Who is Who vs. Who's Who Das Geschäft mit der Eitelkeit

Ehre, wem Ehre gebührt: Beim Blättern im Vorzeigeband findet sich ein Foto unserer Bundeskanzlerin. Neben der Vita von Angela Merkel ist auf Seite 3380 auch Peter Merkel im "Who is Who" eingetragen.

Der Gastronom und Koch betreibt im Odenwald das Hotel Dornröschen und ist Initiator der jährlich stattfindenden "Fachtagung Annelsbacher Apfelweintage", die unter dem Stichwort "Besondere Leistungen" aufgeführt ist. Peter Merkel, 47, wird später am Telefon sagen, dass ihm vor zwei Jahren ein "Redakteur" den Kauf des Buches aufdrücken wollte. Bisher jedenfalls weigert sich der Gastronom standhaft, eine Neuauflage zu erwerben. "Ist mir viel zu teuer."

"Groteske Auswahl"

Bei Edda Albanus-Koch aus Uelzen hat das schwergewichtige Werk dagegen seit sieben Jahren einen Ehrenplatz im Bücherregal. Die Unternehmerin listet in ihrem Eintrag berühmte Vorfahren auf. Ihr Stief-Ur-Ur-Großvater sei Friedrich Ludwig Jahn, bekannt als Turnvater Jahn. Außerdem reiche ihre Familienchronik zurück bis in die 15. Generation auf den jüngsten Bruder von Martin Luther. Die Unternehmerin ist mächtig stolz darauf, dass "meine berühmte Familie und meine Biografie" in Hübners blauen "Who is Who" veröffentlicht wurde. Geehrt fühlt sich auch Sabrina Groke. Die 21-Jährige wurde Mitte vergangenen Jahres "in die weltweite Personenenzyklopädie berufen", wirbt die selbständige Fotografin auf ihrer Internet-Seite. Nun hofft sie, dass ihr der Eintrag in das blaue Buch neue Kunden bringt.

Das erwarten anscheinend auch die vielen Finanzmakler, Heilpraktiker, Fachanwälte und Einkaufsleiter, die im Umfeld prominenter Sportler, Schauspieler oder Politiker ein wenig glänzen wollen. "Eine geradezu groteske Auswahl", befindet Bibliothekar Klaus Schreiber, der sich kritisch mit der Vermarktung solcher biografischer Information beschäftigt. Der Verlag habe einen neuen Personenkreis erschlossen, die sich von der Aufnahme in das "Who is Who"vermutlich wirklich eine Adelung ihrer eher biederen Tätigkeit erhoffen."

12.400 Neueintragungen haben die 37 Kollegen aus der "Landesredaktion Deutschland" im vergangenen Jahr gesammelt. Die 13. Ausgabe von "Who is Who" enthält insgesamt 74.800 Namensnennungen. Damit könnte die Elitetruppe mühelos eine Stadt wie Brandenburg an der Havel füllen.

Die Verlagsdame besucht pro Tag vier bis fünf Anwärter. Als Fraktionssprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im Münchner Stadtbezirk 19 kann die 55-Jährige bei ihrer Arbeit schon mal an grüne Netzwerke anknüpfen. So ist es ihr zu verdanken, dass bereits ein Drittel der grünen Fraktion im Bayerischen Landtag in Hübners "Who is Who" vertreten ist. Genauso wie die CSU-Politikerin Beate Merk und ihr Ministerkollege Siegfried Schneider. Den Bayerischen Kultusminister hat sie sogar persönlich interviewt. Allerdings: "Das 'Who is Who' hat er nicht gekauft", bedauert sie.

Sonderpreis: 425 Euro

Der Eintrag ins Lexikon der Eitelkeiten ist zwar kostenfrei, für eine Fotoveröffentlichung müssen die Inserenten jedoch einen Druckkostenzuschuss von 153 Euro berappen. Aber was ist der Eintrag ins "Who is Who" ohne ein solides Exemplar zum Vorzeigen? Das kann teuer werden: Das billigste Exemplar gibt es zum "Interviewsonderpreis" für 425 Euro". Die Echtlederausgabe mit Goldschnitt und Namensprägung kostet stattliche 674 Euro bei Vorkasse.

Für den in Österreich lebenden Verleger Ralph Hübner, 64, ist das Druckwerk ein gutes Geschäft. Seit 1997 erscheint sein Sammelsurium der Eitelkeiten. Über Auflagen und Umsatzzahlen der "Who is Who"-Produkte hüllt man sich in der Wiener Verlagszentrale in Schweigen. Doch die Nachfrage ist offenbar groß.

