Whatsapp-Übernahme Vom Rebellen zum Vasallen

Im Januar kam er zur Digital-Life-Design-Konferenz nach München: Whatsapp-Gründer Jan Koum

Einst war Whatsapp-Gründer Jan Koum angetreten, sich dem Big-Data-Geschäftsmodell von Facebook und Google zu widersetzen. Jetzt hat er seinen Kurznachrichtendienst verkauft - für 19 Milliarden US-Dollar. Der Held von einst hat sich Mark Zuckerberg unterworfen.

Ein Kommentar von Andrian Kreye

Jeder Krieg hat seine Helden. Im Kampf um die digitale Vorherrschaft und damit um die Macht über die Gewohnheiten der Menschen, wird in dieser Woche Jan Koum als Sieger gefeiert. Der hat seinen Kurznachrichtendienst Whatsapp für 19 Milliarden US-Dollar an Facebook verkauft. Dabei gab er sich eigentlich immer als Rebell, der gegen das Geschäftsmodell der Big-Data-Giganten Facebook und Google angetreten war. Whatsapp sollte keinen Profit daraus schlagen, dass man die Datenspuren der Nutzer zu Paketen bündeln und verkaufen kann.

Zwei Jahre lang haben die Verhandlungen gedauert. 2012 wollte Facebook-Chef Mark Zuckerberg das Unternehmen kaufen, das Koum und sein Kompagnon Brian Acton 2009 als Start-up gegründet hatte. Koum und Zuckerberg sollen viel spazieren gegangen sein bei ihren Verhandlungen. So stellt man sich das vor - zwei junge Herren, fast noch Burschen, in Outdoor-Kleidung in den Hügeln über dem Silicon Valley, in denen es das ganze Jahr über so riecht wie an einem Spätsommertag im Wald. Und eines Tages - Handschlag, Schulterklopfen, 19 Milliarden.

Am Ende platzte Koum bei den Zuckerbergs ins Valentinstag-Dinner. Die beiden Herren arbeiteten den Deal am Küchentisch aus und aßen dazu in Schokolade getauchte Erdbeeren. Alles irgendwie doch sympathisch? Es gibt zumindest viele junge, kluge und unternehmungslustige Menschen, die gerne so wären wie Koum. Oder wie Zuckerberg. Wie Tony Fadell, der seine Thermostat-Firma für drei Milliarden an Google verkaufte, wie Elon Musk, der gerade mit Apple darüber verhandelt, was sie für seine Elektroautofirma Tesla bezahlen. In der Start-up-Welt ist Koum der Idealfall, von dem so viele träumen. Fünf Jahre nach Firmengründung an einen Konzern verkaufen. Und dann die nächste Firma gründen.

Will Zuckerberg nur einen Rivalen vom Markt kaufen?

Beim Whatsapp-Deal bleibt eine Frage, die sich oft bei solchen Firmenaufkäufen im Silicon Valley stellt. 19 Milliarden Dollar - wofür? 19 Milliarden ist eine Summe, die sich dem Vorstellungsvermögen kaufmännisch nur durchschnittlich interessierter Menschen entzieht. Es gibt ganze Länder, die in einem Jahr so viel Geld nicht erwirtschaften. Und es handelt sich ja nicht um World-of-Warcraft-Ehrenpunkte oder Bitcoins, mit denen das bezahlt wird, sondern um Dollar. Die Währung des wirklichen Lebens wird im Silicon Valley zum Spielgeld.

Es gibt zwei Interpretationen des Deals. Entweder ist er Teil einer Verdrängungsstrategie. Die größte Angst haben die Giganten der Branche vor einem Neuling, der innerhalb von Monaten zum Marktführer wird. Erinnert sich noch jemand an Facebooks Vorgänger Myspace und Friendster? An die Suchmaschinen AltaVista oder Lycos? An den Plattenladen um die Ecke? Alle verdrängt.

Whatsapp kann nicht viel, außer über das Handy Nachrichten, Bilder und Daten verschicken. Schlichte Kommunikation für alle. Das geht auch per SMS und Chatfunktionen, wie es sie bei Facebook schon gibt. Doch Whatsapp ist gewachsen: In fünf Jahren von null auf eine halbe Milliarde Nutzer, nun auf dem Weg, die SMS als Standard für Kurznachrichten abzulösen. Das muss bei Zuckerberg Erinnerungen wecken. Will Zuckerberg also nur einen Rivalen vom Markt kaufen? Amazon fährt solche Strategien. Investiert in einen Vertrieb zu Dumpingpreisen, nur um die Konkurrenz platt zu machen.

Aus dem Rebell ist ein Vasalle geworden

Der Kampf im Silicon Valley wird jedoch nicht nur gegen die Konkurrenz geführt, sondern auch darum, in jede erdenkliche Nische des Lebens vorzudringen. Die großen Erfolge feiern Firmen, die menschliche Gewohnheiten prägen. Es sind ja Basisfunktionen des täglichen Lebens, die da verkauft werden: eine Frage stellen; etwas mitteilen; etwas kaufen. Apple gelang es sogar, das Handwerk zu verändern: Es wird nicht mehr getippt, sondern geschoben und gewischt.

In diesem Wettbewerb führt derzeit Google, ist mit Fadells Thermostat in die Häuser eingedrungen und mit billigen Gentests in das Erbgut der Menschen. Die Gestik würde Google gerne mit seiner Brille aus dem digitalen Leben verbannen und so der Synthese aus Gerät und Körper näher kommen.

Die Nutzer bekommen das meiste für eine Handvoll Daten. Will Facebook nun mit Whatsapp noch mehr Daten sammeln? Das widerspräche Jan Kouns Überzeugung. Datenschutz war ihm immer wichtig - der gebürtige Ukrainer hat seine Jugend in einer Autokratie verbracht. Allerdings hatte er auch immer behauptet, er würde nie verkaufen. Heute ist der Rebell zum Vasallen von Zuckerberg geworden. Und die Nutzer? Sie sind der begehrte Rohstoff, sie besiedeln ein Kampfgebiet. Sie müssen aufpassen, dass sie keinen Kollateralschaden erleiden.