Theorie und Praxis: Viele Vorschläge zur Sanierung des Haushalts klingen gut - durchsetzbar sind die meisten aber nicht.
Es gibt nicht viel, was Peer Steinbrück mit Hans Eichel verbindet - so zumindest sieht es der amtierende Bundesfinanzminister. Hier der erfolgreiche Krisenmanager Steinbrück, dort der biedere Buchhalter Eichel.
Bild vergrößern
Welcher Vorschlag bringt wie viel Geld? Eine Übersicht. Auf die Grafik klicken, um zu vergrößern. (© Grafik: SZ)
Anzeige
In dieser Woche aber verspürte Steinbrück für einen kurzen Moment so etwas wie Mitgefühl mit seinem Amtsvorgänger, als er schilderte, wie im Bundestagswahlkampf 2005 eine Liste mit Sparvorschlägen aus dem Hause Eichel an die Öffentlichkeit gelangt war. Wochenlang, sagte Steinbrück, habe sich der "arme Mann" damals mühen müssen, die ausufernde Debatte über Haushaltskürzungen und Steuererhöhungen zu beenden.
Damit Steinbrück nicht dasselbe passiert, haben seine Mitarbeiter die Arbeit an allen "Giftlisten" vorsichtshalber komplett eingestellt. Die öffentliche Diskussion verhindern konnte Steinbrück dennoch nicht. Seit klar ist, dass der Bund aufgrund der Wirtschaftskrise im nächsten Jahr die Rekordsumme von 86 Milliarden Euro an neuen Krediten wird aufnehmen müssen, überbieten sich die Ökonomen des Landes mit immer neuen Ideen für Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen.
Mehrausgaben für Soziales
Einig sind sich die meisten Experten darin, dass der Staat alle Steuerausfälle sowie sämtliche Mehrausgaben für die sozialen Sicherungssysteme, die allein der Rezession geschuldet sind, hinnehmen sollte. Wer dagegen anspare, riskiere eine weitere Verschärfung der Krise.
Ein Gegensteuern ist auch deshalb unnötig, weil sich die entsprechenden Haushaltsposten in einem wirtschaftlichen Aufschwung automatisch ins Gegenteil verkehren. Die Jahre 2006 bis 2008 mit teils gigantischen Steuermehreinnahmen und Rekordüberschüssen der Bundesanstalt für Arbeit haben das deutlich bewiesen.
Zieht man für das Jahr 2010 die rein konjunkturbedingten Mindereinnahmen und Mehrausgaben von der Nettokreditaufnahme in Höhe von 86 Milliarden Euro ab, bleibt eine Summe von knapp 40 Milliarden Euro. Man spricht vom "strukturellen Defizit", das gemäß der gerade erst im Grundgesetz verankerten neuen Schuldenbremse im Jahr 2016 nur noch bei etwa zehn Milliarden Euro liegen darf.
Steuern erhöhen, Ausgaben kürzen
Prinzipiell gibt es nun drei Möglichkeiten, auf die man setzen kann, um das Loch zu schließen: Steuererhöhungen, Kürzung der Ausgaben oder Wirtschaftswachstum. Letzteres hilft allerdings nur, wenn die Konjunktur wirklich über Jahre rund läuft und die Mehreinnahmen konsequent für die Rückführung des Defizits verwendet werden. Wie es nicht geht, haben die Jahre 2006 bis 2008 ebenfalls gezeigt: Statt alle Kraft darauf zu verwenden, das Haushaltsloch zu schließen, wurde eine Vielzahl neuer und vor allem dauerhafter Ausgaben beschlossen.
Renommierte Ökonomen empfehlen deshalb einen Mix aus allen drei Optionen: "Ohne mehr Wachstum wird sich das Problem nicht lösen lassen", sagt zum Beispiel Clemens Fuest, Wirtschaftsprofessor an der Universität Oxford und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium. "Mittel- und langfristig wird man angesichts der alternden Gesellschaft aber auch nicht umhin kommen, die Sozialausgaben den veränderten Einnahmebedingungen anzupassen."
Soll heißen: Einen Zuschuss zur Rentenversicherung, der Jahr für Jahr ein Viertel der Bundesausgaben bindet, kann sich der Staat auf Dauer nicht leisten. 2010 wird dieser Zuschuss gut 80 Milliarden Euro betragen.