In sechs osteuropäischen Ländern sowie in Griechenland und der Türkei hat Hübner bereits Niederlassungen per Franchisesystem gegründet. Künftige Mitarbeiter lockt er mit einem leistungsabhängigen Verdienst von knapp 4200 Euro pro Monat. "Unsere Topleute verdienen auch bis zu 10000 Euro", heißt es in einer Stellenanzeige. Die Vertriebsmitarbeiter sollen den Kunden vor allem "die Vorteile eines Portraitfotos neben seiner Biografie" erläutern und anschließend ein Werk zum Kauf anbieten.

Die Stiftung Warentest kritisierte schon 2002 das Geschäftsgebaren des Verlegers: "Er rechnet mit der Eitelkeit der Menschen", meinten die Verbraucherschützer, die auch aus einem internen Rundschreiben des Verlags an seine Vertriebsmitarbeiter zitierten. Im Zustand des Stolzes, heißt es darin, "ordert man natürlich wesentlich bereitwilliger als sonst ein Werk, ohne vorher nachzudenken, was der Erwerb eines solchen Werkes bringt". Manchmal sogar ziemlich viel Ärger.

Andelko Nasic ist Inhaber eines Restaurants in Berlin-Steglitz. Nach dem Gespräch mit einem "Who is Who-Redakteur" fand Nasic Gefallen an einem Portraitfoto. Außerdem bestellte er eine Cabra-Lederausgabe mit dreiseitigem Goldschnitt und eine Who is Who-Urkunde in einem goldfarbigen Holzrahmen. Besonders letzte hatte es dem Wirt angetan, bestätigt doch die Urkunde dekorativ die Aufnahme in die Who is Who-Enzyklopädie. Insgesamt 843,10 Euro sollte der Ritterschlag kosten. Eine Woche später stornierte der 55-Jährige den Auftrag.

"Fieser Trick"

Nasic vertraute auf die im Auftragsbogen abgedruckte Belehrung, die ihm eine 14-tägige Frist für einen Widerruf einräumte. Doch der Verlag stellte sich stur, schickte sogar einen Gerichtsvollzieher, um die Forderung einzutreiben. Nasic hatte übersehen, dass die Widerrufsbelehrung nur für Verbraucher gilt. Der Verlagsvertreter hatte dagegen den Namen des Restaurants "z. Hd. Herrn A. Nasic" eingetragen.

"Ein fieser Trick", sagt der Gastwirt heute. Denn das Amtsgericht Schöneberg gab dem Verlag Recht. Nasic habe den Vertrag unter seiner Firma abgeschlossen. Der Unternehmer könne sich daher nicht auf ein Verbrauchergeschäft berufen. Rund 1800 Euro, inklusive Mahnkosten, Gerichts- und Anwaltsgebühren, kostet den Gastwirt nun die Aufnahme in den Kreis "führender Frauen und Männer Deutschlands". Das Buch und die Urkunde hat Nasic bis heute nicht erhalten. Denn die Who is Who-Insignien werden erst dann geliefert, wenn der Betrag bezahlt ist.

Solche Streitfälle sind programmiert. Die Angerufenen wissen in der Regel nicht, dass Hübners "Who is Who" nicht das "Who's Who" ist. Die Promi-Edition mit dem Apostroph wurde bereits 1848 vom Verlagshaus A&C Black in Edinburgh herausgegeben. Das Original listete damals Adelige und hochrangige Politiker. Heute enthält es Prominente, die viele aus den Medien kennen. Als Bezeichnung für die "Oberen Zehntausend" ist Who's who so sprichwörtlich, dass es sich nicht als Marke schützen lässt.

Viele der Angerufenen verwechseln daher Hübners blaues "Who is Who" mit "Wer ist Wer?" aus dem Lübecker Verlag Schmidt-Römhild, der das "Deutsche Who's Who" seit 1979 herausgibt. Dort landen auch empörte Anrufe von Menschen, denen es schleierhaft ist, was sie mit Papst Benedict XVI oder Heidi Klum gemeinsam haben sollen. Auch bei "Who's Who online" häufen sich Anfragen von Personen zu "vermeintlichen Redakteuren unseres Verlages", ärgert sich Chefredakteur Christian Kaiser. Sein Verlag führe grundsätzlich keine Interviews mit Personen, die neu in die Enzyklopädie aufgenommen werden. In seiner Edition gebe es ausschließlich "Personen des öffentlichen Interesses".

Dass Hübners "Who is Who" auch Hinz und Kunz das Gefühl gibt, prominent zu sein, findet Martina Jacubec von seinem Verlag für Personenenzyklopädien AG, kaum verwerflich. Man wolle neben prominenten Persönlichkeiten auch Menschen vorstellen, "die der breiten Öffentlichkeit vielleicht nicht bekannt sind, aber dennoch etwas Besonderes geschafft haben".

Hübner selbst geht indes mit seiner eigenen Biografie sehr schludrig um. Der Eintrag des gelernten Lebensmittelkaufmanns im "Who is Who" enthält kein Foto. In der Rubrik Schulbildung heißt es nur: "blablabla".