zwar nicht übermäßig gebildet sein müssen, aber im Briefwechsel mit politischen Größen stehen.

SZ: Funktioniert ein Mikrostaat auch als Geschäftsmodell?

Poet: Die Spannbreite dieser Gegenwelten ist enorm: Da herrscht an dem einen Ort strenge Hierarchie, an dem nächsten absoluten Anarchie. Die Familie Bates in dem kleinen Fürstentum Sealand verwirklicht diesen alten Macho-Wirtschaftstraum, wie ihn die Philosophin Ayn Rand in ihren Büchern schon in den dreißiger Jahren beschrieben hat. Das rostige Eiland bietet wirtschaftlichen und politischen Freiraum, inklusive diplomatischer Immunität. Die wenigen Leute dort können Wirtschaft betreiben, die von keinem anderen Land der Welt einsehbar ist.

SZ: Wie wird dort das Geld verdient?