Sollte die derzeitige Rezession statt in einen Aufschwung in eine jahrelange Stagnation münden, hält Fuest auch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer für unumgänglich. Eine Anhebung von 19 auf 25 Prozent, wie sie manche derzeit fordern, würde dem Bund dauerhaft Mehreinnahmen von etwa 25 Milliarden Euro bringen. Sowohl Steinbrück als auch Kanzlerin Angela Merkel haben einen solchen Schritt nach den schlechten Erfahrungen bei der Wahl 2005 allerdings ausgeschlossen.
Noch unrealistischer ist eine Erhöhung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes von derzeit sieben Prozent, wie er angeblich in der Unionsfraktion diskutiert wird. Zwar brächte eine Angleichung an den allgemeinen Steuersatz dem Bund 14 Milliarden Euro - die Regierung würde aber alle Verbraucher und auch die Zeitungsverleger gegen sich aufbringen, denn Lebensmittel, Presse-Erzeugnisse und Bücher würden teurer. Und selbst die Hundebesitzer hätte sie gegen sich, denn Tierfutter kostete dann auch mehr.
Unpopuläre Maßnahmen
Ähnlich unpopulär wären auch eine Erhöhung der Mineralölsteuer, die pro Cent 600 Millionen Euro in die Kasse des Bundes bringen würde, eine Kürzung des Rentenzuschusses um zehn Prozent (acht Milliarden Euro) oder ein Wegfall der staatlichen Überweisungen an die Gesetzliche Krankenversicherung (rund sechs Milliarden Euro).
In letzteren Fällen müssten entweder die Leistungen gekürzt oder aber die Beiträge angehoben werden. Selbst die vermeintlich so aufgeblähte Bundesagentur für Arbeit bietet - wie selbst FDP-Politiker unter der Hand einräumen - ein Einsparpotential von nicht mehr als drei Milliarden Euro. Wie wenig ergiebig das Sparen ist, zeigt im übrigen auch das "Liberale Sparbuch" der Freidemokraten: Es kommt mit 400 Kürzungsvorschlägen auf Einsparungen von gerade einmal elf Milliarden Euro.
Angesichts der sich abzeichnenden Widerstände an allen Fonten spukt deshalb seit einiger Zeit ein neuer Begriff in den Hinterköpfen vieler Finanzpolitiker herum: Inflation. Tatsächlich wären jahrelange, kräftige Preissteigerungen ein probates Mittel, um das Schuldenproblem zu lösen.
Die Schäden wären aber noch viel größer als bei allen anderen Vorschlägen zur Etatsanierung: geschockte Sparer, immense Lohnforderungen der Gewerkschaften, ein Dauerkonflikt zwischen Bundesregierung und Europäischer Zentralbank.
- ZEW-Chef Wolfgang Franz "Die Rechnung dafür kommt erst noch" 26.06.2009
- Wirtschaft schrumpft um sechs Prozent Konjunkturforscher erwarten Mega-Minus 22.04.2009
- CDU-Ministerpräsident Oettinger Ruf nach höherer Mehrwertsteuer 25.06.2009
- Prognose der EU Ganz Europa versinkt in Rezession 19.01.2009
- Peer Steinbrück im Interview "Jeden Tag brennt es an einer anderen Ecke" 30.05.2009
- Politik kompakt Israels Armee erschießt zwei Palästinenser 21.03.2010
- Finanzen kompakt Richter brüskieren Osterhasen 17.03.2010
(SZ vom 26.06.2009/as/hgn)
Vor ein paar Monaten gab es einen Finanzwissenschaftler bei Anne Will, der gemeint hat dass viele dieser Banken, die staatliche Unterstützung bekommen haben, überhaubt nicht "systemwichtig" sind, und dass es gelangt hätte, wenn der Staat nur die Sparervermögen gesichert hätte, und etliche Banken in die Insolvens hätte gehen lassen.
Dazu sein neben ihm sitzender CDU-Politiker: "Das kann man nicht machen, das können vielleicht Sie so akademisch, aber politisch ist das nicht durchsetzbar." Oder so was ähnliches. Ich muss jedoch auch zugeben, dass dieser Finanzwissenschaftler die Forderung der Liberalen nach Steuersenkungen unrealistisch gefunden hat.
Es ist auch meine Meinung, dass den Konjunkturprogrammen und den Bankenrettungspacketen Milliarden verbrannt wurden. Es war sträflich kurzsichtig, den Staat so schnell zu verschulden. Unverschämt auch der Herr Steinbrück, der vor ein paar Tagen bei der Vorstellung des neuen Haushalts erstmal mit einem Witz anfängt. Wenn ich im Cafè ein Croissant klaue, werde ich angezeigt; dieser Mann und die Regierung dessen Teil er ist, hat es geschafft die Pro-Kopf Verschuldung jedes Bundesbürgers zu vervielfachen und kann dem noch ein Lachen abgewinnen...
