Weltwirtschaftsforum in Davos Geld gegen Leben

Jamie Dimon auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Er verteidigt die Rolle der Banken in der Finanzkrise: "Wir waren da, in guten wie in schlechten Zeiten. Auch für Staaten wie Italien und Spanien."

(Foto: Bloomberg)

JP-Morgan-Chef Dimon will kein Sündenbock sein. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos gibt er zwar zu, dass Banken während der Finanzkrise Fehler gemacht hätten - aber nicht so schlimme wie andere. Er meint: "Das Leben geht weiter."

Von Lutz Knappmann, Davos

Das Zitat eilt Jamie Dimon nach Davos voraus: "Ihre Fehler haben Leben gekostet, unsere nicht", hat der Chef von JP Morgan Chase, einer der größten US-Banken, am Montag einem deutschen Chemie-Manager vorgeworfen. Mit anderen Worten: Die Fehler der Investmentbanken in der Finanzkrise waren zwar teuer, aber was ist schon Geld gegen Leben. So kann man das sehen, so sieht es Dimon.

Zwei Tage später sitzt der selbstbewusste US-Banker mit den weißen Haaren auf einer Bühne im Kongresszentrum von Davos, gemeinsam mit weiteren führenden Managern der Finanzindustrie, ihm zu Füßen die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums, Manager, Politiker, sehr einflussreiche Menschen. Es geht um die Frage, welche Konsequenzen Banken, Regulierungsbehörden und Regierungen aus der Finanzkrise ziehen sollten.

Dass Banken wie JP Morgan Fehler gemacht haben, bestreitet selbst Dimon nicht. Durch die Finanzkrise ist sein Haus zwar vergleichsweise unbeschadet gekommen, vergangenes Jahr verlor es aber mit riskanten Krediten mehr als zwei Milliarden Dollar. Doch Dimon wehrt sich gegen die, wie er es sieht, Rolle des Sündenbocks. "Wir waren da, in guten wie in schlechten Zeiten. Auch für Staaten wie Italien und Spanien."

"Das Leben geht weiter"

Dimon ist in Fahrt, auch hier in Davos wieder: "Das Leben geht weiter", ruft er, das Kinn vorgestreckt, die Stimme einen Tick lauter als die seiner Gesprächspartner. "Es wird immer Finanzgeschäfte geben", sagt er. Sobald Menschen sparten, entstünden Geldanlagen: "Und wir alle wollen, dass Menschen sparen." Daher seien Geldanlagen und Derivate unverzichtbar.

Paul Singer, Chef des New Yorker Hedgefonds-Anbieters Elliott Management, hält dagegen. Die Krise 2008 habe gezeigt, "dass weder Banken noch die Regulierungsbehörden mehr die Mechanismen der Geschäfte erklären können". Der zentrale Vorwurf in der Krise lautet, dass die Geschäfte der Banken und Handelshäuser viel zu komplex seien, um ihre Risiken zu durchschauen. Dimon lässt - wen mag es wundern - die Kritik nicht gelten: "Sie wissen doch auch nicht, wie ein Flugzeug im Detail funktioniert."

Gegen die Wucht von Dimons Auftritt wirkt UBS-Verwaltungsratschef Axel Weber beinahe zurückhaltend. Der einstige Bundesbankchef und Fast-EZB-Präsident plädiert eindringlich dafür, weltweit gültige Regeln für Banken und Finanzgeschäfte einzuführen. "Sie brauchen unbedingt einen globalen Standard", so Weber. Die Regulierer versuchten zwar, die Komplexität von Finanzprodukten und im Handel zu reduzieren. Gleichzeitig erhöhten sie dabei aber die Komplexität der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Viele Ideen stehen im Raum: Die Trennung des Investmentgeschäfts vom klassischen Geschäft mit Kundeneinlagen. Neue Eigenkapitalrichtlinien. Eine Finanztransaktionssteuer. UBS-Chef Weber konstatiert: "Die Zukunft für die Banken wird sehr anders sein."

Globale Regeln, dafür tritt auch Dimon ein. Freilich nicht ohne zu warnen: "Wir sollten nicht die großen Institutionen diskriminieren. Es ist nicht die schiere Größe, die Risiken birgt." Wen er in dieser Opferrolle sieht, muss er dabei nicht lange erklären - sich selbst.