Wettbewerb der Konzerne Wer sich geschätzt fühlt, arbeitet effizienter

"Bisher wird in großen Konzernen nur oberflächlich verändert. Sie geben zwar mehr Geld für Image, Außenwirkung und Wahrnehmung aus", sagt Monika Kraus-Wildegger von Goodplace.org, einer Plattform, die sich mit neuen Arbeitsformen beschäftigt. "Die Widerstände gegen mehr Freiraum und flexibles Arbeiten sind aber groß: Da hat sich die Generation vor den jetzigen Anwärtern jahrzehntelang abgearbeitet, die Karriere vor Freizeit, Familie und Leben gesetzt - und jetzt kommen junge Menschen und machen das nicht mehr mit." Vielen Entscheidern fehle dafür das Verständnis. Weil es den eigenen Lebensentwurf hinterfragt.

Andere gründen gleich völlig neue Einheiten. Ganz hoch im Kurs steht selbst bei traditionsreichen Firmen die Förderung von unternehmerischem Denken ihrer Mitarbeiter. Der Versandhändler Otto beispielsweise investiert mit der Beteiligungsgesellschaft E.Ventures in Internet-Start-ups und holt sich so junge Unternehmer in den Konzern. Auch das Wohlbefinden soll nicht zu kurz kommen: Wer bei Otto in der Zentrale arbeitet, kann seit vergangenem Frühjahr seine Mittagpause mit Tanzstunden, Filmvorführungen oder Lesungen verbringen. Der Konzern verkauft das so: "Unsere Mitarbeiter sollen sich in unserem Hause wohlfühlen, sie sollen Spaß bei der Arbeit haben, aber auch neue Impulse und Inspirationen für ihren beruflichen Alltag bekommen."

Was die digitale Revolution mit uns macht

Erst brechen einfache Arbeitsplätze weg, dann kriecht die Angst auch die Bürotürme hoch. Dass alles automatischer, flexibler, freier wird, kann Bedrohung und Chance sein. Frisst die digitale Revolution ihre Kinder? Von Marc Beise mehr ... Die Recherche - Essay

Wohlfühlen uns Spaßhaben für wirtschaftlichen Erfolg

Die Wohlfühl-Rhetorik, das Duzen, die Firma als Familie erinnern an Google und Facebook, jene noch nicht besonders alten Weltkonzerne, die für eine Kultur der flachen Hierarchien, starken Förderung und für ihre bunten Büros bekannt sind. Auf der Liste der beliebtesten Arbeitgeber in Deutschland belegt Google inmitten der Automobilhersteller den zweiten Platz.

Diese Konzerne haben erkannt, dass Wohlfühlen, Respekt und Spaß ausschlaggebende Gründe für den wirtschaftlichen Erfolg sind. Weil sich Mitarbeiter geschätzt fühlen, sind sie loyaler, arbeiten lieber und - betriebswirtschaftlich gedacht - effizienter.

Fraunhofer-Forscherin Gabriele Korge sieht bei großen Konzernen in Deutschland aber noch kaum Bewegung: "Sie sind viel träger, einfach durch ihre Größe", sagt sie. "Noch gehen ihnen außerdem die Bewerber nicht aus, während kleinere Betriebe nicht genug qualifizierte Mitarbeiter finden und sich etwas ausdenken müssen, Talente zu finden und zu binden."

Sie denken sich viel aus, die großen Konzerne, BASF zum Beispiel: Auf der Karrieremesse erreichte die Chemiefirma den ersten Platz für eine Vorführung, bei der Mitarbeiter aus Chemikalien eine Flüssigkeit im Konzern-Rot zusammenmixten. Das Karriereportal im Netz ist so aufwendig aus Texten, Bildern und Videos zusammengebaut, dass es eher einem US-Blog als dem Auftritt eines Chemiekonzerns gleicht.

Aber es gibt Schranken, die nicht so leicht zu überwinden sind. Wenn in einer Firma mit 200 000 Mitarbeitern die Karrieren von zehn Prozent der Kollegen individuell betreut werden sollen, sind das 20 000 Menschen. Jungunternehmer wie Philipp Benkler haben es da einfacher. "Wenn mir ein Kollege im Jahresgespräch nicht sagen könnte, auf welches unserer fünf Unternehmensziele er direkten Einfluss hat, hätten wir etwas falsch gemacht", sagt er.

Die Recherche zur Zukunft der Arbeit

"Zwischen Ausbeutung und Selbstverwirklichung: Wie arbeiten wir in Zukunft?" Diese Frage hat unsere Leser in der achten Runde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Das folgende Dossier soll sie beantworten.

  • Stechuhr Arbeiten nach dem Lustprinzip

    Führungskraft in Teilzeit, Sparen für das Freizeit-Konto oder Rentnerin auf Abruf: Manche Firmen lassen ihre Beschäftigten arbeiten, wie sie wollen. Fünf Arbeitnehmer berichten.

  • Feelgood Arbeite und fühl' dich wohl

    Gerade jungen Menschen ist Freiheit und Spaß bei der Arbeit wichtiger als das Gehalt. Die Unternehmen reagieren - mit individueller Karriereplanung und "Feelgood-Managern".

  • Seyferth Der Arbeitsverweigerer

    "Arbeit ist scheiße": Mit diesem Slogan wollte Peter Seyferth politische Karriere machen. Heute ist er freiberuflicher Philosoph und verweigert noch immer die Arbeit. Zumindest im Kopf.

  • Zukunft der Arbeit Wie wir in Zukunft arbeiten könnten

    Schneller, flexibler, vernetzter: Die digitale Revolution wird unsere Arbeit komplett verändern. Zum Guten oder zum Schlechten? Fünf Zukunftsvisionen.

  • Geriatric nurse talking to age demented senior woman in a nursing home model released Symbolfoto pro Who cares?

    Leben bedeutet heute Berufsleben. Doch wer kümmert sich ums Baby, wer macht den Einkauf, wer schaut nach der dementen Tante, wenn alle so viel arbeiten? Der Care-Bereich blutet durch die Ökonomisierung der Gesellschaft aus.

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    Arbeit macht Spaß - und Arbeit macht kaputt: Die heutige Berufswelt vereinnahmt den ganzen Menschen. Und wir machen das mit. Warum eigentlich?

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    Was passiert, wenn kluge Software und mit Sensoren ausgestattete Roboter plötzlich zur Konkurrenz für den Menschen werden? Nichts Gutes, sagt der IT-Experte Martin Ford. Ein Gespräch über eine Zukunft ohne Arbeit.

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    Tausende Flüchtlinge kommen derzeit jede Woche nach Deutschland. Viele von ihnen sind bestens ausgebildet. Doch Deutschland nutzt diese Chance nicht. Wir stellen sechs Menschen vor, die nichts lieber tun würden, als hier zu arbeiten.

  • Callcenter Die Recherche Wir Ausgebeuteten

    Sie arbeiten bis tief in die Nacht, hangeln sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten oder werden gekündigt, wenn sie krank sind: SZ-Leser berichten von Missständen in deutschen Callcentern, Krankenhäusern und Unternehmen.

  • Arbeitsagentur "Wir statten Arbeitgeber mit billigem Menschenmaterial aus"

    Ihm begegnen Alleinerziehende, die trotz eines Ingenieurdiploms keinen Job finden, oder Migranten, die die Verträge, die sie unterschreiben, nicht lesen können: Ein Arbeitsvermittler aus einem Berliner Jobcenter gewährt subjektive Einblicke in das System Hartz IV.