Weltwirtschaftsforum Kevin Spacey zieht Davos in seinen Bann

Kevin Spacey

(Foto: AP)

Kein Ökonom, kein Politiker stößt beim Weltwirtschaftsforum auf so viel Interesse wie der US-Schaupieler.

Von Ulrich Schäfer

Manche Menschen trifft man in Davos immer wieder: Travis Kalanick etwa, den Gründer von Uber. Oder Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds. Oder John Kerry, den amerikanischen Außenminister. Mal rauscht er, samt zahlreicher Security-Menschen, durch die Eingangshalle des Hotel Belvedere. Mal fährt er mit der Zahnradbahn hinauf auf die Schatzalp, das alte Jugendstilhotel hoch über Davos, um an einem Wohltätigkeitsdinner teilzunehmen.

Und wo John Kerry ist, da ist Kevin Spacey oft nicht weit, umringt von einer ähnlichen Traube von Begleitern. Seit Mittwoch sieht man den amerikanischen Filmschauspieler ("House of Cards") und Produzenten immer wieder in Davos, beim Dinner auf der Schatzalp oder auf den Gängen des Kongresszentrums, wo er am Freitag im Saal Aspen 2 über seine Anfänge als Schauspieler erzählt, über seinen Mentor Jack Lemmon und seine Sicht auf die Politik in Washington.

Spacey ist beim Weltwirtschaftsforum der - ja was eigentlich? "Der König von Davos", nennt ihn die New York Post. "I am the President of the United States", stellt er sich bei einer Veranstaltung vor, wie seine Sitznachbarin am Tisch später berichtet. Der 56-Jährige zieht in Davos mehr Aufmerksamkeit auf sich als jeder andere Teilnehmer, mehr als Mario Draghi, mehr als Benjamin Netanjahu, Joachim Gauck und all die anderen mehr als 40 Staats- und Regierungschefs. Die halbstündige Session mit ihm, in einem kleinen, intimen Saal mit nicht mal 100 Plätzen, ist stärker überbucht als jede andere Veranstaltung im Programm.

Schon lange bevor es losgeht, bildet sich vor der Tür eine lange Warteschlange all jener, die nicht auf der Anmeldeliste stehen - und trotzdem hoffen, noch einen Platz zu bekommen. Ganz weit vorne: Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Er schafft es, glücklich lächelnd, am Ende auch noch in den Saal.

Allein die Story zählt

Spacey liebt es, Geschichte zu erzählen. Auch bei jedem Drehbuch, das an ihn herangetragen werde, interessiere ihn zunächst die Story - und erst am Ende, welche Rolle er spiele, sagt Spacey. Und so schafft es Spacey, der Storyteller, in der nächsten halbe Stunde, die Zuhörer im Saal mit seinen Geschichten voll in seinen Bann zu ziehen.

Das gelingt ihm gleich beim ersten Thema, der großen Politik, als der Moderator ihn fragt: Wie würde Frank Underwood, der Politiker aus Washington, den Spacey in "House of Cards" spielt, denn den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf bewerten, vor allem die Kampagne von Donald Trump? Underwood würde sagen, antwortet Spacey: "Das haben wir alles schon mal erlebt." Trumps populistische Angst-Kampagne ähnele sehr der Kampagne von George Wallace im Jahr 1968.

Seine Faszination für die Politik, erzählt Spacey, reiche weit zurück. Er habe Bill Clinton besucht, als der noch Senator in Arkansas war, und als Ted Kennedy Präsident werden wollte, habe er in diesem Team gearbeitet. Aber wie realistisch ist "House of Cards" tatsächlich? Spacey lacht: "Die eine Hälfte der Politiker lieben diese Serie, weil sie sagen: Das ist doch völlig übertrieben. Die anderen sagen mir: Mister Spacey, Sie kommen mit dieser Serie der Wirklichkeit näher als irgendwer sonst."

Dann, das zweite Thema, Spaceys Weg in die Schauspielerei: Er erzählt, wie er als Achtjähriger erstmals auf der Bühne stand, als Mitglied einer Theater-AG an der Schule, und angenehm überrascht war vom vielen Applaus, den er da bekommen habe. Daheim habe er dann oft Jimmy Stewart nachgemacht, um seine hart arbeitende Mutter zum Lachen zu bringen. "Sie liebte mich dafür", sagt er und er fällt dann in den Tonfall von Jimmy Stewart.

Als 13-Jähriger, erzählt Spacey weiter, habe er dann in den Sommerferien an einem Schauspiel-Workshop teilgenommen, Jack Lemmon sei dort aufgetaucht, habe ihn auf der Bühne gesehen und ihm danach die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt, er müsse unbedingt auf eine Schauspielschule in New York gehen. Also zog Spacey dorthin und traf, 13 Jahre später, Lemmon wieder. Später standen die beiden gemeinsam auf der Bühne, drehten drei Filme zusammen und Lemmon sei "der großartigstes Mentor geworden, den man sich vorstellen kann". Eine echte Vaterfigur. "Manchmal braucht man im Leben eben Menschen, die einen ermutigen", sagt Spacey.

Das dritte Thema schließlich: die Zukunft des Filmgeschäfts. Spacey ist fasziniert von den neuen technischen Möglichkeiten, vor allem von der Virtual Reality. Die klobigen Brillen von heute, klar, die seien nicht die Zukunft. "Die erinnern mich an die großen, schweren Funktelefone von früher." Aber wenn die Technik sich verbreite und die Brillen handlicher würden, könnten die Zuschauer künftig bei Live-Veranstaltungen ganz anders dabei sein: als virtueller Zuschauer direkt an der Außenlinie eines Fußballspiels etwa. Oder Kinder könnten in der Schule lernen, wie es sich anfühlt, bis auf den Boden des Ozeans hinunterzutauchen. Auch das Filmgeschäft werde sich "radikal verändern".

Aber was zählt, ist am Ende nur eines: die Geschichte. Und so erzählt Spacey zum Schluss eine Story, die einigen im Saal die Tränen in die Augen treibt. Sie handelt von einem schüchternen Mädchen, das bei einem Schauspiel-Workshop in Abu Dhabi im Raum gesessen habe und nicht auf die Bühne wollte. Spacey holte sie trotzdem hoch und forderte sie auf, eine Film- oder Theaterszene nachzuspielen, die sie kenne. Es müsse auch nicht Shakespeare sein. Also spielte die junge Frau eine Szene aus dem Film "Grüne Tomaten", in der es um Missbrauch in der Ehe geht.

Der erste Auftritt verlief noch etwas spröde, deshalb forderte Spacey die Frau auf, die Szene noch einmal zu spielen und dabei so viele Gefühle hineinzulegen wie möglich. Also trug die Schauspielschülerin die Szene noch einmal vor, wieder und wieder sagte sie den zentralen Schlüsselsatz und ließ ihren Tränen freien Lauf. Was diesmal für sie anders gewesen sei?, wollte Spacey von ihr wissen. Noch nie in ihrem Leben, antwortete die junge Frau, sei sie aufgefordert worden, ihre Gefühle zu zeigen. "Das sagt alles darüber, was für Frauen in der arabischen Welt falsch läuft", erzählt Spacey. Neun Monate später dann habe er von der Frau aus Abu Dhabi einen Brief bekommen: Sie gehe jetzt als Schauspielschülerin nach London.