Ein Kommentar von Marc Beise

Die Wirtschaft rast, heute mehr denn je. Aber muss das wirklich sein? Die Krise ist auch durch eine systematische Hektik entstanden. Wer aber gelassen agiert, mindert nicht nur die Risiken.

Weihnachten 2008. In den Büros der Republik leeren sich die Etagen. Die meisten Manager und Geschäftsführer haben den Montblanc-Füller verschraubt, die Terminkalender geschlossen, die Tastatur nach hinten geschoben - und sind nach Hause gefahren, endlich. Zwar kommt in Zeiten von Handy und Blackberry das Geschäft nicht ganz zum Erliegen, aber die Betriebstemperatur kühlt sich merklich ab, für manchen Workaholic sogar bedrohlich stark.

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Mensch bleiben: Mitarbeiter an der New Yorker Wall Street singen gemeinsam am 24. Dezember. (© Foto:)

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Wie haben sie gekämpft in den letzten Wochen und Monaten, in denen die Wirtschaft aus den Fugen zu geraten schien. Im Sommerurlaub waren die schlechten Nachrichten noch beruhigend weit weg. Einzelne erreichte die Krise aber bereits dort. Dann ging es Schlag auf Schlag. Krisensitzungen hier und dort, Risikofahndung, Revisionen, Kontrolle, und das alles rund um die Uhr, besonders gerne an Samstagen und Sonntagen.

Siemens hat seine Korruptionsaffäre zum offiziellen Ende gebracht - an einem Advents-Wochenende. Die Hypo Real Estate verkündete den Rauswurf von mehr als der Hälfte ihrer Mitarbeiter - an einem Advents-Wochenende. Die Bundeskanzlerin lud die Wirtschaftschefs zum großen Rat ins Kanzleramt - an einem Advents-Wochenende. Und noch am 23. Dezember reisten die Staatskanzleichefs der 16 Bundesländer zu Angela Merkels erstem Mitarbeiter Thomas de Maizière ins Kanzleramt, um sich über die Pläne für ein Konjunkturprogramm zu beugen.

Mittlerweile gehört es nicht nur zum politischen, sondern auch zum wirtschaftlichen Geschäft, abends, nachts und am Wochenende zu tagen. Das war früher anders. In der öffentlichen Wahrnehmung fand Wirtschaft an den Handelstagen der Wertpapierbörsen statt, und der abendliche Dax-Stand markierte das Ende dieses Tages . Traditionell erscheinen viele Wirtschaftszeitungen immer noch "börsentäglich", also montags bis freitags.

Die Hektik ist allgegenwärtig

Wenigstens in der Wirtschaft, hatte man bisher den Eindruck, gelten noch die alten Schablonen: Arbeit von morgens bis abends, fünf Tage die Woche, und das war's. Wer mehr arbeitete, war Manager und wurde entsprechend besser bezahlt oder gehörte zu den Berufsgruppen, die die Gesellschaft traditionell und sträflich ausnutzt: Krankenschwestern, Bereitschaftsärzte, Polizisten zum Beispiel. Heute aber bestimmen nicht mehr die Börsen die Schlagzeilen, sondern die (meist schlechten) Firmennachrichten, und die halten sich an keine Zeiteinteilung. Die Hektik also ist allgegenwärtig, und die Frage lautet: Muss das sein?

Es geht ja auch anders. In vielen Firmen, zum Beispiel in der Autoindustrie, ruht die Arbeit derzeit ganz - weil die Aufträge fehlen. Zwangsferien: So allerdings möchte man die weihnachtliche Besinnlichkeit dann auch wieder nicht umgesetzt wissen.

Ausgelöst durch die geplatzten Wertpapier-Spekulationen vor allem in den USA hat die Finanzkrise weltweit die sogenannte Realwirtschaft erreicht. Noch erinnern sich die meisten Menschen an ordentliche Jahre (auch wenn der Aufschwung bei vielen nicht angekommen ist) und ergeben sich dem Weihnachtskonsum. Doch der Kater kommt gewiss, und so spricht die Kanzlerin: "2009 wird das Jahr der schlechten Nachrichten."

Tag und Nacht am Blackberry

Die Krise ist deshalb so groß, weil die Welt so klein ist. Alles ist mit allem verknüpft und hat damit Wirkung auch nach überall. Man nennt dies Globalisierung, sie ist die Folge von modernster Kommunikation und Logistik, und sie ist nicht zu verhindern. Sie ist auch nicht des Teufels, es gibt ja große Wohlstandsvorteile.

Nicht ohne Grund ist Deutschland bis zuletzt wirtschaftlich so erfolgreich gewesen. Die internationale Vernetzung hat aber auch Nachteile: Wenn die Dinge aus dem Ruder laufen, dann laufen sie überall quer. Und: Je internationaler eine Gesellschaft ist, desto weniger findet sie Ruhe; alleine schon wegen der Zeitverschiebung. Eben deshalb müssen die Blackberrys Tag und Nacht bedient werden, und die Telefone laufen heiß.

Klagen über die Beschleunigung sind nicht neu, schon Goethe war unwohl angesichts des teuflisch geschwinden Charakters der Neuzeit, und ein guter Teil der Diagnose von Karl Marx beruht auf diesem Zusammenhang. Neu ist die totale Dimension dieser Beschleunigung. Man kann sich ihr nicht entziehen. Aber man kann sie doch gestalten.

Gegenmaßnahmen beginnen im Kleinen. Immer weniger Berufstätige können es sich noch leisten, Arbeit und Freizeit konsequent zu trennen - aber muss die Arbeit deshalb die Freizeit auffressen? Nicht jede Krisensitzung muss am Sonntag abgehalten werden, häufig würde auch der Montag reichen. Nur in extremer Notlage ist es zwingend, die Zerlegung eines Unternehmens zehn Tage vor Weihnachten bekanntzugeben. Kündigungsgespräche muss man nicht im Dezember führen, wenn man schon im Herbst weiß, dass Konsequenzen unvermeidbar sind. Und dann kann man sich Zeit für diese Gespräche nehmen.

Im Kern geht es um traditionelle Werte: maßhalten und nachhaltig wirtschaften. Beides verträgt sich nicht mit absoluter Hektik. Die Weltfinanzkrise ist nicht zuletzt durch eine systematische Hektik entstanden, in der die Zeit fehlte, Risiken zu kalkulieren. Wer aber gelassen agiert und nachhaltig plant, mindert nicht nur die Risiken: Er kann auch in Zeiten heftigster Globalisierung Mensch bleiben - und sogar erfolgreich sein. Die Weihnachtsfeiertage mit ihrem abrupten Ende der Geschäftigkeit sind die beste Zeit, diese Entschleunigung zu üben.

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(SZ vom 24./25./26.12.2008/gba)