Ich habe heute früh in den Kommentaren gelesen, dass Libertäre immer noch von einer Nachtwächterfunktion des Staates träumen würden. Ich kann dem in diesem Fall nichts schlechtes daran sehen: Ein Nachtwächterstaat hätte nicht Milliarden für die Bankenrettung ausgegeben zum Beispiel, oder zwei sinnlose Konjunkturprogramme...
Deutschland geniest immer noch einen exzellenten Ruf als Gläubiger. Wenn dieser schwindet, weiss ich nicht wie es weitergehen soll...
Noch was: Die Linken haben ein 100 Milliarden Euro Investitionsprogramm im Angebot für die Bundestagswahl...was einem irgendwie so scheint, als ob man jetzt jede vor einem halben Jahr noch völlig unrealistische Zahl nennen könnte; es ist nie zu hoch...
"Hier der erfolgreiche Krisenmanager Steinbrück, dort der biedere Buchhalter Eichel."???
Ja spinn ich?
Eichel war, was Steinbrück nie sein wird: seriös.
Wo ist er denn, der Erfolg, abgesehen von zunehmender Isolation Deutschlands durch Steinbrücks kontinuierliches schwach von der Seite Anmachen unserer Nachbarländer? Das Beste was Steinbrück zuwege bringen wird ist das Land in den finanziellen Ruin zu treiben. Bitte abwracken, ohne Prämie.
das Gelderwerb- und Verteilungssystem, wozu auch die Steuern gehören, ist - wie sich mit der linken Hand an der rechten Schläfe kratzen -geht doch.
"einen solchen Schritt nach den schlechten Erfahrungen bei der Wahl 2005 allerdings ausgeschlossen"
Die CDU bzw. SPD hat schlechte Erfahrungen mit der Mehrwertsteuererhöhung gemacht?
Das sollte wohl nur ein Witz sein.
Wie der Artikel gut beschreibt, sind alle Maßnahmen, selbst in der Summe, nicht ausreichend, um den immensen Schuldenberg kurz und mittelfristig abzutragen.
Jahrelang wurde der deutsche Wohlstand zu einem großen Teil durch Schulden finanziert. Wir müssen auch lernen, dass das Freibad an jeder Ecke, die bequeme Autobahn vor der Tür und die Gehälter, Pensionen und Renten aller Schichten in den letzten Jahrzehnten nicht die reale Wirtschaftskraft Deutschland widerspiegelt, sondern nur dadurch zustande gekommen ist, dass JEDE Regierung seit Helmut Schmidt den Wunsch nach Wohlstand mit Schulden mit finanziert hatte. Die Beispiele der durch Schulden finanzierten "Bequemlichkeiten" ließe sich noch lange fortsetzen. Verantwortet von Politikern, die durch uns gewählt wurden!
Jetzt ist der Punkt gekommen, vor den uns viele Ökonomen gewarnt haben: eine einfache Rückkehr, eine leichte Änderung ist nicht mehr möglich. Das System des Verschiebens des Zahlungszeitpunktes in eine optimistische Zukunft ist nicht mehr möglich, da die Zukunft uns nicht mehr, sondern weniger Einnahmen bescheren wird.
Wer nun eine simple und schnelle Lösung propagiert ist ein Scharlatan! Wer auch immer meint, "man müsse nur ..." hat entweder nichts verstanden oder ist ein Demagoge. Für uns alle wird die Zukunft eines bringen: Verzicht.
Verzicht auf gewohnte Standards. Verzicht auf liebgewonnene Bequemlichkeiten, Verzicht auf Sicherheit und Wohlstand. Der größte Teil der Menschen in Deutschland wird sich wahrscheinlich darauf einrichten MÜSSEN, für wenig viel arbeiten zu müssen, oder, wenn keinerlei Arbeit in Aussicht ist, mit dem Wenigsten und Notwendigsten auszukommen. Ob nun aufgrund mangelnden Geldes im öffentlichen Haushalt, oder aufgrund einer Inflation.
Aber selbst so einer trüben Aussicht kann man etwas Gutes abgewinnen: vielleicht ist es künftigen Generationen eine Lehre. "Höher, Weiter, Mehr" ohne adäquate Leistung oder Gegenwert ist kein langfristig funktionierendes Prinzip. Auf allen Ebenen: in der Politik, im Gewinnmaximierungsgedanken der Unternehmenslenker und AUCH in den Köpfen der "kleinen Leute".
Paging