Weltwirtschaft Ungleichheit behindert Wachstum

IWF-Chefin Lagarde dankt dem scheidenden Bundesfinanzminister Schäuble für seine Arbeit. Er sei ein Gigant, sagt sie.

(Foto: Andrew Harrer/Bloomberg)

Der Internationale Währungsfonds überrascht mit klaren Forderungen an das Weiße Haus. Und mit einer neuen These: Wenn Reiche immer reicher werden, sind Wohlstand und Zusammenhalt in Gefahr.

Von Cerstin Gammelin, Washington

Der Internationale Währungsfonds in Washington hat auf seiner Herbsttagung zwei ungewöhnliche Diskussionen angezettelt. IWF-Chefin Christine Lagarde persönlich mahnte, die gegenwärtig krisenarme Zeit mit stabilem Wirtschaftswachstum zu nutzen, um gegen mittelfristige Risiken vorzugehen, die sich bereits abzeichneten. "Wir müssen das Dach decken, solange die Sonne scheint", sagte sie - und rief eine "Zeit des Handelns" aus. Brisant ist, wo Lagarde die größten Risiken für neue Krisen identifizierte: bei der US-Regierung und der von Präsident Donald Trump angestoßenen America-first-Politik.

Zwar vermied es Lagarde, Trump beim Namen zu nennen. Aber ihre Aufzählung der dringendsten Aufgaben lässt keinen Zweifel daran, an wen sie die Botschaft adressierte. Um Wachstum und Wohlstand zu fördern, müsse der Freihandel gestärkt, Klimawandel bekämpft sowie die Regulierung der Finanzmärkte beibehalten werden. Die IWF-Chefin forderte weitgehend das Gegenteil von dem, was Trump verbal angekündigt und beispielsweise mit der Aufkündigung des Pariser Klimaabkommens schon umzusetzen begonnen hat. Lagarde betonte die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit: "Diese Art der Kooperation voranzubringen, ist der Weg, wie wir am besten unseren 189 Mitgliedsländern helfen können, um eine inklusive, widerstandsfähigere globale Wirtschaft zu schaffen."

Lagarde wurde von Notenbankern und Finanzministern unterstützt, darunter Wolfgang Schäuble. Der scheidende Bundesfinanzminister warb bei seinem Auftritt für multilaterale Kooperationen und eine wertebasierte Politik, um der wachsenden Skepsis gegenüber der Globalisierung zu begegnen. Lagarde danke Schäuble auch für seine Arbeit. Er sei "ein Felsen, ein Gigant".

Am besten lässt sich Ungleichheit über die Berufstätigkeit von Männern und Frauen abbauen

Überraschend war zudem die Analyse des Fonds, dass die zunehmend ungleiche Verteilung von Reichtum auch das Wirtschaftswachstum bremse. Jahrzehntelang hatte der IWF die neoliberale These vertreten, wonach Ungleichheit den Wohlstand befördert. Die Möglichkeit, über mehr Anstrengung auch mehr Geld zu verdienen und sich von anderen abzusetzen, galt als Triebfeder dafür. Inzwischen relativiert Chefökonom Maurice Obstfeld diese Annahme. "Während kräftiges Wachstum nötig ist für die ökonomische Entwicklung, ist es doch nicht ausreichend", sagte er. Obstfeld warnte, dass die Ungleichheit in einigen Industrieländern ansteige, während sie in Entwicklungsländern hoch bleibe. Ungleich verteilter Reichtum polarisiere die Bürger, er mache unzufrieden und schüre Ängste. Die Menschen fürchteten, weiter abgehängt zu werden und ihre Arbeitsplätze zu verlieren. Das führe schließlich dazu, dass sie für eine Politik der Abschottung und der Barrieren stimmten.

Lagarde wies darauf hin, dass der anhaltende Aufschwung der Weltwirtschaft vor allem auf dem internationalen Austausch von Waren und Dienstleistungen beruhe. Welthandel mache immer noch reich - nur müssten die Erträge daraus besser verteilt werden. Beispielsweise über gezielte Investitionen in Infrastruktur und Bildung. Aber auch über die Gleichstellung von Frauen und Männern. "Der beste Weg, Ungleichheiten abzubauen, ist nicht, Reiche stärker zu besteuern. Sondern den Unterschied in der Berufstätigkeit von Frauen und Männern zu beenden."

Zwar sprach Lagarde mit dieser Empfehlung so gut wie alle Staaten an. Andererseits hat sie erneut für die USA eine besondere Brisanz, da sich Trump gerade daran macht, den Wohlstand über eine Steuerreform gesetzlich umzuverteilen. Angekündigt hat er die größte Steuerentlastung in der jüngeren amerikanischen Geschichte. Kritiker behaupten, er wolle vor allem Reiche entlasten. Aus Sicht von IWF-Chefvolkswirt Obstfeld ist ohnehin unklar, ob weitere Steuersenkungen die Wirtschaft in den USA zusätzlich anregen könnten. "Wir sind uns einfach nicht sicher, in welchem Maße eine stimulierende Wirkung eintreten würde, wenn denn ein endgültiges Steuer-Konzept entschieden ist in den USA", erläuterte er.

Die US-Steuersätze sind bereits mehrmals drastisch abgesenkt worden und liegen international gesehen auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Sollten sie weiter gesenkt werden, könnte dies nicht nur ein Loch in den Staatshaushalt reißen, sondern auch international einen Steuerwettlauf nach unten auslösen. In Washington waren entsprechende Warnungen zu hören. Schäuble, der am Rande der Herbsttagung Trumps Wirtschaftsberater Gary Cohn traf, wollte sich nicht dazu äußern, ob er dabei vor einem Steuerwettlauf gewarnt habe. Der US-Administration jedenfalls gefiel die Analyse der IWF-Ökonomen nicht. Der Fonds solle sich um sein Kerngeschäft kümmern, ließ das mit knapp 17 Prozent Stimmanteil größte Mitglied wissen.

Es ging auf der Herbsttagung nicht nur darum, wie gemäß Lagardes Metapher das Dach wetterfest gemacht werden kann, sondern auch, wer die Dachdecker sein könnten. Weltweit stehen bis 2019 wichtige Personalentscheidungen an, die entscheidenden Einfluss auf die globale Wirtschafts- und Finanzpolitik haben werden. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wer Schäuble im Bundesfinanzministerium beerben und damit Deutschlands Vertreter in den internationalen Runden einnehmen wird. Das Wort aus Berlin, getragen von der größten Volkswirtschaft Europas, hat viel Gewicht.

Etwa zur gleichen Zeit wird über den Vorsitz der US-Notenbank entschieden. Im Februar 2018 endet die erste Amtszeit von Chefin Janet Yellen. Es ist offen, ob ihre Amtszeit verlängert wird. Trump hatte sie im Wahlkampf als Erfüllungsgehilfin seines demokratischen Vorgängers Barack Obama heftig angegriffen, später aber eine Verlängerung ihres Mandats nicht ausgeschlossen. Inzwischen sind einige Namen für die Nachfolge im Gespräch, darunter der von Trumps Berater Cohn.

In Europa müssen in den kommenden Monaten der Chefposten der Euro-Finanzministergruppe neu besetzt und der nächste Präsident der Europäischen Zentralbank nominiert werden. Nächstes Jahr werden sich die Spitzenkandidaten der Parteien für die Europawahl 2019 bewerben. Jede einzelne dieser Entscheidungen bringt komplizierte Debatten und politische Gegengeschäfte mit sich. In den Fluren des IWF-Gebäudes wurde bereits intensiv über die politische Arithmetik der Personalien debattiert.