Whistleblower Gefeuert und gefeiert

Sind Enthüller Verräter oder Helden? Die Unterscheidung ist nicht selten eine Frage der Perspektive. Auch das Datenmaterial von Offshore-Leaks stammt aus anonymen Händen. Ehrliche Tippgeber können sich in einigen Ländern auf rechtlichen Schutz verlassen - in Deutschland aber eher nicht.

Von Hans Leyendecker

So muss man sich wohl eine glückliche, anonyme Quelle vorstellen: Sitzt irgendwo und schaut zu, wie das gelieferte Material Schlagzeilen macht. Wie seit Tagen Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsender aus der ganzen Welt über Offshore-Leaks berichten, wie Politiker jetzt wieder allerhand fordern, und wie die ersten Steueroasen, wie Luxemburg, tatsächlich einknicken. Und dieser Mensch - falls es nicht mehrere sind - bleibt unsichtbar: Ach wie gut, dass niemand weiß, wer diese 2,5 Millionen Dokumente auf eine Festplatte gespeichert und in die Post gesteckt hat. Empfänger: ein Journalist in Australien.

Wer die Quelle ist, was sie will, und warum sie diese Daten gesammelt hat, weiß nur eine äußerst geringe Anzahl von Beteiligten. Die Quelle will anonym bleiben - damit ihr nichts passiert. Das bedeutet: Sie muss auch anonym bleiben. Das ist ein Imperativ für die Journalisten - keine Geschichte ist es wert, einen Informanten zu verlieren.

In aller Regel betrachten Hierarchen das Aufdecken von Missständen als Verrat, der unbedingt geahndet werden muss und auch die weiter unten sind mit Begriffen wie "Nestbeschmutzung" fix zur Hand. Der Überbringer schlechter Botschaften wird nun mal selten geschätzt. Sind Enthüller Verräter oder Helden? Die Unterscheidung ist nicht selten eine Frage der Perspektive.

Als Held gefeiert, als Denunziant verteufelt

Seit den Sechzigerjahren werden Informanten, die Betriebsinterna oder Amtsgeheimnisse öffentlich machen, mit dem englischen Wort "Whistleblower" bezeichnet. Je nach gesellschaftlichem Standort wird der Begriff mit "Alarmschlagen", "Alarmglocken-Läuten" oder "Verpfeifen" übersetzt. "To blow the whistle" - das steht ebenso für den korrekten wie für den falschen Schiedsrichterpfiff.

Es gibt berühmte Hinweisgeber, die - als ihr Fall und ihre Identität bekannt wurden - furchtbar scheiterten. Unvergessen beispielsweise ist der Fall des Christoph Meili, der 1997 in der Schweiz als Wachmann der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft Dokumente über Vermögen von Holocaust-Opfern vor dem Schredder gerettet und an eine jüdische Organisation weitergegeben hatte. Er verlor seinen Job, wurde als Held gefeiert und gleichzeitig als Denunziant verteufelt. Er bekam 31 Menschenrechtsauszeichnungen und wurde mit dem Tod bedroht. Er zog mit seiner Familie in die USA. Dort trennte sich die Ehefrau von ihm. Die Medien, die ihn gefeiert hatten, demontierten ihn, weil er in völliger Selbstüberschätzung seiner Rolle nicht gewachsen war. Auch die Eitelkeit kann ein schlimmer Feind des Whistleblowers sein.

Fast schon in Vergessenheit ist der tragische Fall des Briten Stanley Adams geraten. Der Mitarbeiter des Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche teilte der EU-Kommission in den Siebzigerjahren illegale Preisabsprachen im Vitamingeschäft mit. Er bekam in der Sache recht, wurde aber wegen Verdachts auf Spionage und Verletzung des Dienstgeheimnisses verurteilt. Seine Frau, die ebenfalls verhört worden war, beging Suizid. Stanley Adams hatte sein Leben komplett ruiniert.

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Whistleblower werden als illoyale Querulanten gemobbt

Ob solche Hinweisgeber uneigennützig und altruistisch dem Guten zum Durchbruch verhelfen möchten oder aus niederen Motiven agieren, ist manchmal völlig unerheblich: Auch Handlungen aus verwerflichen Gründen können für das Gemeinwohl förderlich sein. Wenn ein charakterschwacher, eitler und vielleicht sogar hinterhältiger Tippgeber auf echte Missstände von erheblicher Bedeutung aufmerksam macht und auf diese Weise großen Schaden abwendet, bleibt er ein unsympathischer Zeitgenosse, aber er hat sich um das Gemeinwohl verdient gemacht.

Der Umgang mit ihm mag nicht einfach sein, aber große Skandale werden oft von solchen Insidern aufgedeckt. Wenn hingegen ein sympathischer, uneigennütziger Whistleblower sich geirrt hat oder seine Klage nicht ausreichend belegen kann, handelt er nicht nur unprofessionell, sondern schadet womöglich dem Gemeinwohlinteresse. Über Risiken und Chancen von Whistleblowern gibt es diverse Studien, Gutachten und Untersuchungen. Das Fazit der meisten Betrachtungen lautet: Sie werden als illoyale Querulanten gemobbt.