Ein Kommentar von Guido Bohsem

Jede Nation ein Bauteil: Der Mega-Flieger Weltwirtschaft hat notlanden müssen - jetzt kommt er nicht mehr weg vom Boden. Es steht eine Dekade des Miniwachstums bevor.

Um die Weltwirtschaft zu verstehen, um beurteilen zu können, ob und wann es nach dieser scheinbar endlosen Krise wieder aufwärts gehen kann, ist es nützlich, ein Bild zu Hilfe zu nehmen. Man stelle sich ein Flugzeug vor, bei dem jedes Land für ein Bauteil steht: Der Flügel symbolisiert die ökonomische Großmacht Japan, Nordkorea taugt bestenfalls als Armlehne des Piloten. Als dem ökonomisch stärksten Land des Planeten käme den USA die wichtigste Funktion zu - die des Motors. Jahrelang lief dieser Motor auf Hochtouren, der Weltwirtschafts-Jet hob zu einem Langstreckenflug ab. Dann jedoch fielen die Turbinen aus, es half nur noch eine Notlandung. Seither steht der Flieger im Hangar - allen Reparaturversuchen zum Trotz.

Airbus, Reuters

Jedes Land ein Bauteil: Die Weltwirtschaft gleicht einem großen Flugzeug, das nicht mehr vom Boden loskommt. (© Foto: Reuters)

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Vieles spricht dafür, dass dies noch lange so bleiben wird. Die Welt steht vor einer Dekade des Miniwachstums, weil die USA in der Krise einen derart drastischen Wohlstandsverlust erlitten haben, dass sie es sich nicht mehr leisten können, die Weltwirtschaft so kräftig anzutreiben wie in der Vergangenheit. Es war der unbändige Appetit der amerikanischen Verbraucher auf Waren, Dienstleistungen und Kredite, der alle anderen Länder mitzog, insbesondere Deutschland, Japan und China. Die gigantische und anhaltende Nachfrage aus den USA mehrte den Wohlstand der Exporteure.

In der Folge reihten die USA ein Rekord-Außenhandelsdefizit an das nächste. Deutschland hingegen wählte den umgekehrten Weg und ließ sich Jahr um Jahr als Exportweltmeister feiern. Da der Konsum gleichzeitig mau blieb, entstand ein entsprechender Handelsbilanzüberschuss, der durchaus gewollt war: Schließlich hatte schon die rot-grüne Bundesregierung den Bürgern eingetrichtert, mit Blick auf den demographischen Wandel mehr Geld fürs Alter zurückzulegen. Das staatlich geförderte Angstsparen namens Riester-Rente feiert seitdem fröhliche Urstände in Deutschland.

Gut ablesen lässt sich der Unterschied zwischen Deutschen und Amerikanern an der Sparquote: Während die Bundesbürger seit Jahren rund elf Prozent ihres verfügbaren Einkommens beiseite legen, fiel der Wert in den USA zeitweise fast auf null. Seit Ausbruch der Krise ist das anders. Durch den Zusammenbruch des Immobilienmarktes und die Bankenpleiten verloren viele US-Bürger ihre Altersrücklagen. Sie sind jetzt ärmer als vorher und reagieren entsprechend: Sie sparen. Die Quote liegt inzwischen bei sechs Prozent, und viele Experten gehen davon aus, dass sie weiter steigen wird.

Die Reaktion ist verständlich, für die Weltwirtschaft aber ist sie fatal. Denn ohne den leidenschaftlichen Konsum seiner Bürger fehlt dem Flugzeugmotor USA der Sprit. Andere Tankstellen sind ebenso wenig in Sicht wie ein Ersatzantrieb: Keines der großen Industrie- und Schwellenländer, deren Staats- und Regierungschef derzeit im italienischen L'Aquila zusammensitzen, hat die ökonomische Kraft, an die Stelle der USA zu treten. Japan und Deutschland kämpfen zunehmend mit der Überalterung ihrer Gesellschaften, für großzügigen Konsum gibt es dort keinen Spielraum. Russland, China, Indien und Brasilien wachsen zwar dynamisch, aber von einem so niedrigen Niveau aus, dass sie allenfalls ein Propellerflugzeug antreiben könnten.

Dass der Weltwirtschafts-Jumbo wenigstens notlanden konnte und nicht abstürzte, ist allein den gigantischen staatlichen Konjunkturprogrammen geschuldet, die weltweit für einen Nachfrage-Boom sorgten. Sie dienten praktisch als Hilfsmotor. Dieses Notaggregat wurde jedoch bei der Landung überhitzt. Ins Ökonomische übersetzt heißt das: Die Kreditpolitik der Regierungen und Notenbanken wird auf Dauer zu höherer Inflation und riesigen Schuldenbergen führen. Daher beraten die Industriestaaten schon jetzt über einen Rückzug. Der Flugzeugmotor wird damit in den kommenden Jahr allenfalls ruckeln. Für einen ruhigen, ausdauernden Flug ist das zu wenig.

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(SZ vom 10.07.2009/tob)